Johannes Helbig

Systematisch auf dem Weg ins Web

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Der CIO des Jahres 2010, Johannes Helbig, findet die gute alte Post auf ihrem Weg ins digitale Business alles andere als "behäbig".

CW: Im Rückblick: Was war die größte Herausforderung für die IT-Organisation im Zusammenhang mit der Einführung des E-Postbrief?

CIO des Jahres 2010, Johannes Helbig, kann auf ein Jahr voller Herausforderungen zurückblicken.
CIO des Jahres 2010, Johannes Helbig, kann auf ein Jahr voller Herausforderungen zurückblicken.
Foto: J. Wendler

Helbig: Da ist zunächst die rein technische Herausforderung. Ein System mit solch hohen Anforderungen an Sicherheit, Skalierbarkeit und Stabilität zu bauen, ist nicht trivial. Das Ganze muss ja für den Benutzer bedienbar sein und als Massenprodukt taugen - das war technisch eine spannende Herausforderung. Allein durch die hohen Sicherheitsanforderungen bekamen wir eine zusätzliche Komplexität um den Faktor zehn hinein.

Durch den hybriden Ansatz müssen wir den E-Postbrief außerdem in die Flächenprozesse der Briefpost integrieren. Wir hatten also nicht nur ingenieursmäßig, sondern auch operativ herausfordernde Aufgaben zu lösen. Und schließlich bewegen wir uns plötzlich in völlig neuen Märkten. Das ist echtes Business-Building in einem innovativen Marktumfeld.

CW: Gab es eine Einstellungsoffensive mit neuen Fachkräften?

Helbig: Nein. Es ist illusorisch zu meinen, man stellt ein paar Hundert Leute ein und der Transformationsprozess läuft von selbst. Das Spannende an dem Übergang ist, dass sie aus der bestehenden Organisation heraus geführt wird. Das ist eine beträchtliche Herausforderung für eine solch große, etablierte Organisation wie die Deutsche Post. Marketing-, Vertriebs-, Produktions- und IT-Vorstände - alle müssen den Spagat schaffen, in einer neuen geschäftlichen Dimension zu denken.

CW: Worin liegt das Alleinstellungsmerkmal der E-Briefpost?

Helbig: Im Sicherheitsniveau und im hybriden Ansatz. Bei den Wettbewerbern, die ich sehe, kann ich im Moment nicht erkennen, wie eine geschlossene sichere Prozesskette, die den Papierbrief mit umfasst, zustande kommen soll.

CW: War es nicht schwierig, in einem behäbigen Großkonzern wie die Post eine solche Transformation auf den Weg zu bringen?

Helbig: Nachdem wir das Commitment des Top-Managements hatten - das erfordert natürlich immer und zu Recht Überzeugungsarbeit -, haben wir große Unterstützung und Freiheiten erhalten. Wir konnten praktisch mit der Geschwindigkeit und Schlagkraft eines Startups agieren.

Übrigens, ihr Bild der "Behäbigkeit" teile ich nicht. Die Post mag nach außen konservativ wirken, weil sie ein sehr etabliertes und wertbeständiges Produkt anbietet. Aus der Innenperspektive erlebt man unsere Managementkultur als sehr dynamisch und innovativ.

Am Ende geht es um nicht weniger als einen Kulturwandel, den Jürgen Gerdes hier zum Ziel gesetzt hat. Wir stehen ja erst am Anfang, das darf man nicht vergessen. Was die E-Projekte bisher fokussiert vorleben konnten, gilt es nun in den nächsten Jahren zum festen Bestandteil der DNA der gesamten Organisation zu machen.

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