Viren in Feierlaune

25 Jahre ansteckende Computerkrankheiten

Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.
1983 schaffte es AIDS auf den Titel des "Spiegel", und Fred Cohen entwickelte einen Computervirus. Beides hat die Welt verändert.

Kann ein Computer krank werden? Als Fred Cohen sich mit dieser Frage beschäftigte, war das Thema eher akademischer Natur: Die Menschen schrieben noch Briefe statt E-Mails, in den Büros ratterten Schreibmaschinen statt PC-Tastaturen. Um zu zeigen, dass ein Rechner von einem Virus befallen werden kann, schrieb der Doktorand von der Southern California University in Los Angeles vor 25 Jahren, am 10. November 1983, als erster ein funktionsfähiges Programm, das sich fortpflanzte. Er ahnte, dass seine Entdeckung gefährlich ist. Dass sie eine solche kriminelle Karriere hinlegen würde, konnte er sich nicht ausmalen.

Wo früher noch der Schabernack im Vordergrund stand, stehen heute handfeste kommerzielle Interessen hinter jedem neuen Virus.
Wo früher noch der Schabernack im Vordergrund stand, stehen heute handfeste kommerzielle Interessen hinter jedem neuen Virus.
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Als Cohen Computerviren definierte, hatte er deren Vorbilder aus der Biologie im Hinterkopf: Es handle sich um Programme, die andere Programme infizieren könnten, indem sie diese veränderten und etwa eine Kopie von sich selbst in den Quellcode einfügten, schrieb er in einem damals viel beachteten Aufsatz. Ohne dass es der Computer-Nutzer bemerkt, können die elektronischen Erreger die Kontrolle des Systems übernehmen. Heute steht der Begriff für ein hochgerüstetes Arsenal schädlicher Software (Malware), mit denen Cyber-Kriminelle private Nutzer wie Firmen attackieren: Würmer, Trojaner, Spyware.

Damals wie heute ging es um die Kontrolle über den Rechner - doch die Absichten der Viren-Autoren könnten unterschiedlicher nicht sein. "Damals haben die Viren-Autoren oft nur Schabernack betrieben", sagt Raimund Genes, Technikvorstand beim Software-Hersteller Trend Micro. Eine Botschaft auf dem Bildschirm, das war's. Schaden haben zwar auch diese Viren angerichtet, doch richtig bösartig nur ein Bruchteil. Doch schon bald setzten nicht mehr allein Programmierer und Jugendliche mit Ego-Problemen Viren in Umlauf, sondern immer mehr Cyber-Gangster, die Raubzüge auf den Rechnern der arglosen Nutzer starten wollten. Denn immer mehr Menschen beschafften sich erst einen PC, später einen Internetzugang. Sie erledigten online Bankgeschäfte, schrieben E-Mails oder kauften Bücher, CDs und Trödel.

Spätestens seit fünf Jahren geht es vor allem ums Geld. "Die Täter denken marktorientiert", sagt der Karlsruher IT-Experte Christoph Fischer. "Sie wollen Bankkonten und Aktienportfolios plündern oder eBay-Konten für Geldwäsche nutzen." Er sieht mafiöse Banden am Werk - in Deutschland vor allem aus Osteuropa. Im Unterschied zu früher wird der Bildschirm allerdings nur noch selten schwarz. "Die bösen Jungs haben kein Interesse daran, ihre Aktivitäten sichtbar zu machen", sagt Trend-Micro-Experte Raimund Genes. Die Zahl der Schädlinge nimmt trotzdem rasant zu: Laut einer Untersuchung von Trend Micro kommen jeden Monat 500.000 mit Variationen im Quellcode hinzu.

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