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Content im Internet: Lizenz zum Kopieren oder zum Gelddrucken?

18.04.2001
Durch Computer und vor allem das Internet sind Medieninhalte kinderleicht und beliebig oft kopierbar. Im Kampf gegen die unrechtmäßige Nutzung von Inhalten zeichnen sich nun konkrete Lösungen ab, um die Rechte von Urhebern zu sichern.

Von CW-Redakteur Wolfgang Miedl

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Was Kenner der digitalen Technik immer schon vorhergesagt haben, hat spätestens der Fall Napster auch jedem Laien klargemacht: Durch Computer und vor allem das Internet sind Medieninhalte kinderleicht und beliebig oft kopierbar. Im Kampf gegen die unrechtmäßige Nutzung von Inhalten zeichnen sich nun an verschiedenen Fronten konkrete Lösungen ab, um die Rechte von Urhebern wie Autoren und Künstlern zu sichern.

Eine Reihe von Ereignissen in den letzten Wochen deutet darauf hin, dass in die seit Jahren schwelenden Konflikte um Urheberrechtsschutz im Internet allmählich Bewegung kommt. So hat hierzulande beispielsweise die Verwertungsgesellschaften Wort (VG Wort) und Bild-Kunst, die die Urheberrechte der deutschen Autoren und Bildkünstler vertreten, ein Schiedsgerichtsverfahren gegen Fujitsu-Siemens eingeleitet. Es geht dabei um die von den Urheberrechtsorganisationen seit längerem geforderte Abgabe auf PCs in Höhe von 30 Euro pro verkauftem Gerät.

Der Vorstoß der Gesellschaften erfolgte, nachdem die deutsche IT-Industrie über ihren Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien (Bitkom) die bereits zugesagte Einführung der Abgabe wieder zurückgezogen hatte. Fujitsu-Siemens-Sprecherin Barbara Schädler zeigte sich deshalb weniger von der Klage selbst als vom Zeitpunkt überrascht. Derzeit fänden nämlich weiterhin Vermittlungsgespräche mit der Bundesregierung statt, deren Ergebnisse man aber erst abwarten wolle. Die VG Wort fürchtet allerdings ein Spiel auf Zeit und will sich nicht länger hinhalten lassen. Schließlich gehe es, so Sprecher Frank Thoms, um Millionenbeträge, die den Autoren monatlich durch die Lappen gingen.

In einer vergleichbaren Auseinandersetzung zwischen der Musikverwertungsgesellschaft Gema und Hewlett-Packard hatte der Konzern bereits vor einigen Monaten eine Abgabe auf CD-Brenner in Höhe von 9,60 Mark pro Gerät abgelehnt. Dabei stellt die Industrie keinesfalls in Frage, dass Urhebern durch die digitale Nutzung von Inhalten eine Vergütung zusteht. Allerdings hält man die pauschalen Abgaben für nicht mehr zeitgemäß, da mittlerweile der individuelle Schutz von digitalen Inhalten möglich sei. "Digitale Technologien ermöglichen nicht nur das Kopieren, sondern auch den verlässlichen Schutz von Texten", meint beispielsweise Jörg Menno Harms, der Vizepräsident des Bitkom.

Der Verband hat vorgeschlagen, dass Urheber, Rechteinhaber, Verwertungsgesellschaften und die Wirtschaft gemeinsam Geschäftsmodelle auf der Basis von DRM-Systemen (Digital Rights Management) entwickeln, die den Schutz und die individuelle Abrechnung ermöglichen. Der Haken dabei ist: Zwar gibt es bereits einige funktionierende Systeme, jedoch liegt eine flächendeckende Verbreitung noch in weiter Ferne. Und solange kein perfekter Schutz für Inhalte existiert, so die Verwertungsgesellschaften, könne auch nicht auf pauschale Abgaben verzichtet werden.

USA: DCMA versus "Fair Use"

Auch in den USA sorgt derzeit ein Copyright-Verfahren für Aufsehen. Freie Autoren unter Führung des Vorsitzenden der Journalistengewerkschaft, Jonathan Tasini, haben gegen mehrere große Verlage geklagt, um die Urheberrechtssituation bei elektronischer Publikation von Texten auf CD-ROMs, in Datenbanken oder über das Internet zu regeln. Datenbanken wie Lexis-Nexis verlangen Nutzungsgebühren für Artikel, ohne dass sie die Autoren dafür bezahlen müssen. Nach gängigem amerikanischen Recht dürfen Verlage so genannte überarbeitete kollektive Ausgaben kostenlos wiederverwerten. Die Autoren sind jedoch der Ansicht, dass es sich bei angeforderten Artikeln aus Archiven um individuelle Beiträge handelt, für die eine Vergütung fällig wäre. Das Verfahren hat unterdessen eine kulturpolitische Debatte ausgelöst. Für den Fall, dass die Autoren Recht bekommen, wird befürchtet, dass große Lücken in Archiven entstehen und historische Aufzeichnungen verschwinden könnten, weil viele Urheber dann möglicherweise die Löschung ihrer Beiträge verlangen. Eine Entscheidung im vorliegenden Fall wird Ende Juni erwartet. Beobachter sind sich einig, dass sich das Verfahren unabhängig von seinem Ausgang auf die Gesetzgebung zum Urheberrecht auswirken wird.

Schon mit dem Digital Millennium Copyright Act (DMCA), der vor drei Jahren verabschiedet wurde, haben die USA als erstes Land auf die Urheberrechtsproblematik in den digitalen Medien reagiert. Heftigen Streit gibt es seither um die damit verbundene Abschaffung einer amerikanischen Besonderheit - der "Fair-Use"-Doktrin - für den Online-Bereich. Diese Regelung besagt, dass der Käufer eines Werks für den eigenen Gebrauch kostenlose Kopien anfertigen darf. Im Gegensatz dazu ist beispielsweise in Deutschland und anderen europäischen Ländern das Kopieren für solche Zwecke zwar erlaubt, mit einem feinen, jedoch bedeutenden Unterschied: Auch diese Kopien sind abgabenpflichtig, das Geld dafür erhalten die Verwertungsgesellschaften über die Abgabe auf Leermedien wie Kassetten oder CD-Rohlinge. Politiker und Bürgerrechtsorganisationen wie die Electronic Frontier Foundation (EFF) setzen sich vehement für die Wiedereinführung der Fair-Use-Doktrin im Medium Internet ein. Sie kritisieren, dass den Inhabern von Urheberrechten zu viele Rechte eingeräumt würden, was die Kontrolle und Überwachung ihrer zukünftigen Werke betrifft.

Europa setzt auf DRM

Auch in Europa werden diese Probleme seit einiger Zeit eifrig diskutiert. Die soeben vom EU-Ministerrat verabschiedete Urheberschutzrichtlinie hat Kritiker auf den Plan gerufen. Organisationen wie die "European Fair Practices in Copyright Campaign" befürchten, dass der Zugang zu Information und Multimedia-Dateien in Zukunft stark eingeschränkt wird und Surfer mit einer Vielzahl von technischen Blockaden konfrontiert sein werden. Tatsächlich sind solche Bedenken nicht unbegründet. Auch wenn die Digitaltechnik bisher dafür bekannt war, dass alles früher oder später kopiert und verbreitet werden konnte, soll diese Regel in Zukunft nicht mehr uneingeschränkt gelten. So sind einige Experten der Ansicht, dass schon bald DRM-Systeme geben wird, die nicht zu knacken sein werden.

Solche Systeme würden Urhebern eine nie dagewesene Kontrolle über ihre Werke ermöglichen. Sie könnten bestimmen, wie oft ihre Texte oder Musikstücke konsumiert werden dürfen, und sie könnten auch verfolgen, welchen Weg ein Werk genommen hat. Spätestens hier stellt sich die Frage, ob eine solche Verschiebung der Rechte zugunsten der Urheber auch im Sinne des Urheberrechts ist. Denn es gibt klare Beschränkungen im Urheberrecht. So sind nach Angaben des Anwalts Sebastian Wündisch auch Texte und Musikstücke wie jedes Eigentum sozialpflichtig, weshalb der Inhaber bestimmte Einschränkungen dulden muss. Daraus ergibt sich auch das Recht, Bücher, Musik und Videos für den privaten Gebrauch zu kopieren.

Streitfall DeCSS

Tendenziell scheinen die Gesetzgeber derzeit jedoch in erster Linie an die Urheber zu denken. So sieht der US-amerikanische DMCA wie die EU-Richtlinie vor, dass die Verwendung von Programmen zum Knacken oder Umgehen von Kopierschutzmaßnahmen zukünftig unter Strafe gestellt werden soll. Zu welchen Absurditäten das führen kann, hat der Wirbel um die DVD-Entschlüsselung "DeCSS" gezeigt. Hierbei ging es zunächst darum, dass keine DVD-Abspielsoftware für Linux existierte. Da von der Industrie keine derartigen Produkte in Aussicht gestellt wurden, machten sich einige Open-Source-Programmierer daran, die DVD-Verschlüsselung CSS zu knacken, um auf dieser Basis einen Linux-Player zu programmieren. Der Nebeneffekt war natürlich, dass seither etliche Programme zum Kopieren von DVDs kursieren.

Während es im Detail viel Streit gibt, wird von der großen Mehrheit der Beteiligten das Urheberrecht an sich nicht in Frage gestellt. Doch eine kleine Minderheit lässt sich nicht einmal auf diesen Konsens ein - frei nach dem Motto "Information wants to be free". So erklärte beispielsweise der europäische Icann-Direktor Andy Müller-Maguhn in seiner "Regierungserklärung" im letzten Herbst an prominenter Stelle in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", dass sich digitale Werke durch das Kopieren immer nur vermehren und dass ein Diebstahl daher gar nicht möglich sei.

Wird Information zukünftig zum Privileg?

Eines ist klar: Das digitale Zeitalter bringt für Urheber wie Konsumenten eine völlig neue Situation. Einerseits ist durch die Allgegenwart des Computers die ehedem klare Trennlinie zwischen Inhaltsproduzenten und deren Rezipienten verwischt. Früher blieb das Publizieren von Büchern, Filmen oder Musik mehr oder weniger auf die Medienbranche beschränkt, doch mittlerweile können sich auch Krethi und Plethi mit ihren Homepages als Urheber verstehen.

Für die Profis, also diejenigen, die mit digitalen Inhalten Geld verdienen wollen, stellt sich nicht nur die Frage nach dem Schutz ihrer Produkte, sondern auch nach der Abgrenzung von der unübersehbaren Flut trivialer Inhalte im Internet und auf anderen digitalen Medien. So einfach, wie es sich die Verwertungsgesellschaften mit der zukünftigen Vergütung von Online-Inhalten vorstellen, wird es daher nicht sein. Denn die noch bevorstehende Arbeit, eine klare Trennlinie zwischen den vergütungswerten Produktionen im Internet und dem "minderwertigen" Rest zu finden, wird noch zu heftigen Auseinandersetzungen führen.

Und auch das dem Solidarmodell entgegengesetzte Prinzip der digital geschützten Einzelwerke birgt viele Risiken. Noch geht es bei DRM-Systemen in erster Linie um Fragen der technischen Machbarkeit und der wirtschaftlichen Möglichkeiten. Doch setzt sich dieses Prinzip durch, sind die Folgen für die Medienkonsumenten immens. Bereits jetzt sprechen einige Medienexperten von einem bevorstehenden Zeitalter des "Access", indem der Zugang zu Information zu einem Privileg wird. Nimmt die Entwicklung den prognostizierten Lauf, so ist abzusehen, dass die Urheberrechtsthematik schon bald die Expertenzirkel verlässt und zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte führen wird.

Digital Rights Management

Um Urheberrechte im Internet ausreichend zu schützen, werden Systeme benötigt, die Inhalte einerseits gegen unkontrollierte Vervielfältigung schützen und andererseits die Verbreitung kontrollieren. Zudem muss ein Abrechnungssystem die anfallenden Kosten für die Nutzung verbuchen. Mittlerweile haben eine Reihe von Softwareherstellern, darunter IBM, Microsoft und Real Networks, Digital-Rights-Management-Systeme entwickelt. IBM hat im Januar das "Electronic Media Management System" (EMMS) vorgestellt, das den Austausch über Peer-to-Peer-Börsen wie Napster unmöglich machen soll. EMMS unterstützt gängige Multimedia-Formate wie MP3 und gibt dem Urheber die Möglichkeit, zu bestimmen, was der Käufer damit machen darf und was nicht. So kann er beispielsweise festlegen, wie viele Kopien einer Datei erzeugt werden dürfen und ob das Brennen auf eine CD erlaubt sein soll.

Real Networks und Musicmatch unterstützen EMMS bereits in ihren Jukebox-Programmen. Allerdings setzten beide Unternehmen auch andere DRM-Systeme wie "Intertrust" ein. Real Networks integriert zudem das Windows-Media-System des Erzrivalen Microsoft. Ein Problem ist derzeit noch die Verfügbarkeit auf unterschiedlichen Plattformen und Geräten wie MP3-Playern.