Update: Verzettelt sich Acer mit der Gateway-Übernahme?

29.08.2007
Der taiwanische Rechnerhersteller Acer Inc. will den nur in den USA vergleichsweise starken PC-Anbieter Gateway Inc. für 710 Millionen Dollar übernehmen. Fraglich ist, ob das ein kluger Schachzug ist.

Der Kauf des als Direktvertreiber auftretenden PC-Anbieters aus Kalifornien hat in erster Linie Auswirkungen auf den PC-Markt in den Vereinigten Staaten. Dort ist Gateway nach der Zahl ausgelieferter Systeme die drittstärkste Kraft nach Marktführer Dell und Hewlett-Packard (HP). Acer nimmt mit 5,6 Prozent den vierten Rang ein. Auch wenn man die Stückzahlen von Gateway und Acer zusammenlegt, reicht das vereinte Unternehmen bei weitem nicht an das Führungsduo heran. Toshiba folgt in den USA mit 5,5 Prozent auf Platz vier, punktet jedoch wie in anderen geografischen Märkten mehr oder weniger ausschließlich mit mobilen Rechnern.

Für den US-Markt lässt sich allerdings festhalten: Mit dieser Übernahme hat Acer seine Position als drittstärkster Anbieter gefestigt. Nicht von ungefähr betonte denn auch Acer-President Gianfranco Lanci: "Acer und Gateway ergänzen sich sowohl geografisch als auch bei der Produktpositionierung sehr stark." Noch Ende Mai 2007 hatte Acer übrigens bestritten, Gateway übernehmen zu wollen.

Nach wie vor ein heißer Kandidat für eine weitere Übernahme ist Packard Bell. Acer wie Gateway haben bestätigt, dass sie sich diesen PC-Anbieter einverleiben wollen. Aber auch Lenovo zeigt großes Interesse an Packard Bell. Den Informationen zufolge hat allerdings Gateway die Möglichkeit, Kaufangebote von Dritten abzulehnen. Grund hierfür ist, dass John Hui bei Packard Bell der größte und bei Gateway der zweitgrößte Aktionär ist. Die "Financial Times Deutschland" zitiert die Citigroup mit der Aussage, Gateway habe einen Vertrag, der dem Unternehmen das Recht einräumt, Kaufangebote für Packard Bell abzulehnen und das Unternehmen selbst zu kaufen. Dieses Recht wolle man ausüben, sagte Gateway jetzt.

Packard Bell gehörte früher zur NEC Corp. und ist im November 2006 in das Eigentum von John Hui übergegangen. Hui ist unter anderem Mitbegründer von eMachines, einem Billig-PC-Anbieter. Packard Bell betreut mit insgesamt 900 Mitarbeitern von der französischen Zentrale aus 21 europäische Länder und sieben weitere regionale Niederlassungen. Packard Bell ist zudem in Lateinamerika, dem Mittleren Osten, Afrika und Asien aktiv.

Gateway weltweit und in Europa nicht existent

Großes vor hat Acer-President Gianfranco Lanci. Er will den asiatischen Konkurrenten Lenovo als Nummer 3 im PC-Markt verdrängen.
Großes vor hat Acer-President Gianfranco Lanci. Er will den asiatischen Konkurrenten Lenovo als Nummer 3 im PC-Markt verdrängen.

Gateway hat ausschließlich in den USA einen nennenswerten Anteil am PC-Markt. Versuche, Mitte der 90er Jahre in Deutschland Fuß zu fassen, scheiterten schnell. Die Marktforscher von IDC ebenso wie von Gartner sehen Gateway außerhalb der USA nicht als marktrelevante Größe, während Acer auch jenseits der Staaten eine starke Position einnimt.

In Emea (= Europa, Naher Osten, Afrika) belegt Acer nach den aktuellen Listen des zweiten Quartals 2007 bei IDC hinter HP und Dell mit einem Marktanteil von zwölf Prozent Rang drei. Fujitsu-Siemens folgt auf Platz vier mit sechs Prozent. Dahinter rangiert Toshiba. Bei Gartner haben Acer und Dell die Positionen getauscht. Auch hier liegt HP in Front.

Acers erklärtes Ziel, mit der Fusion weltweit als Nummer drei zu Dell und HP aufzuschließen und vor allem den chinesischen Konkurrenten Lenovo hinter sich zu lassen, scheint vor dem Hintergrund der Marktforschungszahlen sehr optimistisch. Michele Zwolinski von IDC bestätigt, dass der US-PC-Anbieter außerhalb der USA praktisch nicht in Erscheinung tritt. Während Acer im Jahr 2006 in Emea insgesamt rund 8,3 Millionen PCs verkaufte, schaffte es Gateway nach Zahlen von IDC, gerade mal 1740 Rechner an den Mann zu bringen – 0,02 Prozent der insgesamt von Acer verkauften Stückzahlen also. Ähnlich sieht es beim weltweiten Abverkauf von PCs aus.

1 +1 ist nicht 2

Laut IDC-Analystin Michele Zwolinski tritt Gateway außerhalb der USA praktisch nicht in Erscheinung.
Laut IDC-Analystin Michele Zwolinski tritt Gateway außerhalb der USA praktisch nicht in Erscheinung.

Das Beispiel der Fusion HP und Compaq im Jahr 2002 zeigt zudem, dass die anlässlich einer Fusion addierten Stückzahlen eher ein theoretischer Wert sind. In der Marktrealität reduziert sich diese Zahl. Zum einen müssen zwei fusionierte Unternehmen ihre prinzipiell ähnlichen Produktangebote zu einem stimmigen Portfolio bereinigen. Damit verschwinden Systemfamilien, die jede für sich bislang am Markt mehr oder weniger Erfolg hatten. So dürften etwa die populären Notebooks von Acer auch in den USA entsprechende Angebote von Gateway sowohl in dessen Direktvertrieb via Internet als auch in den Gateway-Shops kannibalisieren.

Die Fusionskandidaten müssen ferner ihre hausinternen Personalstrukturen anpassen. Das führt nicht nur zu Entlassungen. Vielmehr kommt es unweigerlich zu den bei Fusionen typischen Übergangsproblemen hinsichtlich der für Externe erkennbaren Zuordnungen und Verantwortlichkeiten in Produktlinien. In aller Regel führt die Übergangsphase nach einer Fusion zu einer Reduzierung der gemeinsamen Marktanteile.

Acer bietet 1,90 Dollar für jede Gateway-Aktie. Die Offerte bedeutet einen Aufschlag von 57 Prozent auf den Schlusskurs (1,21 Dollar) vor Bekanntgabe der geplanten Fusion, dem die Boards beider Unternehmen bereits zugestimmt haben. Die Kartellbehörden sowohl der USA als auch von Taiwan müssen dem Zusammenschluss noch ihr Plazet geben. Die Unternehmen gehen davon aus, dass die Fusion bis Dezember 2007 vollzogen sein wird. (jm)