Industrie 4.0 verändert das Supply-Chain-Management

Neue Anforderungen aus dem SCM

Jan Müller-Gödeke ist Experte für Themen des Supply Chain Managements sowie insb. für den Bereich Einkauf. Er verfügt über langjährige international geprägte Handels- und Industrieerfahrung. Seinen Interessenschwerpunkt bildet die Integration von Geschäftspartnern in die Supply Chain und somit das Thema Industrie 4.0, sowie die damit verbundenen Veränderungen und Möglichkeiten. Derzeit ist Jan Müller-Gödeke als Principal bei der INVERTO AG tätig und leitet das INVERTO Competence Center Supply Chain Management.
Die Industrie 4.0 verändert das Supply-Chain-Management der Unternehmen. Auf CIOs und IT-Spezialisten kommen deshalb neue Anforderungen zu. Hier lesen Sie einen Überblick.
Um Fertigungs und Lieferprozesse auf Industrie 4.0 umzustellen, bedarf es einer umfangreichen Planung.
Um Fertigungs und Lieferprozesse auf Industrie 4.0 umzustellen, bedarf es einer umfangreichen Planung.
Foto: maxuser, Shutterstock.com

Wenn von Industrie 4.0 die Rede ist, dann wird meist über Fertigungstechnologien und entsprechende IT gesprochen. Üblicherweise geht es um Systeme und Software für den "Shop Floor", um das Vernetzen von Maschinen und Anlagen, um selbststeuernde Produktionsprozesse in "Smart Factories".

Doch in der Industrie der Zukunft geht es nicht ausschließlich um intelligente Fabriken. Sondern auch darum, wie diese über Unternehmensgrenzen hinweg zusammenarbeiten. Denn Smart Factories, Cyberphysical Systems und das Internet der Dinge bieten völlig neue Möglichkeiten von Kooperation und Wertschöpfung. Die Integration verschiedener Partner in die Prozesskette sorgt für erheblich mehr Flexibilität und Geschwindigkeit - und damit auch mehr Komplexität.

Komplexitätsexplosion im Supply Chain Management

Letztere dürfte ohne den Einsatz von Informationstechnologie nicht zu beherrschen sein. Beispiele wie das des Automobilzulieferers Bosch in Bad Homburg zeigen schon jetzt: Das Integrieren unternehmensübergreifender Wertschöpfungsprozesse klappt nur dann richtig gut, wenn die zu Grunde liegenden Informationen und Abläufe zuvor digitalisiert wurden.
Für CIOs und IT-Spezialisten in Industrieunternehmen bedeutet das: die Nachfrage nach IT-Services dürfte künftig nicht nur in der Fertigung und in fertigungsnahen Fachbereichen wachsen, sondern auch im Bereich des Supply-Chain-Management.

Supply-Chain-Managern und Führungskräften mit ähnlichem Aufgabenbereich -etwa aus Beschaffung, Fertigung oder Finance - werden künftig leistungsfähigere IT-Dienstleistungen benötigen. Und sie werden neue, zusätzliche Services benötigen, um die Herausforderungen der Industrie der Zukunft beherrschen zu können.

Neue Anforderungen an die SCM-IT

Welche zentralen Geschäftsanforderungen hinter dieser Nachfrage stehen werden, zeichnet sich heute schon ab. Die meisten Supply-Chain-Manager haben Bedarf in mindestens einem der nachfolgend aufgeführten fünf Bereiche:

  1. Kaufmännische Grundlagen für das Steuern komplexer Systeme
    Nur 40 Prozent der für eine von der Inverto AG unveröffentlichte Studie befragten Unternehmen verfügen über einen Funktionsbereich zur abteilungsübergreifenden Leistungsmessung für ihre Supply Chain. Und von den 60 Prozent der Unternehmen, die entsprechende Verbesserungsmaßnahmen einführen, setzen nur 20 Prozent diese auch konsequent um, wie eine IBM-Studie ergab.
    Anders ausgedrückt: In etwa jedem zweiten Unternehmen sollten Geschäftsführung, SCM-Verantwortliche und IT erst einmal die Voraussetzungen für Industrie-4.0-Projekte schaffen und den unternehmensinternen Informations- und Warenfluss verknüpfen.

    Gebraucht werden beispielsweise: Kennzahlensysteme zur Leistungsmessung, Supply-Chain-Management-Software.

  2. Bessere Werkzeuge für bessere Supply Chain Visibility
    In der Industrie der Zukunft liefern Cyber-Physical-Systems und Sensor-Netzwerke ständig Informationen, die das Ausfindigmachen, Identifizieren und "Ansprechen" von Lagerbehältern, Teilen, Werkstücken oder Maschinen möglich machen. Für Supply-Chain-Manager bedeutet das zunächst vor allem eine Informationsflut: 63 Prozent der Führungskräfte beklagen schon heute, die Supply-Chain-Visibility-Tools, die ihnen zur Verfügung stünden, seien nicht effektiv.
    Deshalb ist zu erwarten, dass die Supply-Chain-Verantwortlichen künftig bessere Werkzeuge benötigen. Diese sollten vor allem den Informationsfluss zwischen verschiedenen Unternehmensbereichen und Wertschöpfungspartnern unterstützen und Medien-Brüche vermeiden.

    Gebraucht werden beispielsweise: Digitalisierte Informationen und Dokumente für die Produktion wie Auftragspapiere, Stücklisten, Fertigungspläne und Prüfanweisungen.

  3. Plattformen für die Integration von Zulieferern, Partnern und Kunden
    Schätzungen zufolge wird die Wertschöpfungstiefe einzelner Industrieunternehmen künftig bis unter 50 Prozent sinken. Das bedeutet, dass immer mehr industrielle Wertschöpfung im Rahmen von Kooperationen geleistet wird. Dies erfordert eine Integration von Kunden und Geschäftspartnern in die eigenen Wertschöpfungsprozesse.
    Von der IT wird künftig erwartet, dass sie entsprechende Schnittstellen und Plattformen bereitstellt. Denn die Effektivität in der Supply Chain ist in hohem Maße abhängig von der Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit der Systeme sowie der Integrität der Daten.

    Gebraucht werden: geschützte Plattformen und Netzwerke für die Zusammenarbeit mit Dritten, Zugang zu Drittanbieter-Datenbanken für Lieferantenmonitoring und -bewertung.

  4. Systeme für selbststeuernde Supply Chains
    Im Zusammenhang mit der selbststeuernden Fertigung der Industrie 4.0 sprechen Fachleute gelegentlich auch von "selbststeuernden Supply Chains". Damit meinen sie IT-unterstützte Prozesse, in denen Werkstücke oder Produkte digitale Identitäten und Statusbeschreibungen erhalten, mittels derer sie sich dann selbst durch Logistik-Prozesse steuern. Voraussetzung dafür sind Maschinen- und Prozessdaten in Echtzeit. Dabei ist die Sicherheit der Infrastruktur und Systeme ein erfolgskritischer Faktor. Denn die hochgradige Vernetzung, die neue Möglichkeiten eröffnet, stellt auf der anderen Seite auch eine potentielle Gefahr dar.

    CIOs und IT-Spezialisten sind gefragt eine bestehende Produktionsumgebung zu vernetzen, die erforderliche IT-Security zu schaffen und mittels einer langfristigen Planung Maschinen- und Softwarelebenszyklus in Einklang zu bringen.

    Gebraucht werden beispielsweise: Cyber-Physical-Systems, Identifikationstechnologien, Sicherheitstechnik, Sicherheitsüberprüfungen und Audit-Prozesse.

  5. Service-Management
    Eine Schlüsselanforderung für alle der oben genannten IT-Services dürfte die Verfügbarkeit von Maschinen und Anlagen sein. Es muss sichergestellt werden, dass die Produktionssysteme möglichst ausfallfrei funktionieren.
    Kommt es doch zum Ausfall einer Maschine, wüsste nicht nur deren Hersteller schon exakt, welches Ersatzteil zu liefern ist, auch die Fertigungskette würde automatisch neu eingetaktet. Dank IT Service Management wüssten die Servicetechniker präzise, welche Bauteile mit welchen Spezifikationen auszutauschen sind.
    Die CIOs und IT-Spezialisten großer Unternehmen sind aufgefordert Serviceprozesse zu automatisieren und möglichst effektiv zu gestalten um dieses Szenario Wirklichkeit werden zu lassen.

    Gebraucht wird: Betriebs- und Messdatenerfassung sowie Configuration Management Database. (bw)