SAP-Kunden modernisieren R/3 ohne SOA

Vice President Software & SaaS Markets PAC Germany
Viele SAP-Anwender steigen derzeit auf ERP 6.0 um. Mit den SOA-Konzepten des Herstellers setzen sich aber nur wenige ernsthaft auseinander.
Komponenten wie Business-Intelligence hatten Kunden teilweise schon erworben, bevor diese unter der Dachmarke Netweaver zusammengefasst wurden. Zudem erhalten Nutzer neuer ERP-Produkte automatisch den Netweaver-Stack dazu, da die Lösungen darauf aufsetzen.
Komponenten wie Business-Intelligence hatten Kunden teilweise schon erworben, bevor diese unter der Dachmarke Netweaver zusammengefasst wurden. Zudem erhalten Nutzer neuer ERP-Produkte automatisch den Netweaver-Stack dazu, da die Lösungen darauf aufsetzen.
Foto: RAAD

Während SAP für die Vorzüge Service-orienterter Architekturen (SOA) wirbt, beschäftigt sich die Mehrheit der Anwender noch damit, alte R/3-Systeme durch neuere Produkte zu ersetzen, ohne sich dabei mit SOA zu beschäftigen.

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de

1854747: ERP-Trends auf der CeBIT;

1850997: Wann lohnt sich die Integration mit Netweaver?

1847732: Was CIOs von ihren ERP-Systemen halten;

1849159: SAP-Nutzer können Ballast abwerfen;

1846485: Serie SAP-Migration.

Wer in diesem Jahr ein Upgrade seiner ERP-Software plant - nach Angaben der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) sind dies 44 Prozent der Befragten -, führt vornehmlich das aktuelle ERP-Release ein. Nur noch wenige ziehen einen Umstieg auf das Vorgängerprodukt (ERP 5.0, vormals Mysap ERP 2004) beziehungsweise auf das letzte R/3-Release 4.7 in Erwägung.

Ein Upgrade nehmen die Firmen jedoch nicht in erster Linie wegen neuer Funktionen vor. Laut der DSAG will die Hälfte derer, die einen Softwarewechsel planen, den höheren Wartungsgebühren der SAP entfliehen. Bekanntlich haben die Walldorfer die Wartungskosten für R/3-Releases älter als 4.7 angehoben. Davon betroffene Unternehmen spielen in erster Linie neue Software auf, um die ERP-Prozesse so zu nutzen wie bisher. Nur gut ein Drittel möchte mit dem Upgrade den Funktionsumfang ausbauen.

Firmen haben keinenPlan für Enterprise SOA

Noch weniger ausschlaggebend für die Entscheidung sind die SOA-Eigenschaften. Mit der SOA-Strategie der SAP ("Enterprise SOA") haben sich offenbar noch nicht viele Anwender intensiv befasst. Laut DSAG-Umfrage wissen 43 Prozent der Kunden, was ihr Softwarelieferant in dieser Richtung vorhat. Dem Verein zufolge kennen die Anwender zwar die Vorteile einer SOA-basierenden Software, wissen jedoch nicht, wie sie an die Projekte herangehen sollen. Laut Umfrage planen drei Viertel der Unternehmen keine Enterprise-SOA-Projekte. Beim restlichen Viertel handelt es sich um Firmen, die konkrete Realisierungen vorhaben oder bereits implementieren.

Mit SOA in der Praxis beschäftigen können sich ohnehin nur solche Firmen, die bereits ERP 6.0 verwenden. Derzeit sind das weltweit 5500 der insgesamt rund 43 000 SAP-Kunden (die Anwender der übernommenen Softwarefirma Business Objects nicht eingerechnet).

Erweiterungen ohne Downtime und Release-Wechsel

Zwar nehmen SAP-Kunden ERP 6.0 zunächst als R/3-Nachfolger wahr. Doch nach dem Bekunden des Herstellers ändert sich mit dem aktuellen Kernprodukt auch die Methode, wie neue Programmfunktionen installiert werden. Statt der umfänglichen Release-Wechsel der R/3-Ära lassen sich neue Eigenschaften über "Enhancement Packages" einspielen. Dafür ist es nach Herstellerangaben nicht erforderlich, die ERP-Applikation herunterzufahren. Nach Auskunft des Softwarehauses entfällt die bei einem R/3-Release-Wechsel typische Ausfallzeit (Downtime). Die neuen Programm-Features nutzen nach Angaben des Herstellers zwar die Kernfunktionen der ERP-Software, verändern diese jedoch nicht: Der Kernbaustein von SAP ERP bleibt stabil, bis, wie bereits angekündigt, in ein paar Jahren ein neues System erscheint. SAP will etwa im Jahresrhythmus neue Erweiterungen an die Kunden ausliefern. Unlängst hat der Softwareanbieter das dritte Paket dieser Art vorgestellt, das eine Reihe branchenspezifischer Merkmale enthält. Anwender sind laut SAP in der Lage, selbst zu bestimmen, wann und in welchem Umfang sie Funktionen eines Enhancement Packages aktivieren wollen. Über das "Switch Framework", das Teil von ERP 6.0 ist, kann eine Firma beispielsweise nur das Talent-Management im Bereich Personalwesen freischalten, die anderen gelieferten Funktionen jedoch noch unangetastet lassen. Durch das gezielte Aktivieren von Funktionen bleibt auch der Testaufwand überschaubar, wirbt der Softwarekonzern. SAP setzt darauf, dass dieses Erweiterungskonzept sowohl Neu- als auch Bestandskunden überzeugt. Der Konzern verspricht ihnen einen geringeren Pflegeaufwand, der insbesondere bei größeren SAP-Installationen heute oft einen großen Teil des IT-Budgets verschlingt.

Integration von Nicht-SAP-Applikationen

Das neue ERP-System stützt sich auf die Infrastrukturplattform Netweaver, die SAP nicht nur als Betriebsumgebung für Applikationen, sondern auch als Integrationslösung vermarktet. Dem Hersteller zufolge verwenden etwa 2400 Kunden weltweit Netweaver dazu, Nicht-SAP-Software zu integrieren. Einbinden wollen diese Firmen sowohl interne Systeme als auch solche von Partnern, Lieferanten und Kunden.

Galaxy soll Geschäftsprozessemanagen helfen

Nach dem Willen der SAP soll Netweaver künftig stärker in den Mittelpunkt der Geschäftsprozesse rücken: Ende des Jahres wollen die Walldorfer eine überarbeitete Fassung von Netweaver auf den Markt bringen. Auf den "Technologietagen" der DSAG in Dresden skizzierten Softwarespezialisten der SAP die Weiterentwicklung: Im Rahmen des Projekts "Galaxy" will der Konzern Netweaver zu einer SOA-Middleware ausbauen, die es gestattet, mit Business-Process-Management-Werkzeugen (BPM) Geschäftsprozesse auf der Grundlage von Enterprise-Services zu modellieren, auszuführen, zu verwalten und zu überwachen. Galaxy hat ein einheitliches Prozessmodell zum Ziel, in dem sich menschliche Interaktion, Kommunikation zwischen Anwendungen sowie Mischformen aus beiden abbilden lassen. Bisher ist das noch nicht möglich. Doch SAP muss hier Flagge zeigen,denn auch andere Hersteller wie IBM und Oracle investieren in SOA-Middleware und haben es dabei auch auf SAP-Kunden abgesehen.

Netweaver soll Prozesse und Workflows einheitlich steuern

Ein erster Schritt der Walldorfer in diese Richtung ist Netweaver 7.1, das zum Jahresende auf das aktuelle Netweaver-Release 7.0 (vormals Netweaver 2004s) folgt. Es soll Firmen zusätzliche Möglichkeiten liefern, Geschäftsapplikationen zu integrieren und eigene Prozesse zu gestalten.

Netweaver 7.1 stellt darüber hinaus ein Entwicklungswerkzeug bereit, mit dem Anwender eigene Geschäftsprozesse gestalten können: Aus Enterprise Services lassen sich mit dem "Composition Environment" (CE) Abläufe und Benutzeroberflächen kreieren und Endbenutzern zur Verfügung stellen. Enterprise Services sind gekapselte Funktionen von SAP-Software, die in einem Enterprise Services Repository gespeichert sind. CE 7.1 hat SAP bereits vor der Freigabe des nächsten Netweaver-Release zur Verfügung gestellt.

Die erweiterte Netweaver-Version soll Anwender in die Lage versetzen, Prozesse zu komponieren, die auch die Interaktion von Endanwendern einbeziehen. Dazu zählen beispielsweise Workflows, in die mehrere Personen eingebunden sein können. Mittels eines "Process Composers" entwirft der Entwickler künftig Prozesse, die der standardisierten Business Process Management Notation (BPMN) folgen. In die Plattform einbinden will der Hersteller außerdem die Geschäftsregeltechnik des im vergangenen Herbst übernommenen indischen Unternehmens Yasu. Damit soll es möglich sein, definierte Prozesse mit Geschäftsregeln zu hinterlegen.

Nach Darstellung von SAP sind Anwender jedoch nicht gezwungen, Software künftig nur noch über Prozessmodellierung einzurichten. Firmen können ihre ERP-Lösungen und die SAP Business Suite so verwenden wie bisher. Wer jedoch Prozesserweiterungen wünscht oder neue Prozesse bauen will, soll die neuen Methoden von Galaxy dazu verwenden. Firmen können eigene Prozesse entwickeln oder bestehende verändern, ohne, wie noch in der R/3-Welt üblich, Programme zu schreiben und in die Standardsoftware einzufügen. Solche Erweiterungen bedeuten Mehrarbeit bei Release-Wechseln, die SAP am liebsten vermeiden will. Mit den Verfahren zur Prozessdefinition über Netweaver lässt sich das theoretisch vermeiden. Noch sind jedoch bei weitem nicht alle SAP-Softwarefunktionen bereits als Enterprise Service im Enterprise Services Repository hinterlegt. Außerdem sind, wie eingangs erwähnt, viele Unternehmen zunächst damit beschäftigt, ihre R/3-Systeme auf das aktuelle Produkt "SAP ERP 6.0" umzustellen. Somit dürfte es noch eine Weile dauern, bis Anwender in großem Stil mit Netweaver Prozesse modellieren.