Analysten zum LinkedIn-Deal

"Microsoft will das gesamte Kundenerlebnis kontrollieren"

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Erfolg oder Misserfolg der milliardenschweren Akquisition von LinkedIn werden davon abhängen, ob es Microsoft gelingt, das Business-Netzwerk in das eigene Portfolio zu integrieren. Versinkt es zu tief im Microsoft-Ozean, wenden sich die User ab. Bleibt es zu eigenständig, wird es schwer, Synergien zu heben.
Microsoft-Chef Satya Nadella (Mitte) und seine künftigen Mitarbeiter: LinkedIn-CEO Jeff Weiner (li.) und Reid Hoffman, Chairman von LinkedIn (re.)
Microsoft-Chef Satya Nadella (Mitte) und seine künftigen Mitarbeiter: LinkedIn-CEO Jeff Weiner (li.) und Reid Hoffman, Chairman von LinkedIn (re.)
Foto: Microsoft

Microsoft will das Business Netzwerk LinkedIn übernehmen. Die Transaktion habe ein Volumen von 26,2 Milliarden Dollar, teilten die Unternehmen mit. Der weltgrößte Softwarehersteller zahlt je Aktie 196 Dollar in bar. Das bedeutet einen Aufschlag von rund 50 Prozent auf den Schlusskurs drei Tage vor Bekanntgabe der Übernahmeabsichten. Den Kaufpreis wollen die Microsoft-Verantwortlichen wohl in erster Linie durch neue Anleihen aufbringen. Wie hoch der Anteil aus der eigenen Firmenschatulle sein soll, wurde nicht bekannt gegeben. Microsofts Cash-Reserven werden auf etwa 100 Milliarden Dollar geschätzt - davon liegt jedoch ein erheblicher Teil im Ausland. Transferiert Microsoft Teile seiner Barreserven zurück in die USA, müsste dieses Geld versteuert werden.

Es ist der teuerste Firmenzukauf in der Geschichte von Microsoft. 2011 hatte der Konzern Skype für 8,5 Milliarden Dollar übernommen, 2013 das Handy-Geschäft von Nokia für 7,2 Milliarden Dollar. Eine Übernahme von Yahoo, über die lange und viel spekuliert worden war, und die vor Jahren ein Volumen von rund 20 Milliarden Dollar gehabt hätte, kam nie zustande. Genau so wenig wie eine Akquisition von Salesforce, über die im vergangenen Jahr etliche Gerüchte in der weltweiten IT-Szene kursierten. Nun kommt wohl Microsofts erste Akquisition mit einem zweistelligen Milliarden-Dollar-Volumen zustande.

LinkedIn soll unabhängig weiterarbeiten

Nach bislang vorliegenden Informationen soll LinkedIn in Zukunft weitgehend unabhängig agieren. Marke, Kultur und Unabhängigkeit seien Teil des Deals, hieß es. LinkedIn-CEO Jeff Weiner soll demnach weiter im Amt bleiben und künftig an Microsoft-Chef Satya Nadella berichten. Das Board von LinkedIn rund um Chairman Reid Hoffman hat dem Geschäft bereits zugestimmt. Es wird erwartet, dass die Transaktion, die Zustimmung der Aktionäre und Kartellbehörden vorausgesetzt, noch im Laufe des Jahres abgeschlossen wird.

Der Xing-Konkurrent war 2011 an die Börse gegangen und mit 45 Dollar je Aktie gestartet. Den Höhepunkt erreichte die LinkedIn-Aktie im Februar 2015 mit einem Wert von rund 270 Dollar. Seitdem hat sich der Wert des Papiers in etwa halbiert. Die Prognosen der Geschäftsverantwortlichen fielen zuletzt bei weitem nicht so positiv und zuversichtlich aus, wie das die Anleger erwartet hatten.

Zugang zu Netzwerk mit Millionen Professionals

Mit dem Deal erhält Microsoft Zugang zu einem schnell wachsenden Netzwerk mit weltweit derzeit 433 Millionen Mitgliedern. Konkret bedeutet das im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 19 Prozent. LinkedIn ist derzeit in über 200 Ländern aktiv. Das Unternehmen meldete zuletzt einen Jahresumsatz von knapp drei Milliarden Dollar - das entspricht einem Wachstum von 35 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Geschäftsjahr. Unter dem Strich wuchs allerdings auch das Defizit deutlich von 15,3 auf 164,8 Millionen Dollar. Vor allem steigenden Kosten für Vertrieb und Marketing sowie die Produktentwicklung belasteten das Ergebnis.

Microsoft sieht LinkedIn offenbar als weiteren Hebel, um sein Cloud-Business voranzubringen. Dort soll das Netzwerk wohl mit anderen Microsoft-Lösungen wie Office 365 und der Dynamics-Business-Software verknüpft werden. Geld verdienen will Microsoft mit LinkedIn weiterhin über kostenpflichtige Prämium-Zugänge sowie gezielte individualisierte Werbung. Hier steckt offenbar noch einiges Potenzial: So beläuft sich die Zahl der kostenpflichtigen Accounts derzeit auf etwa zwei Millionen. Rund neun Millionen Firmen sind mit eigenen Seiten auf LinkedIn präsent.

Satya Nadella - zum Erfolg verdammt

In einer E-Mail an die Belegschaft bezeichnete Nadella die Akquisition als Schlüssel für das eigene Ziel, Produktivität und Geschäftsprozesse neu zu erfinden. "Wie Menschen einen Job finden, ihre Skills erweitern, ihre Arbeit erledigen und letztlich auch Erfolg haben - all das erfordert eine vernetzte Business-Welt", schrieb der Microsoft-Chef. Die Kombination der Informationen im LinkedIn-Netzwerk mit Informationen aus Office und den Dynamics Business-Lösungen werde neue Erfahrungen möglich machen. Beispielsweise könne Office durch die Verbindung mit LinkedIn Experten vorschagen, die Anwendern dabei helfen könnten, bestimmte Projekte und Aufgaben erfolgreich abzuschließen.

Angesichts einer derart hohen Milliarden-Investition dürfte aber auch das Schicksal Nadellas eng damit verknüpft sein, wie erfolgreich sich der Zukauf auf das kommende Microsoft-Geschäft auswirkt. Sein Vorgänger Steve Ballmer stolperte letztlich über den desaströsen Nokia-Zukauf. Microsoft musste Milliarden Dollar abschreiben, Ballmer seinen Hut nehmen. Mittlerweile hat sich Microsoft aus dem Handy-Geschäft wieder verabschiedet.

Ein ambitioniertes Spiel, sagen die Analysten

Viel wird also davon abhängen, ob es Microsoft gelingt, den teuren Zukauf stimmig in sein Portfolio zu integrieren. Das Potenzial dafür ist zumindest da, sagt Dan Olds, Analyst von The Gabriel Consulting Group. "Ich sehe viele Möglichkeiten, wie LinkedIn Microsoft dabei helfen kann, sein Versprechen einzulösen, die Produktivität der Anwender zu erhöhen und Prozesse effizienter zu machen." Olds zufolge sei LinkedIn in der Vergangenheit vielfach unterschätzt worden, gerade was das Potenzial im Business-Umfeld anbelangt. Microsoft habe das erkannt und sollte - wenn es der Konzern richtig anstelle - aus seiner mächtigen Investition durchaus Kapital schlagen können. "Das ist ein ungeheuer mutiger Schritt für Microsoft", sagt der Analyst.

Judith Hurwitz, Analystin von Hurwitz & Associates, glaubt, der Deal könnte dazu beitragen, Microsoft zurück ins Zentrum der Unternehmen zu bringen, "dorthin wo der Konzern über Jahrzehte hinweg regiert hat". Es sei definitv ein teurer Plan, konstatiert die Branchenbeobachterin. Microsoft wolle LinkedIn in Kombination mit Office 365 dazu nutzen, eine einheitliche Umgebung für Business-Verknüpfungen zu schaffen. Für Anwenderunternehmen, deren IT-Infrastruktur von Haus aus eher Microsoft-zentrisch aufgebaut sei, könnte das durchaus interessant sein. "Ich denke, Microsoft möchte zu einem Modell zurückkehren, in dem sie das gesamte Kundenerlebnis kontrollieren", sagt Hurwitz. "Das ist ein ambitioniertes Spiel."

Die Übernahme und von LinkedIn gehe für Microsoft weit darüber hinaus, 'nur' ein Business Netzwerk zu betreiben, glaubt Rob Enderle, Analyst der Enderle Group. Vielmehr sei die Akquisition Teil einer umfassenden Strategie, sich zurück auf seine User zu fokussieren und sich gegen neue Wettbewerber zu positionieren.

Andere Experten sind etwas zurückhaltender, was die Erfolgsaussichten des Deals betrifft. Microsoft habe bereits vor vier Jahren mit Yammer ein Netzwerk-Tool übernommen - Kostenpunkt damals 1,2 Milliarden Dollar. Im Nachhinein betrachtet, habe das aber nicht wirklich funktioniert. Microsoft habe Yammer gleich von Anfang an eng mit anderen Microsoft-Techniken und -Lösungen verknüpft, identifizieren Kritiker einen möglichen Grund, warum Yammer keine Erfolgsgeschichte für Microsoft wurde. Mit LinkedIn könnte das Gleiche passieren, unken Skeptiker.

Heute sorgen Yammer-Konkurrenzprodukte wie bespielsweise Slack für deutlich mehr Furore. Anfang März dieses Jahres kochten Gerüchte hoch, Microsoft sei eventuell an einer Übernahme von Slack interessiert. Der Deal sei Insidern zufolge bereits fast spruchreif gewesen. Erst in letzter Sekunde hätten die Microsoft-Verantwortlichen angesichts eines Preises von rund acht Milliarden Dollar einen Rückzieher gemacht. Vielleicht schien schon zu diesem Zeitpunkt eine Akquisition von LinkedIn als das lohnendere Ziel.

Was machen die LinkedIn-User?

Was der Deal für die Millionen LinkedIn-User bedeutet, ist derzeit noch nicht eindeutig abzusehen. Wenn Microsoft, wie behauptet, LinkedIn als weitgehend eigenständige Organisation weiterarbeiten lässt, dürfte sich kurz- und mittelfristig kaum etwas für die Anwender ändern, darin sind sich die Analysten weitgehend einig. "Ich sehe keine Notwendigkeit, warum sich Microsoft in ein Modell einmischen sollte, das momentan gut funktioniert, sagt Analyst Olds. Man werde vielleicht etwas Werbung sehen, die schleichend an verschiedenen Stellen in das Produkt eingebaut werde, sowie mehr und unterschiedlichere Mitgliedsoptionen - aber sicher keine grundlegenden Veränderungen.

Olds geht auch nicht davon aus, dass die LinkedIn-Nutzer nun panisch reagieren werden, nur weil Microsoft bald auf ihre Informationen und Business-Kontakte zugreifen könne. Microsoft habe nicht mehr das Image eines bösen Unternehmens, das der Konzern vielleicht noch in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehabt habe. "Alles was Microsoft möchte, ist Software und ein wenig Werbung zu verkaufen", glaubt der Analyst. Es gehe nicht mehr darum, die Welt zu beherrschen á la Google.

In gewisser Weise steckt Microsoft damit aber in einem Dilemma. Um die LinkedIn-Nutzer nicht abzuschrecken, darf das Business-Netzwerk nicht im Ozean der Microsoft-Produkte untergehen. Auf der anderen Seite sei es allerdings schwer, Synergien zu heben, wenn zwei so große Unternehmen zusammenfinden, aber - wie in diesem Fall - LinkedIn als weitgehend eigenständiges Fürstentum im Reich von Microsoft weiterbestehen soll, sagt Mitch Kapor, Gründer der Lotus Development Group und Partner der Investment-Firma Kapor Capital.