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Web-Services: Falle für den E-Commerce?

18.10.2002
Der Markup-Sprachen-Guru John Bosak befürchtet, dass IBM und Microsoft in unheiliger Allianz Web-Services für sich vereinnahmen wollen - auf Kosten des offenen Standards ebXML.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) Unter dem Schirm der UNO und des Konsortiums Oasis entstand 2001 das herstellerunabhängige Rahmenwerk für E-Business "ebXML". Jon Bosak wirft IBM und Microsoft vor, Web-Services zur proprietären Konkurrenz für den internationalen Standard ausbauen zu wollen. Bosak gilt als Initiator des XML-Standards und arbeitet seit 1996 für Sun Microsystems. Mit ihm sprach CW-Redakteur Wolfgang Sommergut.

CW: ebXML wurde nach einer Projektdauer von 18 Monaten im Mai letzten Jahres fertig gestellt. Stimmt der Eindruck, dass es noch keine weite Verbreitung gefunden hat?

BOSAK: Es sieht so aus, als würde ebXML relativ unauffällig in einzelnen Industrien und Regionen angenommen. Gerade in Europa wird es in der Energiewirtschaft und im Gesundheitswesen eingesetzt. Derartige Projekte werden außerhalb der jeweiligen Branche aber kaum registriert. Großen Zuspruch findet ebXML auch in Asien, wo vor zwei Monaten bereits der siebte Kongress zu diesem Thema stattfand. Dort stehen besonders die Regierungen hinter diesem Standard, so wie übrigens auch in Australien, wo der Staat dafür finanzielle Unterstützung gewähren will.

Ein Grund für die unzutreffende Wahrnehmung, wonach ebXML nicht genutzt würde, liegt auch darin, dass es besonders im traditionellen EDI-Umfeld zum Einsatz kommt. Dort verließen sich Firmen fast nie auf kommerzielle Software, sondern entwickelten ihre Programme meistens selbst. Ähnlich scheint es sich zurzeit auch bei ebXML zu verhalten.

Im Übrigen ist das Rahmenwerk modular aufgebaut, so dass Unternehmen nach und nach einzelne Komponenten davon einsetzen können. Häufig fangen sie mit dem relativ einfachen ebXML-Messaging an und bauen mit den komplexeren Technologien darauf auf.

CW: Im Gegensatz zu ebXML verbreiten sich Web-Services keineswegs still und leise. Dort wo es Überschneidungen zwischen den beiden Ansätzen gibt, scheint ebXML den Kürzeren zu ziehen. Bei der Technologie zum Versand von elektronischen Geschäftsdokumenten sah sich die zuständige Arbeitsgruppe bereits gezwungen, SOAP zu integrieren. Muss ebXML dem Erfolg der Universal Description, Discovery and Integration (UDDI) ebenfalls Tribut zollen und seinen eigenen Verzeichnisdienst modifizieren?

BOSAK: Ich glaube nicht, dass UDDI bisher besonders erfolgreich war, zumindest nicht als zentrale Einrichtung zur Registrierung von Web-Services. Die Technologie wird aber wohl von einigen Firmen hinter den Firewalls genutzt. Vor allem aber leistet die Registrierung von ebXML viel mehr als UDDI. Sie übernimmt nicht nur die Funktion von Gelben Seiten, sondern soll auch Übereinkünfte von Handelspartnern (Trading Partner Agreements), Informationen über Geschäftsprozesse und Schemata für Business-Dokumente speichern. Im Übrigen existieren ja schon Vorschläge, wie UDDI und ebXML-Registries zusammenarbeiten können, so dass sich redundante Einträge vermeiden lassen.

CW: Die Initiatoren von ebXML hatten ursprünglich vor, ihre Registrierungen als Teil der öffentlichen Infrastruktur anzubieten, etwa vergleichbar mit dem Domain Name System (DNS). Können interessierte Anwender heute überhaupt derartige ebXML-Verzeichnisse nutzen?

BOSAK: Ja, die Data Interchange Standards Association (DISA) betreibt eine ebXML-konforme Registrierung. Ich bin froh, dass sich für diesen Zweck ein so starker Partner gefunden hat. Allerdings besteht derzeit noch relativ wenig Bedarf an Registries, weil Unternehmen ebXML vornehmlich für EDI einsetzen und dort mit Partnern kooperieren, mit denen sie feste und längerfristige Geschäftsbeziehungen eingegangen sind. Erst die fortgeschrittenen Features von ebXML, die auch weltweite Ad-hoc-Geschäfte vorsehen, bedürfen solcher Verzeichnisse, die umfangreiche Informationen über mögliche Business-Partner enthalten.

Zur Person

Jon Bosak gilt als eine der bekanntesten Figuren in der Welt der Markup-Sprachen. Bereits Anfang der 90er Jahre verantwortete er bei Novell als Information Architect die Online-Dokumentation des Netz-Betriebssystems Netware. Dort zog er den von der ISO entwickelten Standard Generalized Markup Language (SGML) der Nutzung damals üblicher, proprietärer Dokumentenformate vor. Kurz nach dem Wechsel zu Sun Microsystems im Jahr 1996 begann er im W3-Consortium (W3C) mit der Organisation des XML-Standards. Später beteiligte er sich als Vertreter von Sun an der Ausarbeitung des ebXML-Frameworks. Derzeit leitet er das technische Komitee bei Oasis, das für die Entwicklung der Universal Business Language (UBL) eingerichtet wurde. Einige seiner Schriften finden sich unter www.ibiblio.org/bosak.

CW: Wo eignen sich nach dem heutigen Stand der Technik besser Web-Services und wo ebXML?

BOSAK: Derzeit scheinen sich Web-Services vor allem für den firmeninternen Gebrauch zu empfehlen, also vornehmlich für die Integration bestehender Anwendungen (EAI). Hingegen bietet sich ebXML für die B2B-Integration an.

Web-Services in ihrer derzeitigen Ausformung folgen dem Prinzip von entfernten Methodenaufrufen. Dieses Verfahren bereitet zwar in der Kommunikation zwischen Unternehmen keine besonderen technischen Probleme. Aber aus geschäftlicher Sicht ist es häufig unerwünscht, Funktionen nach außen zugänglich zu machen. So könnte eine Bank leicht einen Web-Service für die Prozedur "Gutschrift auf Konto" einrichten. Allerdings wird kein Finanzinstitut seinen Kunden einen derartigen Zugang zu seinen Anwendungen geben wollen. Vielmehr wird es darauf bestehen, dass entsprechende Dokumente wie beispielsweise Überweisungen eingereicht werden. Auf dieser Grundlage erfüllt die Bank dann ihren Auftrag. Für solche Prozesse ist ebXML ausgelegt.

Abgesehen davon wollen die wenigsten Firmen ihre Anwendungen nach außen offen legen, weil sie einen wesentlichen Teil ihres geschäftlichen Wissens repräsentieren.

Und selbst wenn sie dazu bereit wären, sprächen technische Gründe dagegen. Sobald nämlich mehrere Geschäftspartner über SOAP auf die Anwendungen eines Unternehmens zugreifen, kann dieses seine Schnittstellen und damit seine Prozesse kaum noch ändern. Andernfalls würden die aufrufenden Programme nicht mehr funktionieren. Web-Services verlangen daher, dass Entwickler Kontrolle über beide Enden einer Anwendung haben - und dies ist normalerweise nur innerhalb eines Unternehmens möglich.

CW: ebXML vermittelt den Eindruck eines typischen Gremienstandards. Zuerst wird eine komplexe Spezifikation ausgearbeitet, die anschließend Softwarehäuser und Anwender umsetzen können. Umgekehrt begannen die Web-Services mit einfachen Technologien wie SOAP und arbeiteten sich dann immer mehr nach oben in komplexere Anwendungsbereiche. Ist das eine zutreffende Beschreibung?

BOSAK: Da ist schon was dran. Nur glaube ich nicht, dass darin der wesentliche Unterschied liegt. Möglicherweise werden irgendwann beide eine weitgehend gleiche Funktionalität anbieten. Die entscheidende Frage besteht doch darin, warum wir ein Rahmenwerk nochmals erfinden sollten, das bereits vorliegt und einen internationalen Standard repräsentiert. Wieso sollten wir ein solches System durch eines ersetzen, das IBM und Microsoft auf ihre Produkte abgestimmt haben? In klaren Worten ausgedrückt, haben wir es mit großen amerikanischen Konzernen zu tun, die einseitig ("unilateral") eine Lösung für E-Business spezifizieren.

Mit der kürzlich publizierten Business Process Execution Language (BPEL) geben die beiden Firmen einen weiteren Hinweis darauf, dass sie Web-Services zu einer Konkurrenz für ebXML ausbauen wollen. Sie dupliziert die Funktionen des ebXML-eige nen Business Process Specification Schema (BPSS). Während jedoch BPSS frei genutzt werden kann, wurde BPEL noch keinem Standardisierungsgremium vorgelegt.

Unternehmen haben somit die Wahl, ein offenes und freies Rahmenwerk zu nutzen oder auf dieses Ding zu warten, das IBM und Microsoft miteinander aushecken.

CW: Besteht Ihr Einwand gegen Web-Services also primär darin, dass sie auf proprietären Standards aufsetzen?

BOSAK: IBM und Microsoft besitzen die Rechte für SOAP und WSDL. Beide Technologien wurden zwar mittlerweile beim W3C zur Standardisierung eingereicht. Wenn das Konsortium die Technologien als Empfehlung verabschiedet, dann kann sie jeder ungehindert einsehen und implementieren. Allerdings sind patentrechtliche Ansprüche damit noch nicht vom Tisch.

CW: Aber das W3C unternahm doch erst vor einigen Monaten einen Vorstoß, um die Patentansprüche von Firmen zu beschneiden, wenn sie Technologien zur Standardisierung einreichen. Demnach sollen sie auf Gebühren überhaupt verzichten oder zumindest einen "nichtdiskriminierenden" Zugang erlauben.

BOSAK: Genau dies scheint IBM und Microsoft nicht zu gefallen. Deshalb umgehen sie offenbar das W3C nun für weitere Web-Services-Standards und reichen diese bei anderen Organisationen ein. So wurde etwa für Web-Services Security eine Arbeitsgruppe bei Oasis etabliert. Diese Organisation verhält sich bei Patentansprüchen wesentlich liberaler.

CW: Eine Microsoft-IBM-Allianz in Sachen Web-Services scheint merkwürdig, weil Microsoft mit Biztalk seinen eigenen Ansatz verfolgt, während IBM ja bei ebXML mitarbeitet. Spricht das nicht gegen Ihre Befürchtungen?

BOSAK: Die IBM war ja nicht nur irgendein Teilnehmer an ebXML, sondern eines der Gründungsmitglieder. Als sich die Phase der Spezifikation dem Ende näherte, war die IBM in den Gremien praktisch nicht mehr präsent. Mittlerweile äußern sich die Firmenvertreter eigentlich nur noch negativ über ebXML. Microsoft sandte einen Vertreter zum ersten Treffen im November 1999, der anschließend nicht wieder auftauchte. Als wir beschlossen, SOAP für das Messaging zu verwenden, kamen nochmal ein paar Leute aus Redmond. Was aus Biztalk wird, scheint im Moment jedenfalls unklar. Das Schema-Repository unter stellte nämlich im Juli 2002 offiziell seinen Dienst ein.

Was ist ebXML?

Bei ebXML (Electronic Business using Extensible Markup Language) handelt es sich um ein modular aufgebautes Rahmenwerk für E-Business über das Internet. Es soll sich für Unternehmen jeder Größe und in allen geografischen Regionen eignen.

Hinter diesen Spezifikationen stehen die UNO-Organisation Cefact, die schon Edifact entwickelt hatte, und das Herstellerkonsortium Oasis. Im Gegensatz zu branchenspezifischen Übereinkünften für Geschäftsdokumente (etwa Rosettanet) gilt ebXML als horizontaler Standard. Er definiert daher in erster Linie die Infrastruktur für die Abwicklung elektronischen Handels. Nach Vorstellung seiner Schöpfer soll ebXML alle Aufgaben vom Versand der Geschäftsdokumente über den Abschluss von Handelsbeziehungen bis hin zur Registrierung von Geschäftsprozessen übernehmen (siehe http://www.ebxml.org).

Ein ehrgeiziges Vorhaben repräsentieren die "Core Components", die Wörterbücher für geschäftliche Terminologie umfassen. Sie sollen den automatisierten Austausch von elektronischen Dokumenten über Landes- und Branchengrenzen hinweg erlauben. Hier überschneidet sich das Projekt mit einem anderen branchenübergreifenden Vorhaben, der Universal Business Language (UBL). Sie baut auf cXML von Commerce One auf und wird in einer Arbeitsgruppe bei Oasis weiterentwickelt. Beobachter erwarten indes, dass die UBL und die Core Components von ebXML in absehbarer Zeit zusammengeführt werden.

Bis dato halten sich die großen Anbieter kommerzieller Software mit Unterstützung für ebXML zurück. Selbst Sun, einer der stärksten Befürworter von ebXML, wird in der kommenden Version des "Integration Server" nicht einmal ebXML-Messaging berücksichtigen. Hingegen ließen kürzlich zwölf kleinere Anbieter ihre Produkte für die Kompatibilität mit dem ebXML-Nachrichtenformat zertifizieren, darunter Excelon, Sybase und Tibco. Um so größere Bedeutung kommt daher den XML-APIs von Java zu, die sowohl Messaging (JAXM) als auch ebXML-Registries (JAXR) unterstützen.