Rudolf Schwarz, Migros-Genossenschafts-Bund Zürich: Genosse CIO wirbt für IT-Services

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Rudolf Schwarz hat die unternehmenskritischen Applikationen des Migros-Genossenschafts-Bunds (MGB) kräftig entstaubt. Im Rahmen der "IT-Strategie 2011 ff" will er zudem neue Anwendungsgebiete erobern. Das überzeugte die Jury des Wettbewerbs "CIO des Jahres".

Mit einem Gruppenumsatz von mehr als zwölf Milliarden Euro, knapp 80 000 Mitarbeitern und 600 Filialen ist der "orange Riese" Migros das größte Schweizer Handelsunternehmen – und gleichzeitig ein Bund aus zehn Genossenschaften, die sich eine Zentrale als Tochter halten. Die besondere Struktur seines Arbeitgebers empfindet Rudolf Schwarz als hilfreich – ja wirklich: "Die Geschäftsprozesse sind bei einem Genossenschaftsbund nicht anders als bei einer Aktiengesellschaft", erläutert er, "und bei der Realisierung erweist es sich als positiv, dass die Entscheidungen schon im Vorfeld mehrheitlich abgestützt sind." Über die ganze Wegstrecke betrachtet, ließen sich die Projekte auf diese Weise "tendenziell" sogar schneller umsetzen, so die Überzeugung des Migros-CIOs.

Erster Ansprechpartner in allen IT-Fragen

Rudolf Schwarz muss sich als Leiter eines internen Profit-Centers ständig am Marktangebot messen lassen. (Foto: Joachim Wendler)
Rudolf Schwarz muss sich als Leiter eines internen Profit-Centers ständig am Marktangebot messen lassen. (Foto: Joachim Wendler)
Foto: Joachim Wendler

Der passionierte Reiter managt ein unternehmensinternes Profit-Center, das sich immer wieder aufs Neue beweisen muss. Die Leistungen, die Schwarz und seine 270 Mitarbeiter den Handelsgenossenschaften sowie den 14 angeschlossenen Industriebetrieben anbieten, konkurrieren mit den Services externer Anbieter.

Deshalb treibt der CIO kräftig Eigenwerbung: Er stellt seine Abteilung nicht nur auf einer eigenen Homepage im Internet (www.mits.ch) vor, sondern präsentiert sie auch in einer Print-Broschüre. Dort werden die angebotenen Leistungen und die wichtigsten Projekte in einer für die internen Kunden verständlichen Sprache beschrieben. "Wir wollen uns als ersten Ansprechpartner für alle IT-Fragen präsentieren", erläutert Schwarz: "Im Zweifelsfall werden wir also auch den besten externen Unterstützer finden."

Von dezentral zu vereinheitlicht

Laut Schwarz sind die Migros IT-Services zunächst eines der größten SAP-Systemhäuser der Schweiz – auch wenn sie "nur" das 80 000 Mitarbeiter zählende Mutterunternehmen bedienen. Seit 2003 hat der IT-Bereich des Genossenschaftsbunds daran gearbeitet, die zuvor stark dezentralisierte IT auf einer gemeinsamen Applikationsplattform zu vereinheitlichen. Mittlerweile laufen Waren- und Materialwirtschaft durchgängig auf "SAP Retail".

"Die wichtigsten Applikationen stammen alle aus diesem Jahrtausend", freut sich Schwarz. Auf der Hardwareseite mündete der "Neubau der IT-Landschaft", wie der CIO ihn nennt, in eine Zwei-Anbieter-Strategie. Die Bereiche Industrie, Non-Food und Trockensortimente werden in Zürich von HP-Servern aus bedient. Die Services für die Frischeprodukte (Agrar, Milch, Fleisch) stellt die Genossenschaft Migros Aare auf IBM-Maschinen bereit.

Rudolf Schwarz auf einen Blick: Stationen, Projekte, Ansichten.
Rudolf Schwarz auf einen Blick: Stationen, Projekte, Ansichten.

Durch die Konsolidierung und Vereinheitlichung der Prozesse spart Migros laut Schwarz Jahr für Jahr ein Fünftel der früher üblichen IT-Betriebskosten. Darüber hinaus profitiere das Unternehmen von neuen Funktionen, die erst durch das moderne Softwaresystem möglich geworden seien.

Dazu gehört vor allem der "industrielle" Warennachschub: Die rund 600 Migros-Filialen bestellen ihren täglichen Bedarf nicht mehr explizit beim Distributionslager, sondern bekommen ihn an sechs Tagen der Woche automatisch geliefert. Dazu errechnet das Warenwirtschaftssystem aus der Differenz zwischen dem Vortagsbestand, den Wareneingängen und den Verkäufen – nach einem Abgleich mit den jeweiligen Sollmengen – die benötigten Warenmengen und schickt sie auf die Reise (siehe auch: "Reagle auffüllen, Lager abschaffen" in der COMPUTERWOCHE-Schwesterpublikation "CIO")

Eine durchgängige Prozesskette

Derartige Lösungen sind derzeit eher die Ausnahme, wirft sich Schwarz in die Brust: "Der Handel tendiert dazu, lieber elektronische Bestellvorschlag-Systeme zu bauen", so seine Begründung, "anstatt den Bestellvorgang an sich abzulösen."

Die unternehmenseigenen Lebensmittelproduzenten, die fast die Hälfte der in den Migros-Märkten verkauften Food-Produkte herstellen, setzen seit 2003 SAP-basierende Materialwirtschaftssysteme ein, die zentral von Zürich aus betrieben werden. So lässt sich laut Schwarz eine durchgängige IT-Lösung von der Fertigung bis zum Verbraucher konstruieren.

Die Entscheidung für die SAP-Lösung traf die Migros mehr oder weniger intuitiv: "Im Großen und Ganzen leistet die IT zu viel Aufwand, um das angeblich richtige System zu evaluieren", ist seine Überzeugung. "Den Unterschied zwischen zwei Handelsunternehmen macht doch nicht die Entscheidung für SAP oder Oracle aus, sondern die Art und Weise, wie das jeweilige System eingesetzt wird."

Entscheidungen für die nächste Zukunft

Inzwischen ist Migros aber sehr eng mit SAP verbandelt. Fast alle unternehmenskritischen Anwendungen laufen auf der Software aus Walldorf. Gemeinsam mit SAP und der Universität St. Gallen hat Migros auch eine "Laborfiliale" eingerichtet, in der neue Techniken wie die RFID-Kennzeichnung auf Artikelebene oder der Self-Check-out durch die Kundschaft getestet werden. Wer sich hier an den "Future Store" der Metro erinnert fühlt, liegt ganz richtig. Der "Smart Store" der Migros hat jedoch einen eher akademischen Charakter. "Wir wollen an den übernächsten Technologieschritt denken, um die richtigen Entscheidungen für die nächste Zukunft zu treffen", sagt Schwarz. Seit Anfang Oktober ist die Migros Partner im neuen "SAP Future Retail Center".

Von der Prozess- zur Consumer-Orientierung

Etwa zur selben Zeit betraten Schwarz und seine Mitarbeiter ein neues Spielfeld. Ende August haben die Genossenschaften die "IT-Strategie 2011 ff" genehmigt. Mit ihrer Hilfe will die Migros "Applikationen schaffen, mit denen wir die Kunden in unsere Filialen locken", erläutert Schwarz. Dazu gehören beispielsweise eine kostenlose Migros-Kreditkarte (auf Mastercard-Basis) und ein preisgünstiger Handy-Tarif (in Kooperation mit der Swisscom).

Mit solchen Produkten kehrt die Migros ein über Jahrhundete etabliertes Paradigma um: Der Vertriebsprozess wird nicht mehr von der Fertigung zum Kunden betrachtet, sondern rückwärts – vom Verbraucher zur Produktentwicklung. Das schlägt auch auf die IT-Strategie durch. In den Worten des CIOs: "Wir müssen von einer prozessorientierten zu einer konsumentenorientierten IT werden."