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Wer braucht den Itanium 2?

02.07.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - In der kommenden Woche bringt Intel die zweite Generation seiner 64-Bit-Prozessoren auf den Markt. HP, das IA-64 mit entwickelt hat, wird zeitgleich zwei neue Server mit "Itanium-2"-Prozessoren ankündigen, die Modelle "RX2600" (Zwei Wege) und "RX5670" (Vier Wege). Direktanbieter Dell, im Markt für Intel-basierte Server überraschend schnell zu einem wichtigen Player avanciert, hat nach eigenen Angaben vorerst keine Pläne für entsprechende Systeme; von IBM steht eine Ankündigung noch aus.

Die Analysten sind gegenwärtig noch uneins über die Marktchancen des neuen Chips. Die im vergangenen Jahr vorgestellte erste Itanium-Generation wurde vor allem für Tests und Entwicklung sowie für Nischenmärkte wie HPTC (High-Performance Technical Computing) und Simulationen genutzt. "Wir erwarten für den Itanium 2 im Wesentlichen den gleichen Markt wie für den Itanium", erklärte Andrew Butler, Vice President bei Gartner. "Der überwiegende Teil der Itanium-2-Markts werden RX-Server von HP sein, die erneut vornehmlich für Software-Deployment, Testing, Porting und Proof of Concept genutzt werden. Vielleicht erleben wir auch ein bisschen Technical Computing."

Auch Intel selbst posititioniert seinen kommenden Boliden nicht als Chip für jedermann. Lisa Hambrick, Director Enterprise Processor Marketing, nennt als geeignetste Einsatzbereiche das Hosting von Backend- und Mid-Tier-Datenbanken sowie CRM- und BI-Anwendungen mit hohen Anforderungen an I/O und Leistung. Für 32-Bit-Anwendungen seien Server mit Xeon- oder Xeon-MP-Prozessoren weiterhin die Wahl. Das sieht auch Randall Kennedy von Competetive Systems Analysis so: "Der Xeon-Prozessor läuft und wird noch eine Weile ausreichen", so der Analyst. "Aus Performance-Sicht ist ein Xeon oder Xeon MP mit Hyperthreading vollkommen ausreichend, so lange man nicht eine Anwendung hat, die unbedingt 64 Bit oder mehr Speicher verlangt."

Nach Zählungen von Gartner wurden im Jahr 2001 nicht mehr als 2700 Itanium-Server verkauft. Das auf den Prozessormarkt spezialisierte Institut Microdesign Resources erwartet für dieses Jahr allerdings ein erhebliches Wachstum. Bis Ende 2002 werde Intel rund 100.000 Prozessoren verkaufen, so die Experten.

Analysten glauben allerdings nicht, dass Intel mit dem neuen Chip den RISC-dominierten Highend-Server-Markt knacken kann. "Im Acht-Prozessor-Bereich und vielleicht auch hoch bis zu 16 Wege wird es zunehmend Intel-Installationen geben, die RISC-Systeme ablösen", glaubt Gartner-Mann Butler. "Ich glaube aber nicht, dass Intel-Designs irgendwann während der Lebensdauer von IA-32 echte Highend-RISC-Designs verdrängen."

Als weiteres Problem für IA-64 könnte sich das konkurrierende "Hammer"-Konzept des kleineren Rivalen Advanced Micro Devices (AMD) erweisen. Dessen "Opteron"-Chip kann dank einer hybriden Architektur sowohl neue 64-Bit- als auch alte 32-Bit-Software nativ laufen lassen, wohingegen der Itanium 32-Bit-Applikationen nur in einem langsameren Emulationsmodus verarbeitet. Butler schätzt, dass gegenwärtig noch 80 Prozent aller Anwendungen 32-bittig sind, sodass Leistungseinbußen für Anwender durchaus ein Argument seien. Andererseits kaufen Unternehmen ihre Server vornehmlich bei wirklich großen Herstellern ein. Bislang haben aber weder IBM, HP oder Dell Opteron-basierte Systeme angekündigt. Auch auf Seiten von Betriebssystemen und Software sind bereits erheblich mehr Produkte an den Itanium angepasst als an AMDs Konkurrenzprodukt. (tc)