Fachkräftemangel

Teurer Know-how-Verlust

Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting, Social Media im Berufsleben. Zusätzlich betreut das Karriereressort inhaltlich das Karrierezentrum auf der Cebit.
Rund elf Milliarden Euro Umsatz entgehen deutschen IT-Unternehmen jährlich durch Wissens- und Kompetenzverlust. Zu dem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Fraunhofer IAO und des Bitkom.

"Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen IT-Branche leidet massiv darunter, dass hochqualifizierte Mitarbeiter ihr Know-how mitnehmen - sei es zur Konkurrenz oder in die Rente", beklagt der stellvertretende IAO-Institutsleiter Wilhelm Bauer. Die Ergebnisse seiner Studie würden zeigen: Trotz aktuell guter Geschäftsentwicklung geht vor allem das Wissen in mittelständischen IT-Unternehmen verloren. So geben 64 Prozent der Befragten an, dass sie einen Kompetenzverlust erleiden, weil Fachleute aus Karrieregründen das Unternehmen verlassen.

Rund elf Milliarden Euro entgehen der deutschen Wirtschaft durch Wissensverlust.
Rund elf Milliarden Euro entgehen der deutschen Wirtschaft durch Wissensverlust.
Foto: Rene Schubert - Fotolia.com

"Der Wettbewerb um die besten Köpfe in der IT-Branche wird schärfer", ist Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder überzeugt. Das treffe vor allem die mittelständischen IT-Unternehmen hart, weil sie im Vergleich zu Konzernen weniger bekannt sind und in der Regel nicht so hohe Gehälter zahlen können. Weitere Gründe für Kompetenzverluste sind altersbedingtes Ausscheiden, das 42 Prozent der Unternehmen nennen, und längere Familienphasen (35 Prozent).

Überlastete Leistungsträger

Personalengpässe führen laut Bauer zur Überlastung der Wissens- und Leistungsträger, die für die Entwicklung der Unternehmen und die technologischen Innovationen entscheidend sind. Laut Umfrage geben 45 Prozent der Betriebe an, dass ihre Mitarbeiter infolge knapper Personalressourcen überlastet sind. 26 Prozent mussten deswegen Aufträge ablehnen, neun Prozent konnten Projekte nicht zu Ende führen und bei acht Prozent sind Kunden deshalb abgewandert. "Die Folgen des Fachkräftemangels sind massive Einbußen im Kerngeschäft der Unternehmen", kommentiert Bauer. Im Durchschnitt verlören die Unternehmen 8,5 Prozent ihres Umsatzes.

Gleichzeitig trifft der demografische Wandel die häufig noch als jugendzentriert geltende IT-Branche: Aktuell sind fast vier Fünftel (79 Prozent) aller IT-Spezialisten in den Unternehmen unter 41 Jahre alt. Dieser Anteil wird innerhalb von zehn Jahren auf 45 Prozent sinken. Dann wird die Altersgruppe der 41 bis 45-jährigen Mitarbeiter mit 38 Prozent das beschäftigungsstärkste Segment der IT-Branche sein. Aktuell sind es in dieser Altersgruppe erst 18 Prozent. "Alternde Belegschaften stellen die IT-Branche vor besondere Herausforderungen, weil das technologische Know-how in keinem anderen Bereich so schnell veraltet", gibt Bauer zu bedenken. "Die Unternehmen müssen Weiterbildungsangebote machen und die Mitarbeiter bereit sein, diese anzunehmen."

IT-Firmen müssen Personalpolitik anpassen

Die Unternehmen müssen deutlich mehr Ressourcen einsetzen, ist der IAO-Mann überzeugt. 63 Prozent der befragten Unternehmen versuchten bereits heute, den informellen Wissensaustausch zu fördern. 49 Prozent nutzen Tandemmodelle, bei denen ausscheidende Mitarbeiter und ihre Nachfolger eine Zeit lang zusammenarbeiten. Erst 38 Prozent nutzen systematische Übergabeinstrumente, bei denen Erfahrungen aus abgeschlossenen Projekten regelmäßig in Workshops an andere Mitarbeiter weitergegeben werden. 34 Prozent setzen eine lebensphasenorientierte Aufgaben- und Karriereplanung für ihre Mitarbeiter ein. So haben Beschäftigte bei ihrem Jobeinstieg andere Kompetenzen und persönliche Bedürfnisse als während einer Familienphase oder als Senior.

"Die IT-Unternehmen müssen ihre Personalpolitik an die demografische Entwicklung und den damit verbundenen Fachkräftemangel anpassen", fordert Rohleder. Entscheidend sei dabei ein Mix aus organisatorischen und technischen Maßnahmen. Unter den befragten IT-Unternehmen setzen 49 Prozent Wissensdatenbanken ein, 48 Prozent eine standardisierte Dokumentation, 43 Prozent Web-2.0-Instrumente und 39 Prozent Expertensysteme.

Die IAO-Studie

Die Studie "Fachkräftemangel und Know-how-Sicherung in der IT-Wirtschaft" gibt einen Überblick über die Ursachen des Verlusts von Wissen und Kompetenzen. Gleichzeitig werden Lösungsansätze aufgezeigt, um dem entgegenzuwirken. Für die Untersuchung befragten Fraunhofer IAO und Bitkom 203 IT- und Telekommunikationsfirmen. Die Studie ist ab sofort im Fraunhofer IAO-Shop unter https://shop.iao.fraunhofer.de/details.php?id=529 und im Buchhandel zum Preis von 39 Euro erhältlich. Alle Infos zur Studie sind hier nachzulesen.