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Oracle greift nach Bea: "Das ist Größenwahn"

Sascha Alexander ist Manager Marketing & Kommunikation bei der QUNIS GmbH, Neubeuern, die auf Beratung und Projekte in der Business Intelligence, Big Data und Advanced Analytics spezialisiert ist. Zuvor war der Autor als Director Communications bei den Marktforschungs- und Beratungsunternehmen BARC und PAC tätig. Als ehemaliger Redakteur der COMPUTERWOCHE sowie Gründer und Chefredakteur des Portals und Magazins für Finanzvorstände CFOWORLD verbindet ihn zudem eine lange gemeinsame Zeit mit IDG.
Seine Themenschwerpunkte sind: Business Intelligence, Data Warehousing, Datenmanagement, Big Data, Advanced Analytics und BI Organisation.
Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Die milliardenschwere geplante Übernahme von Bea Systems durch Oracle erntet unter Experten zum Teil heftige Kritik.

Rund 6,6 Milliarden Dollar will Oracle für den Konkurrenten Bea Systems auf den Tisch legen (mehr dazu hier). Doch die Logik des Megadeals erschließt sich selbst erfahrenen Branchenkennern nicht auf den ersten Blick. Fest steht bisher nur: Die Überschneidungen der Produktpaletten sind immens. "Das Motiv für die Übernahme ist schlicht Größenwahn", kommentiert Andreas Zilch von der Experton Group. Logisch lasse sich der geplante Deal nicht rechtfertigen, denn Oracle verfüge mit Fusion bereits über eine komplette Middleware: "Welche Systeme sollen denn nun weitergepflegt werden?" Fusion-Kunden würden mit der Ankündigung völlig verunsichert.

"Oracles Fusion-Kunden werden mit den Übernahmeplänen völlig verunsichert", urteilt Andreas Zilch von der Experton Group.
"Oracles Fusion-Kunden werden mit den Übernahmeplänen völlig verunsichert", urteilt Andreas Zilch von der Experton Group.
Foto: Experton Group

Dass Bea eines Tages aufgekauft würde, galt in der Branche schon länger als ausgemacht. Zilch: "Bea war nicht groß genug, um eigenständig zu überleben." Sowohl hinsichtlich der Produkte als auch der Finanzkennzahlen sei Bea ein attraktives Unternehmen. Der Deal wird die Konsolidierung im Softwaremarkt weiter anheizen, ist sich der Analyst sicher. Seine Prognose: "Tibco wird der nächste sein". Als Käufer komme Hewlett-Packard in Frage. Die Kalifornier wollten ihr Angebot an Infrastruktur-Software weiter ausbauen und seien auch schon an Bea interessiert gewesen.

"Wachstum um jeden Preis"

Auch IDC-Analyst Rüdiger Spies sieht vor allem einen Grund für den Milliarden-Deal: "Grow or Die." Oracle wolle um jeden Preis wachsen. Hinzu komme ein emotionaler Aspekt: "Die Übernahme von Business Objects durch SAP war für Oracle sicher schwer zu ertragen." Unternehmerisch ergebe der Deal ebenso wenig Sinn wie aus technischer Sicht. Hinter der Oracle-eigenen Middleware "Fusion" stehe nun ein großes Fragezeichen. "Nutzt Oracle künftig als Grundlage Fusion oder Bea-Produkte oder etwas ganz Neues?" Eines ist für Spies jetzt schon klar: Oracles Fusion-Applikationen, die auf dem hauseigenen Middleware-Stack aufsetzen sollen, werden sich weiter verspäten. Der Nutzen für Kunden und Partner sei fraglich. "Oracle muss jetzt ganz schnell erklären, wie es mit Fusion weitergeht."

Unterm Strich kaufe sich die Ellison-Company mit Bea zahlreiche interessante Kunden und stärke damit ihre Marktposition nicht nur gegenüber dem Erzrivalen SAP, so Spies: "Der Krieg mit IBM wird jetzt heftig. Oracle hat keine Freunde mehr."

In einer offiziellen Erklärung sprach Oracle-President Charles Phillips von einem freundlichen Übernahmeangebot, das das Ergebnis zahlreicher Gespräche mit Beas Management in den vergangenen Jahren sei: "Wir wollen die Investitionen schützen, die Beas Kunden getätigt haben." Oracle werde den Support für diese Klientel über die nächsten Jahre sicherstellen. Die Übernahme stärke die technischen Ressourcen Oracles und werde die Entwicklung der eigenen Middleware-Produkte beschleunigen.

Lob für Beas Produkte

Aus technischer Sicht erntete Bea immer wieder viel Lob für seine Produkte. In den vergangenen Jahren baute der Hersteller mit seiner "AquaLogic"-Familie vor allem sein Portfolio für Service-orientierte Architekturen (SOA) und Business Process Management (BPM) weiter aus. Erst kürzlich kündigte das Unternehmen unter dem Namen Genesis eine Applikations-Plattform an, die das Entwickeln dynamischer Business-Anwendungen wesentlich beschleunigen soll. "Bea hat einen soliden Kundenstamm in Großunternehmen", kommentiert Stephen O´Grady vom US-amerikanischen Analystenhaus RedMonk. Zwar sei auch Oracle in vielen dieser Firmen präsent. Doch Beas Middleware genieße oft eine höhere Reputation unter IT-Verantwortlichen.

Auch für Laurent Lachal, Senior Analyst beim britischen Marktforschungsunternehmen Ovum, war Bea seit längerem ein Übernahmekandidat und auch Oracle immer wieder als Käufer gehandelt worden. Die jetzige Offerte sei indes geschickt eingefädelt, denn Oracle habe sich zunächst in eine starke Position im Markt für Integrationssoftware gegenüber Bea gebracht und die Java-Company durch eine aggressive Produkt- und Preispolitik massiv unter Druck gesetzt. Allerdings müsse Oracle nun einen deutlich höheren Preis zahlen als wenn es bereits 2004 zugegriffen hätte als die Bea-Aktie bei nur sechs Dollar lag.

Entwarnung gibt Lachal zumindest für Bea-Kunden. Das Versprechen von Oracles President Charles Phillips, beim Zustandekommen der Übernahme die Investitionen von Bea-Kunden zu respektieren, sei glaubwürdig. "Es liegt nicht in Oracles Interesse, dass Kunden abtrünnig werden". Vielmehr habe Oracle in der Vergangenheit einiges Geschick bewiesen, aufgebrachte Kunden zu besänftigen. So sei es beispielsweise trotz des langen Gezerres bei der feindlichen Übernahme des ERP-Konkurrenten Peoplesoft gelungen, die Kunden nicht nur zu halten, sondern einige hinzuzugewinnen.

Oracles Strategie

Lachal macht in Oracles Strategie der letzten Jahre drei Phasen aus: In Phase 1 ging es um den Kauf von Kunden. Beispiele seien die Übernahmen von Peoplesoft und Siebel Systems gewesen. In Phase 2 habe Oracle versucht, sich um den Ausbau seiner Middleware zu kümmern, die technische Lücken aufwies. Phase 3 zielt auf die Ausdehnung des eigenen Angebots auf einzelne Industrien und Anwendunggebiete. Zukäufe von iFlex Solutions, Retek, SPL World Group, Hotsip oder Netsure Telecom sollen diese Strategie unterstützen. Die geplante Übernahme von Bea sei nun ein Rückschritt in die Phase 1 und 2, sprich: der Kauf von Kunden und Technik.

Noch in der vergangenen Woche hatte sich CEO Alfred Chuang auf der Kundenveranstaltung "Bea World" in Barcelona gewohnt kämpferisch gegeben. Dabei hatte er betont, dass es für Unternehmen die falsche Strategie sei, die technische Basisinfrastruktur als Bestandteil von Standardsoftware wie SAP, Oracle oder Siebel zu beziehen. Kunden würden hierdurch die immer mehr benötigte Agilität in ihrer IT-Umgebung einbüßen und könnten schwerer auf die sich laufend ändernde Anforderungen reagieren. Den Vormarsch der großen Hersteller, die mittlerweile zusammen mit Integrationsplattformen wie "Oracle Fusion" auch mit Portal-Frameworks, BPM-Technik, SOA-Frameworks und J2EE-Container werben, stellte Bea sein plattformunabhängiges Portfolio rund um den Weblogic-Server entgegen. (wh/as)

Mehr zum Thema Service-orientierte Architekturen im SOA-Expertenrat der COMPUTERWOCHE.