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Raymond und Perens geben SCO contra

11.09.2003

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit einem offenen Brief haben die Open-Source-Verfechter Eric Raymond und Bruce Perens auf die jüngsten Vorwürfe von SCO-Chef Darl McBride (Computerwoche online berichtete) reagiert, die sie als "falsch und verleumderisch" bezeichneten.

Sowohl Raymond als auch Perens waren von McBride persönlich angegriffen worden, der in seinem Brief die Open-Source-Bewegung und ihr Geschäftsmodell kritisiert und die Community zum Umdenken aufgefordert hatte. Raymond, Autor von "The Cathedral & The Bazaar" und President der Open Source Initiative, sollte McBride zufolge die Identität des möglichen Urhebers einer DoS-Attacke (Denial of Service) gegen SCOs Website nicht preisgeben wollen.

Raymond kenne den Angreifer aber gar nicht und habe außerdem mit einem Aufruf dafür gesorgt, dass die Angriffe aufgehört hätten, entgegnete das OSS-Duo. Dafür habe sich Blake Stowell von SCO sogar ausdrücklich bedankt. McBride habe nun die Sache so dargstellt, als dauerten die DoS-Attacken an und als würde Raymond den Angreifer weiter decken. Das stehe in direktem Widerspruch zu SCOs eigenem Verhalten.

Perens seinerseits, Autor der "Open Source Definition", soll laut McBride zugegeben haben, dass sich Code aus SCOs Unix System V in Linux wiederfinde. Diese Ansicht vertritt SCO in seiner Drei-Milliarden-Dollar-Klage gegen IBM. Inzwischen bezweifelt die Firma sogar die Validität der GNU General Public License (GPL) und wirft der Open-Source-Gemeinde vor, sie haben keinen oder nur geringen Respekt vor Gesetzen zum Schutz geistigen Eigentums.

Dies wollen Raymond und Perens nicht auf sich sitzen lassen. "Als Softwareentwickler ist geistiges Eigentum wie unsere an der Börse gehandelten Aktien. Ob wir uns unsere Mühen nun bezahlen lassen oder eine subtilere, aber dauerhaftere Entlohnung wählen - wir respektieren instinktiv Bedenken in Bezug auf Intellectual Property, Urheber und Herkunft", schreiben sie. "Unsere Lizenzen (die GPL und andere) arbeiten für und nicht gegen das Urheberrecht. Wir weisen Ihren Versuch, unsere Community als eine wilde Bande von IP-Dieben darzustellen, als haltloses und destruktives Geschmiere zurück."

McBrides am Ende seines Schreibens gemachtes Verhandlungsangebot lehnten Raymond und Perens ab. "Ihr Angebot, mit uns zu verhandeln, kommt als Ende eines kunterbunten Gemisches aus Lügen, Halbwahrheiten, Ausflüchten, Verleumdungen und Fehlinterpretationen. Das müssen Sie schon besser machen. Wir werden nicht versuchen, auf Basis von Unredlichkeit mit Ihnen einen Kompromiss zu erzielen."

SCOs Behauptung, es habe über eine Million Unix-Codezeilen in Linux identifiziert, erklärte Raymond und Perens für "mathematisch unmöglich angesichts der bekannten, öffentlich zugänglichen Geschichte der Linux-Entwicklung". "Wir als Open-Source-Community anerkennen nicht, dass es irgendetwas zu verhandeln gibt. Linux ist unser Werk und legitimes Eigentum", heißt es weiter. "Wenn Sie uns die Kontamination korrekt nachweisen wollen, dann zeigen Sie uns den Code. Veröffentlichen Sie die Übereinstimmungen. Spezifizieren Sie Zeile für Zeile, welchen Code Sie für unrechtens halten und warum. Wir werden unseren gesetzlichen Verpflichtungen umgehend nachkommen und den betreffenden Code entweder entfernen oder nachweisen, dass er auf Wegen in Linux hineingelangt ist, die proprietäre Ansprüche ausschließen."

SCO weigert sich bislang kategorisch, den seiner Ansicht nach aus System V entlehnten Unix-Code öffentlich zu machen und beruft sich dabei auf die nötige Wahrung seiner Geschäftsgeheimnisse. Raymond hatte im vergangenen Monat deswegen angeboten, SCO möge doch einfach Zeile und Dateibezeichnung nennen, damit die Linux-Gemeinde mögliche Übertretungen beheben könne, ohne dass SCO dazu seinen Code veröffentlichen müsste. Eine Antwort auf dieses Angebot steht bislang noch aus. (tc)