Utility Services müssen noch reifen

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Die ersten großen Serviceverträge, die den bedarfsweisen Bezug von IT-Leistungen vorsehen, sind unterschrieben. Eine breite Akzeptanz für die On-Demand-Angebote von IT-Versorgern wird es jedoch nicht geben. Allerdings dürften Outsourcing-Abkommen um entsprechende Klauseln ergänzt werden.

Ungeachtet einiger Hürden erwartet die Giga Information Group eine deutliche Zunahme von bedarfsabhängigen Serviceleistungen. Kulturelle, finanzielle und technische Barrieren werden die Akzeptanz derartiger Modelle zwar noch in den nächsten drei Jahren erschweren. Im Jahr 2005 sollen aber bereits 20 Prozent aller durch Neuabschlüsse erzielten Einnahmen aus Dienstleistungen stammen, die nutzungsabhängig abgerechnet werden.

Bereits heute sind Ansätze zu erkennen, die auf einen nachhaltigen Trend deuten: Am sichtbarsten wurde dies beim Outsourcing-Abkommen zwischen IBM und American Express. Die beiden Partner veröffentlichten im Februar die Rahmenbedingungen für einen der größten IT-Service-Abkommen in der Branche der Finanzdienstleister. Das Vertragswerk, das Leistungen im Wert von vier Milliarden Dollar beschreibt und die Unternehmen über einen Zeitraum von sieben Jahren aneinander bindet, definiert so genannte „Utility Services“. IBM wird demzufolge IT-Ressourcen zur Verfügung stellen, die American Express je nach Bedarf nutzen kann.

Ein ähnliches Abkommen, das jedoch weniger hohe Wellen schlug, weil es nicht so hoch dotiert ist, gibt es zwischen EDS und der US-amerikanischen Brauerei Adolph Coors. Bei derartigen Vereinbarungen trägt der IT-Versorger das Risiko, die erforderliche Infrastruktur angemessen zu gestalten.

Die Angebote der Service-Provider

Andere Anbieter müssen und werden folgen. Hewlett-Packard, Compaq, Cap Gemini und Accenture haben ähnliche Angebote im Portfolio. Sie tragen Namen wie „Pay as you go“ oder „Services on Demand“. Die Konzepte unterscheiden sich insofern vom Application-Service-Providing (ASP), als sie ausschließlich nutzungsabhängig abrechnen und keine monatlichen Flatrates in Rechnung stellen.

Dennoch spielen die ASPs eine - wenn auch nur untergeordnete - Rolle: Die großen Outsourcing-Partner kennen sich zwar mit der Bereitstellung von RZ-Ressourcen und dem Betrieb mächtiger ERP-Lösungen aus, „sie tun sich aber schwer mit punktuellen Outsourcing-Angeboten“, so Pascal Matzke, Analyst der Giga Information Group. „Daher nehmen sie flexible Partner ins Boot.“ Beispielsweise unterhält Cap Gemini Ernst & Young eine Beteiligung an Corio, und EDS kooperiert mit dem Messaging-ASP Mi8.

Bei drei Arten von Unternehmen sieht die Giga Information Group den größten Nutzen von Utility Services: Firmen, die eine Akquisition oder einen Zusammenschluss vollziehen, die saisonal schwankende Anforderungen haben oder die Web-Angeboten betreiben, deren Nutzungsgrad schwer vorhersehbar ist. Allerdings bieten sich nicht alle im Unternehmen genutzen Anwendungen sowie Prozesse an. Prädestiniert zum aufwandsgerechten Bezug sind Abläufe, die sich isolieren lassen. Das gilt etwa für die elektronische Beschaffung.

Utility Services sind häufig da sinnvoll, wo bestehende Outsourcing-Verträge um kurzfristigen Anforderungen zu erweitern sind. Der Job des Dienstleisters sollte es sein, schnell eine Web-Server aufzusetzen, schnell zusätzliche Bandbreite zur Verfügung zu stellen oder Applikationen freizuschalten, etwa wenn Marketingaktionen anlaufen oder Projekte starten. Für hausinterne Lösungen wären dazu zusätzliche Mitarbeiter mit dem entsprechenden Know-how erforderlich und es müssten Hard- und Softwarelösungen angeschafft und dauerhaft betrieben werden. Letztlich geht es also um Geschwindigkeit und um Kostenersparnisse.

Vieles, was die Giga Information Group in ihrer Analyse beschreibt, ist noch Zukunftsmusik. So sollen sich etwa auch Speicher und Rechenkapazität künftig je nach Geschäftsaufkommen beziehen lassen - allein die technische Basis fehlt heute noch. Zwar gibt es von den Hardwareherstellern seit geraumer Zeit Offerten à la "Capacity on Demand" oder "Storage on Demand", als Basis für Utility Services taugen sie nur bedingt, weil meistens nur Ressourcen hinzugefügt werden können.

Die bedarfsweise Zu- und Abschaltung von Serverkapazitäten ist nämlich keineswegs bei allen Herstellern umgesetzt: HP-Server können es; Sun-Boliden fügen derzeit nur Kapazitäten hinzu. Erst ab Sommer wird der Hersteller Verfahren entwickelt haben, mit denen sich Ressourcen auch wieder abschalten lassen. Auch auf Applikationsebene gibt es noch Hindernisse für die nutzungsabhängigen Modelle, hier bereitet die Lizenzpolitik der Hersteller Probleme. Von den bedeutenden Softwareanbietern hat sich Microsoft bislang am weitesten vorgewagt. In Redmond können Service-Provider monatlich abrechnen, und zwar pro Nutzer.

Bei anderen Herstellern sind ebenfalls Ansätze zu Utility Services zu erkennen, es fehlt jedoch die konsequente Umsetzung bei der Lizenzierung der Software. Bislang nur mäßige Kundenakzeptanz Software- und Hardwareanbieter tun sich jedoch schwer mit dem Wechsel auf regelmäßige oder nutzungsabhängige Abschlagszahlungen. Bislang wird die gesamte Summe aus dem Verkauf eines Pakets als Einnahme verbucht, sobald der Vertrag unterschrieben wurde. Der Umstieg auf einen kontinuierlichen Einnahmenstrom durch neue Lizenzmodelle würde zumindest vorübergehend Umsatzziele und Aktienkurs belasten.

Die Anbieter von nutzungsabhängigen Services stehen zudem vor dem Problem, der Kundschaft die neuen Modelle nahezubringen. Kaum ein Anwender kann seinen Ressourcenbedarf exakt vorhersagen und plausible Preisverhandlungen führen. Nur wenige IT-Abteilungen - darunter so gut wie keine in kleinen oder mittleren Unternehmen - messen die Auslastung ihrer eigenen Infrastruktur und Applikationsnutzung. Noch seltener gibt es Abrechnungsverfahren. Den Anwendern fehlen also Vergleichsdaten; sie haben kein Gefühl dafür, was derartige Dienste kosten dürfen. Die Giga Information Group erwartet daher, dass Utility Services sich nur als variable Komponente von großangelegten Outsourcing-Verträgen durchsetzen werden. An die Adresse der Anwender richten die Analysten die Warnung, die Offerten genau zu durchleuchten und vor allem auf einen Zugewinn an Flexibilität zu achten.