Public PaaS zündet nicht

Der deutsche Markt (ver)treibt cloudControl in die USA

07.08.2014
René Büst ist Technology Analyst & Advisor mit dem Fokus auf Cloud Computing und IT-Infrastrukturen. Er ist Mitglied des weltweiten Gigaom Research Analyst Network und gehört weltweit zu den Top 50 Bloggern in diesem Bereich. Seit Ende der 90er Jahre konzentriert er sich auf den strategischen Einsatz der Informationstechnologie in Unternehmen.
Docker Inc. trennt sich von seinem Platform-as-a-Service (PaaS) Sorgenkind dotCloud und verkauft dieses an cloudControl Inc. dem US-amerikanischen Ableger der cloudControl GmbH aus Berlin.
Foto: Cloudcontrol

Docker sorgt derzeit für mächtig Wirbel. Die Container-Technologie steht für die Zukunft moderner Applikationen und Multi-Cloud-Deployments und wird von zahlreichen großen Namen, darunter Amazon Web Services, Google und Microsoft unterstützt. Im Jahr 2010 unter dem Namen dotCloud Inc. gestartet, entwickelte das Unternehmen die erste mehrsprachige PaaS-Plattform. Im Rahmen der Weiterentwicklung entstand Docker, welches im März 2013 veröffentlicht wurde. Im Oktober 2013 fand dann die Umfirmierung in die Docker Inc. statt , um sich auf die Weiterentwicklung der Docker-Technologie zu konzentrieren.

Mit etwa 500 Kunden in vier Jahren sollte man bei dotCloud nicht von einer Erfolgsgeschichte sprechen, welches der starken Konkurrenz wie Heroku (nun Teil von Salesforce), EngineYard, Microsoft Azure oder der Google App Engine geschuldet ist. Nach dem rasanten Erfolg der Docker-Container war es daher ein strategisch kluger Schritt sich auf dessen Weiterentwicklung zu konzentrieren und für das PaaS-Geschäft einen Exit zu finden. Mit cloudControl hat man nun einen dankbaren Abnehmer gefunden.

cloudControl fokussiert sich auf US-amerikanischen Markt

cloudControl ist der erste - und bis heute einer der sehr wenigen - Public PaaS Anbieter aus Deutschland. Im Jahr 2009 gegründet, setzen die Berliner als Infrastrukturbasis auf die Amazon Web Services (EU-Region, Irland). Selbst präsentiert sich das Unternehmen als grundsolider europäischer PaaS-Anbieter. In den nunmehr fünf Jahren am Markt ernährt cloudControl 20 Mitarbeiter, hat 50.000 registrierte Entwickler auf seiner Plattform, davon ca. 500 zahlende Kunde und hat damit 1,45 Millionen EUR im vergangenen Jahr erwirtschaftet. Somit lässt ein durchschnittlicher Kunde in etwa 240 EUR pro Monat. Das ist für einen deutschen Public Cloud Anbieter sehr beachtlich. Dennoch kann man damit auf dem internationalen Parkett nicht mithalten.

Auch wenn sich cloudControl im Laufe der letzten Jahre technologisch von einem reinen PHP-PaaS zu einer mehrsprachigen Plattform mit einem beständigen Ökosystem von Partnern entwickelt hat, zeigt der Umsatz, dass das Geschäft mit Public PaaS in Deutschland sehr schwierig ist. Das haben die Berliner bereits im Juli 2013 erkannt und mit der sogenannten "Application Lifecyle Engine" die technologische Basis ihrer PaaS-Plattform extrahiert, um diese für Unternehmenskunden als Private PaaS-Lösung sowie an Hosting-Anbieter in einem White-Label Ansatz zu verkaufen.

Zur allgemeinen Steigerung des Popularitätsgrad konnte diese Maßnahme bisher nur wenig beitragen. Einer Studie von Crisp Research unter 83 deutschen ISVs im Auftrag von Pironet NDH zufolge, sind die Erfahrungswerte und der Einsatzgrad im Vergleich zu anderen PaaS-Anbietern am Markt relativ gering. Und das obwohl es sich bei cloudControl um den einzig nennenswerten Public PaaS-Anbieter in Deutschland handelt.

Mit der Akquisition von dotCloud "flüchtet" cloudControl nun auf den US-amerikanischen Markt, um dort seinen zweiten Versuch zu starten. Die Kundenzahl konnte mit dem Zukauf auf 1000 Kunden verdoppelt werden. Alle dotCloud-Mitarbeiter werden bei Docker verbleiben. Die dotCloud-Technologie wird vorerst so weiterbetrieben und im Laufe der Zeit in die cloudControl-Plattform integriert. Damit soll sichergestellt werden, dass die vorhandenen dotCloud-Kunden der Plattform treu bleiben.

Foto: Crisp Research

Public PaaS hat in Deutschland eine geringe Bedeutung

Das Dilemma um cloudControl spiegelt die Grundhaltung gegenüber der Public Cloud in Deutschland wieder. Auch der Infrastructure-as-a-Service-Markt (IaaS) tut sich schwer. Ausgaben von 210 Millionen Euro in IaaS und ein Einsatzgrad von 38 Prozent von Public-Cloud-Services im Allgemeinen für das Jahr 2013 sprechen eine deutliche Sprache.

Die Aussagen der in der Studie befragten Softwarehäuser zeichnen ein recht eindeutiges Bild. Gefragt nach dem favorisierten Betriebskonzept zur Nutzung von PaaS-Diensten im Rahmen der Entwicklungsprozesse, sprachen sich "nur" 21 Prozent für das bisherige Public Cloud-Modell aus, während 12 Prozent sich für den internen Betrieb im Rahmen einer "Private PaaS-Plattform" entscheiden würden. Die Mehrheit von deutlich über 60 Prozent würden PaaS-Dienste für Development & Test am ehesten im Rahmen eines Hosting-Modells beziehen.

Foto: Crisp Research

Hinsichtlich des Applikationsbetriebs sind die befragten Softwareha?user sogar noch etwas anspruchsvoller. Hier sind es sogar nur noch elf Prozent der befragten Unternehmen, die den Betrieb auf einer Public Cloud-Umgebung befürworten würden. Die Mehrheit (38 Prozent) sieht in einem Hosted PaaS das fu?r sie bevorzugte Betriebsmodell, um Applikationen in der Cloud zu betreiben. Weitere 30 Prozent sehen in der dedizierten Variante ("Hosted Private PaaS") ihr favorisiertes Modell. U?ber ein Fu?nftel der befragten Softwareunternehmen wu?rde ihre Applikationen nur auf einer Private-PaaS-Umgebung betreiben.

Deutschland ist ein schwieriger Markt

cloudControl die alleinige Schuld an dessen schwieriger Situation zu geben, wäre zu einfach. Vielmehr ist die Gesamtsituation des deutschen Marktes, insbesondere beim Thema Cloud, ausschlaggebend. Das bekommen auch die Ableger der US-amerikanischen Vorzeige Cloud-Anbieter tagtäglich zu spüren.

Dennoch stehen fünf Gründe im Mittelpunkt, warum cloudControl in Deutschland bislang nur langsam in Fahrt gekommen ist:

• cloudControl war sehr früh am Markt. Als Startup hatte das Unternehmen zudem die Mammutaufgabe, das Thema Cloud und PaaS im innovationsfeindlichen deutschen Markt voranzutreiben.

• Das tatsächliche Marktwachstum für PaaS und Cloud im Allgemeinen liegt in Deutschland noch vor uns.

• Der deutsche Markt und die Cloud führen grundsätzlich eine komplizierte Beziehung und gerade Public Cloud Dienste haben bei Entscheidern einen schweren Stand.

• Platform-as-a-Service ist sehr erklärungsbedürftig.

• cloudControl ist eine typische Developer Company, wodurch nur ein geringes Gewicht auf die PR und das Marketing gelegt wurde, um den Bekanntheitsgrad zu erhöhen.

Für cloudControl ergibt die dotCloud Akquisition definitiv einen Sinn und ist ein Kauf auf Augenhöhe. Beide Unternehmen zeigen eine ähnliche technologische DNA. Die Herausforderung für cloudControl wird allerdings in der Integration der Plattformen bestehen und dabei insbesondere die vorhandenen dotCloud-Kunden und deren Applikationen zu migrieren bzw. die Kunden nicht zu verlieren.

Der dotCloud-Zukauf ermöglicht cloudControl ein unmittelbares Wachstum auf der Kundenseite und öffnet den Berlinern den Zugang zum US-amerikanischen PaaS-Markt. Auch wenn cloudControl dort mit denselben dotCloud-Mitbewerben Heroku, EngineYard usw. in den Ring steigt, sollte der Weg in die USA als Chance verstanden werden. Schließlich bietet der Gesamtmarkt ausreichend Platz für mehr als einen PaaS-Anbieter. Und vielleicht heißt es bei cloudControl in naher Zukunft dann sogar: "So Long Germany, and Thanks for All the Fish". Es wäre dem Unternehmen zu gönnen. (jha)