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Mittelstandsfirmen in Deutschland setzen auf Open Source

31.10.2003

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Open Source, Linux und Büroanwendungen auf Basis offener Software waren wenig überraschend das große Thema unter den Anwendern der Linuxworld in Frankfurt am Main. Das Treffen zeigte, dass bei mittelständischen wie kleinen deutschen Unternehmen ein deutlicher Trend hin zur Nutzung offener Betriebssystemsoftware und Open-Source-Anwendungen erkennbar ist.

Als Begründung wird in den meisten Fällen die Möglichkeit genannt, mit Linux IT-Kosten reduzieren zu können. Lars Kloppsteck steht dabei mit seiner Aussage für viele andere IT-Verantwortliche. Der IT-Manager der Heinrich Berndes Haushaltstechnik GmbH aus Arnsberg sagte, mittelständische deutsche Unternehmen machten sich heutzutage nicht mehr viele Gedanken über die IT: "Die haben genug damit zu tun, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren." Bei Mittelständlern gebe es in punkto IT nur zwei wesentliche Kriterien: "Sie soll funktionieren und vor allem soll sie nicht viel Geld kosten." Genau aus diesem Grund stehe das Thema Open Source ganz oben auf der Liste von kleinen und mittelständischen Unternehmen.

Die zumindest potenziell niedrigeren Kosten, die beim Einsatz und der Wartung von Open-Source-Software wie Linux oder Open-Office anfallen, "waren ganz eindeutig der Grund, warum wir uns nach Alternativen zu Microsoft umgesehen haben," so Kloppsteck. Der IT-Manager sagte, er wisse von einer ganzen Reihe von Unternehmen, die aus den gleichen Gründen Microsoft den Rücken kehren würden. Der Haushaltswarenhersteller nutzt Linux auf den meisten seiner Server sowie Thin-Clients. Nur auf den Notebooks der Mitarbeiter läuft Windows. Zwar sei Linux prinzipiell auch für Mobilsysteme geeignet. Aber die Handhabung des Open-Source-Betriebssystems bei der Installation etwa von Peripheriegeräten habe sich noch als zu kompliziert herausgestellt.

Ein anderer Grund, warum IT-Verantwortliche deutscher Mittelständler zunehmend Richtung Open-Source schielen, ist der zunehmende Unwille, alle paar Jahre auf ein neues Betriebssystem migrieren zu müssen. Auch deshalb zeigen viele deutsche Unternehmen Microsoft zunehmend die rote Karte. Peter Laubsch, IT-Direktor der ARS Altmann AG, sagte: " Es sollte der Entscheidung des Unternehmens vorbehalten sein, wann es neue Features aufspielen oder Upgrades auf ein neues Betriebssystem vornehmen wolle und nicht dem Gutdünken eines Herstellers wie Microsoft." Der Softwarekrösus erzwingt solche Umstiege auf neue Betriebssystemversionen, indem er den Service und Support für ältere Produkte aufkündigt.

Indirekt hat Microsoft auf der Linuxworld auch eingestanden, in der jüngeren Vergangenheit bei seiner Lizenzpolitik kein besonders glückliches Händchen bewiesen zu haben. Alfons Stärk, verantwortlicher Vertriebler bei der Microsoft GmbH, hatte in einem Vortrag konzediert, der Zeitpunkt für die Einführung der Software-Assurance-Lizenzierungsstrategie seines Unternehmens sei nicht optimal gewählt gewesen. Insbesondere vor dem Hintergrund der allgemeinen wirtschaftlichen Probleme und dem Zwang der Firmen, ein Auge auf die IT-Kosten zu werfen, sei das Timing für die Lizenzierungsmodifikationen "nicht das beste gewesen". Allerdings, so Stärk weiter, sei Microsoft gezwungen zu den Preisnovellierungen. Nur so liessen sich die enormen Investitionen des Softwareherstellers für Forschung und Entwicklung verwirklichen. Nach dem Software-Assurance-Preismodell zahlen Anwender seit 2001 auf Jahresbasis Gebühren für Softwareprodukte und deren Upgrades.

ARS Altmann unterhält eine große Flotte an Lkws und Zügen, mit denen das Unternehmen in ganz Europa Neuwagen von den Autoherstellern zu deren Händlern transportiert. Das Unternehmen hat in vielen Bereichen wie etwa auch auf dem Mail-Server sowie auf den Desktops Linux installiert. Auch bei ARS gibt es allerdings Grenzen beim Wechsel von Microsoft auf Open-Source-Produkte. Da ARS sehr eng mit den großen Autoherstellern zusammenarbeite und diese in den meisten Fällen Microsofts Office-Produkte benutzten, sei man aus Kompatibilitätsgründen beim Dateiaustausch gezwungen, selbst auch Microsoft in bestimmten Bereichen zu nutzen, sagte Laubsch.

Ein weiterer Grund, warum Open-Sopurce-Produkte in Deutschland an Boden gewinnen, ist die Tatsache, dass hierzulande mittlerweile viele Distributoren, Systemintegratoren und andere Software-Serviceanbieter Support für Linux anbieten. Haushaltsgeräteanbieter Berndes beispielsweise hat sich der Hilfe der Gonicus GmbH bedient, um von Windows auf Linux zu migrieren. Bei dieser Gelegenheit hat das Unternehmen auch gleich einen großen Teil seiner IT an Gonicus ausgelagert.

Gonicus hatte auch der Henkel KG, einem mittelständischen Versicherungsunternehmen, geholfen, auf Linux umzusatteln. Allerdings löste Henkel mit der Open-Source-Umgebung ein altes Wang-System ab. Der Wechsel hat sich für Henkel gelohnt: "Linux war immer absolut stabil. Wir haben nicht einen einzigen Serverausfall erlebt, seit wir Linux bei uns im Januar 2002 einführten," sagte IT-Manager Jörg Schwab.

Bei dem Logistiker Dachser GmbH & Co. KG in Kempten sieht man es genauso: "Linux basiert auf Unix. Und Unix gibt es nun schon jahrelang und ist entsprechend zuverlässig," sagt Ralf Pobo, der bei dem süddeutschen Unternehmen verantwortlich ist für das Netzmanagement. Dachser nutzt Linux auf einer Vielzahl von Servern, allerdings nicht auf allen. Auch Pobo hat die Erfahrung gemacht, dass "in Deutschland mittlerweile die kritische Masse für Linux erreicht ist." Kein Unternehmen könne es sich heute noch leisten, Linux zu ignorieren, "insbesondere dann nicht es unter erheblichem Kostendruck steht."(jm)