Eine kurze Geschichte des IT-Chefs

Der CIO - totgesagt und alle Hände voll zu tun

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
In den 70er Jahren hieß er DV/Org.-Leiter, später wurde er umgetauft in CIO, künftig vielleicht in Chief Business Technology Officer (Forrester) oder Chief Digital Officer (Gartner). Diese Namensänderungen kommen keineswegs von ungefähr.
Eine Tasche voll Kryptonit könnte jeder CIO brauchen.
Eine Tasche voll Kryptonit könnte jeder CIO brauchen.
Foto: Nomad Soul/Shutterstock

Der klassische CIO ist tot. So meldete die Computerwoche im November 2010. Das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Gartner hatte den IT-Verantwortlichen, wie wir ihn kennen, zum Auslaufmodell abgestempelt. Zwei Jahre später erfreuen sich die meisten der Totgesagten immer noch bester Gesundheit. Einige von ihnen bangen aber tatsächlich um ihren Job. Denn die bisherigen Qualifikationen reichen nicht mehr aus.

In der Frühzeit der Unternehmens-IT, den 70er und 80er Jahren also, war Informationstechnik etwas für wenige Experten. Die arbeiteten tief im Bauch der Unternehmen an gigantischen Rechenmaschinen, die Lochkarten abtasteten oder - etwas später - endlose Reihen von Einsen und Nullen zu Datenkolonnen bündelten. Die Verdichtung dieser Daten zu Informationen war eine Geheimwissenschaft, ausgeübt von seriösen, wichtig aussehenden Herren.

Damals hieß dieser Unternehmensbereich noch DV, also Datenverarbeitung. Und besagte Herren zeichneten nebenher auch noch für die Unternehmensorganisation verantwortlich. Die "DV/Org-Leiter" waren diejenigen, die das Unternehmen mit analytischem Verstand durchdrangen.

Von den Fachbereichen getrieben

Dies war die Ära der Mainframes und der "dummen Terminals", die grüne, orangerote oder weiße Buchstaben und Zahlen auf schwarzen Bildschirmhintergrund zauberten. Softwareprogramme gab es kaum zu kaufen, also wurden sie entwickelt. Viele DV/Org.-Leiter konnten selbst programmieren, auch wenn sie es nicht oft taten.

Um die Wende zu den 80er Jahren entstand ein veritabler Drittmarkt für "Softwareanwendungen". Die IBM hatte mit System- und Datenbanksoftware den Boden bereitet, auf dem Unternehmen wie die ADV/Orga ihre Applikationen aufsetzen konnten. Beinahe zwangsläufig waren die ersten kommerziell verwertbaren Mainframe-Anwendungen für den Finanz- und Controlling-Bereich gedacht. Die Personalabteilungen mit ihrem ständigen Abrechnungsbedarf wurden bald ebenfalls mit "DV-Anwendungen" beglückt. Parellel dazu entwickelte sich hinter den Kürzeln MRP beziehungsweise PPS eine eigene DV-Welt für die Fertigungsunterstützung.

Die ersten Abteilungsrechner

Alexander Peters: "Die IT-Entwicklung wird von den Fachbereichen getrieben."
Alexander Peters: "Die IT-Entwicklung wird von den Fachbereichen getrieben."
Foto: Forrester Research

"Die Betrachtung der IT-Entwicklung als Pendulum Swing ist falsch", sagt Alexander Peters, Principal Consultant bei Forrester Research. Signifikant sei nicht der Wechsel von zentral zu dezentral und wieder zu zentral, wie viele Marktbeobachter herausstellten. Richtig sei vielmehr, dass alle informationstechnischen Revolutionen von einem oder mehreren Business-Bereichen, also keineswegs aus der IT heraus, angezettelt wurden: "Die Verhaltensmuster und die Dynamik sind immer dieselben: Die Technik fasst außerhalb der IT Fuß, dann explodiert sie quasi, und die IT führt sie wieder zusammen."

Peters zufolge nahm der nächste Evolutionsschritt seinen Anfang in den Produktionsabteilungen: Dort tauchten in den 80er-Jahren die ersten dedizierten Abteilungsrechner (meist "Mini-Computer" von DEC) auf. Einige Jahre später wurde der Markt vom Betriebssystem Unix und den damit betriebenen Abteilungs-Servern noch einmal durcheinandergewirbelt. Mit der Weiterentwicklung des Open-Source-Betriebssystems Linux und dessen Unterstützung duch die IBM wurden diese Maschinen endgültig salonfähig.

Vorboten der Schatten-IT

Da gab es nun plötzlich Computer, die nicht mehr direkt dem DV-Bereich unterstellt waren. Sie können als frühe Vorläufer der "Schatten-IT" angesehen werden, die sich heute angeblich schon in den meisten Fachbereichen etabliert hat.

Die vier Wellen der Technologie-Innovation.
Die vier Wellen der Technologie-Innovation.
Foto: Karin Reitberger

Für die DV/Org.-Leiter war das ein Schlag ins Kontor. Rückblickend muss diese Entwicklung aber auch als Chance begriffen werden. Nur so konnten sich die Herren über Mainframes und Number Cruncher (so hießen die auf rechenintensive Operationen spezialisierten Supercomputer) auf ihren Weg aus dem "Maschinenraum" heraus machen - hinein in die Unternehmens-ebenen, wo Business-Entscheidungen getroffen werden. "In den Anfängen der Informationstechnik galt das Interesse des DV-Leiters zu 80 Prozent der Technik und zu 20 Prozent dem Business", erinnert sich der IT-Berater und Analyst Rüdiger Spies, assoziierter Partner der IDC Deutschland, "heute muss ein CIO zu 80 Prozent das Business verstehen und zu 20 Prozent die Technik."