Wettbewerbshüter stellen sich quer

Adobe bläst Figma-Übernahme ab

18.12.2023
Von 
Martin Bayer ist Chefredakteur von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO. Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP.
Angesichts des anhaltenden Widerstands der Kartellbehörden in Brüssel und London hat Adobe seinen 20 Milliarden Dollar teuren Plan aufgegeben, Figma zu übernehmen.
Die Übernahme von Figma durch Adobe ist abgesagt.
Die Übernahme von Figma durch Adobe ist abgesagt.
Foto: mrshing - shutterstock.com

Adobe und Figma haben sich einvernehmlich darauf verständigt, ihre Fusionspläne zu beenden. Das teilte Adobe in einer offiziellen Verlautbarung mit. Man sei gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass es keinen klaren Weg gibt, die erforderlichen Genehmigungen der Europäischen Kommission und der britischen Wettbewerbsbehörde zu erhalten, begründeten beide Softwareanbieter den Schritt.

Adobe hatte Mitte September 2022 bekannt gegeben, das Grafiksoftware-Startup Figma für rund 20 Milliarden Dollar übernehmen zu wollen. In der Branche sorgte der Kaufpreis damals für Staunen. Nach Bekanntgabe des Deals brach Adobes Aktienkurs um 17 Prozent ein. Im kurz zuvor veröffentlichten Forbes-Cloud-100-Ranking wurde der Marktwert des 2012 gegründeten Startups aus San Francisco auf etwa zehn Milliarden Dollar beziffert.

"Gemeinsam werden Adobe und Figma die Zukunft der Kreativität und Produktivität neu gestalten, die Kreativität im Web beschleunigen, das Produktdesign vorantreiben und globale Gemeinschaften von Kreativen, Designern und Entwicklern inspirieren", erklärten im Herbst 2022 die Adobe-Verantwortlichen ihren Deal. Geplant war, Figma als unabhängiges Unternehmen unter der Leitung von Mitbegründer und CEO Dylan Field weiterzuführen. Zudem wollte Adobe einige Funktionen seiner Produkte in die Figma-Plattform integrieren.

Kartellbehörden fürchten um den Wettbewerb

Doch die Wettbewerbsbehörden in Europa machten Adobe einen Strich durch die Rechnung. Erst äußerte Mitte November die EU-Kommission erhebliche Bedenken hinsichtlich der Übernahme und kündigte eine tiefergehende Prüfung an. Konkret befürchteten die Kartellwächter Adobes geplante Übernahme von Figma könnte den Wettbewerb auf den globalen Märkten für die Bereitstellung interaktiver Produktdesign-Software und anderer kreativer Design-Software erheblich beeinträchtigen.

Der Zusammenschluss könnte dazu führen, dass Adobe sein eigenes interaktives Produktdesign-Tool, Adobe XD, nicht mehr anbietet und keine potenziellen Nachfolgeprodukte mehr entwickelt. Damit wäre der Deal eine sogenannte "Reverse Killer Acquisition". Ferner würde mit dem Verschwinden von Figma die beherrschende Stellung Adobes im Markt für die Bereitstellung von Bearbeitungs-Tools für Vektorgrafiken zementiert. Figma habe das Potenzial, sich hier zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten entwickeln, hieß es.

Lesen Sie, was die Wettbewerbshüter der EU und in Großbritannien befürchteten:

Kurz darauf, Ende November 2023, legte die U.K. Competition and Markets Authority (CMA) nach. Die Aufsichtsbehörde sei nach ausgiebiger Untersuchung zu dem vorläufigen Ergebnis gekommen, dass Adobe und Figma konkurrierende und nicht etwa komplementäre Software anböten. Werde Figma wie geplant übernommen, führe das zu einem konsolidierten Angebot, was für britische Designer letztendlich ein eingeschränktes Produktangebot bedeute.

Die Regulierungsbehörde kam nach ihrer "detaillierten Phase-2-Untersuchung" zu dem vorläufigen Schluss, dass eine Übernahme dem Markt für Produktdesign-Software schaden könne. Die wahrscheinliche Folge sei die Entstehung eines dominanten Marktführers, der sich mit der Entwicklung neuer Produkte nicht mehr sonderlich beeilen müsse. Werde Figma als Herausforderer für Adobes Flaggschiffprodukte Photoshop und Illustrator vom Markt genommen, führe das zu weniger Innovationen im Markt.

Adobe und Figma stimmen nicht mit den Aufsichtsbehörden überein

Die Verantwortlichen bei Adobe und Figma sehen das anders. "Adobe und Figma sind mit den jüngsten Ergebnissen der Aufsichtsbehörden nicht einverstanden", sagte Shantanu Narayen, Vorsitzender und CEO von Adobe, "aber wir glauben, dass es in unserem jeweiligen Interesse ist, unabhängig voneinander weiterzumachen." Beide Anbieter seien weiterhin gut positioniert, ihre Marktchancen zu nutzen.

Adobe-CEO Shantanu Narayen ist mit den Prüfergebnissen der Aufsichtsbehörden nicht einverstanden.
Adobe-CEO Shantanu Narayen ist mit den Prüfergebnissen der Aufsichtsbehörden nicht einverstanden.
Foto: Adobe

Er glaube nach wie vor an die Vorzüge des Deals, ergänzte Dylan Field, Mitgründer und CEO von Figma, "aber in den letzten Monaten ist immer deutlicher geworden, dass die Regulierungsbehörden das anders sehen". Man sei zwar enttäuscht über das Ergebnis, ließ Field durchblicken, kündigte aber im gleichen Atemzug an, "gemeinsam mit Adobe neue Wege zu finden, um Innovationen für unsere jeweiligen Communities zu entwickeln".

Die Unternehmen haben laut eigenen Angaben eine Aufhebungsvereinbarung unterzeichnet, die alle noch offenen Fragen im Zusammenhang mit der Transaktion regele, einschließlich der Zahlung der zuvor vereinbarten Aufhebungsgebühr durch Adobe an Figma. Das wird teuer für Adobe. Weil der Deal nicht zustande kommt, wird eine Strafgebühr in Höhe von einer Milliarde Dollar fällig.

EU-Kommission: Übernahme hätte jeden derzeitigen und künftigen Wettbewerb beendet

Die Kommission nehme die Entscheidung von Adobe und Figma zur Kenntnis, ihre Vereinbarung aufzukündigen, hieß es in einer Mitteilung der EU-Kommission. Damit sei auch die Untersuchung dieser Transaktion beendet. "Beide Unternehmen haben bewiesen, dass sie erfolgreich und innovativ sind", erklärte die für Wettbewerbspolitik zuständige Vizepräsidentin der Kommission, Margrethe Vestager. Die geplante Übernahme hätte jeden derzeitigen und zukünftigen Wettbewerb zwischen ihnen beendet. "Unsere eingehende Untersuchung hat gezeigt, dass dies zu höheren Preisen, geringerer Qualität oder weniger Auswahl für die Kunden führen würde."

Aus Sicht von EU-Wettbewerbskomsissarin Margrethe Vestager ist es sehr wichtig, nicht nur die aktuellen Verhältnisse im Markt zu betrachten, sondern auch den künftigen Wettbewerb zu schützen.
Aus Sicht von EU-Wettbewerbskomsissarin Margrethe Vestager ist es sehr wichtig, nicht nur die aktuellen Verhältnisse im Markt zu betrachten, sondern auch den künftigen Wettbewerb zu schützen.
Foto: Alexandros Michailidis, shutterstock.com

Vestager betonte, wie wichtig es sei, "nicht nur die aktuellen Überschneidungen zu betrachten, sondern auch den künftigen Wettbewerb zu schützen." Dies gelte insbesondere für Transaktionen, bei denen große, etablierte Unternehmen erfolgreiche, bahnbrechende Innovatoren übernehmen.