Diskussion unter Vermittlern

Konzerne bekommen nicht die besten IT-Freiberufler

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Personaldienstleister haben zwei Probleme: die Scheinselbständigkeit, von der sie hoffen, dass sich das Thema bald erledigt hat, und das fehlende Verständnis mancher Kunden dafür, dass Qualität ihren Preis hat.

Wir arbeiten unter einem Damoklesschwert", sagt Christian Neuerburg, Director Freelance in der Geschäftsbereichsleitung IT beim Personaldienstleister DIS. Sofort kommt das Gespräch auf den Fall Daimler. Voriges Jahr hatten sich zwei IT-Freiberufler beim Autobauer in eine Festanstellung geklagt und damit eine Diskussion um Scheinselbständigkeit angestoßen.

Übergroßer Aktionismus nach Daimler-Urteil

"Natürlich haben wir eine Contracting Unit für das Gestalten möglichst rechtssicherer Verträge", so Neuerburg. Außerdem überprüfe DIS seine Freelancer anhand einer Check-Liste, ob sie sie alle rechtlichen Kriterien erfüllen, zum Beispiel, ob sie als Selbständige für mehrere Auftraggeber arbeiten.

Emagine-Manager Holger Kall hat den Eindruck, dass nach dem Daimler-Urteil viele Kunden "in übergroßen Aktionismus" verfallen sind. In einem Unternehmen sollen die Freiberufler sogar in ein extra Gebäude umgezogen sein. Oftmals fragten die Auftraggeber, ob freie Berater nicht im Rahmen der Arbeitnehmerüberlassung unter Vertrag genommen werden könnten. "Wie bitte soll das bei einem SAP-Spezialisten mit über hundert Euro Stundenlohn gehen?", fragt sich DIS-Mann Neuerburg.

Am ehesten könne so eine Regelung bei einem Systemadministrator, also einem weniger hoch dotierten Job, funktionieren. Ebenso seien Werkverträge keine Alternative, hieß es in der Runde. Sie könnten nämlich als Schein-Werkverträge klassifiziert werden. Simon Gravel, Geschäftsführer der Freelancer.Net GmbH, die die Plattform Freelance.de betreibt, hat aber auch beobachtet, dass es kaum noch "richtige Freiberufler" gebe, weil diese sich immer mehr in Gesellschaften organisierten, manchmal sogar in Ein-Mann-Firmen.

Ältere Freelancer arbeiteten am liebsten direkt mit dem Auftraggeber, jüngere dagegen mit Vermittlern, hieß es. Generell tendierten Konzerne dazu, mit großen Personalagenturen zu reden oder komplette Projekte von Systemhäusern abwickeln zu lassen. Konsens bestand unter den Vermittlern darüber, dass Unternehmen das "Staffing" nicht allein den Einkäufern überlassen dürften. Die achteten nur auf den Preis und bekämen nicht die benötigte Qualität.

Freiberufler an Agentur binden

Obwohl die Unternehmensberatung Lünendonk den Vermittlern zweistellige Wachstumsraten prophezeit, ist die Stimmung alles andere als euphorisch. "Die hohen Wachstumsraten der vorigen Jahre werden wir in naher Zukunft wohl eher nicht mehr erreichen", glaubt Hays-Marketing-Leiter Frank Schabel. Die logische Konsequenz sei, dem Auftraggeber nicht nur Kandidaten zu präsentieren, sondern bereits im Vorfeld mehr Beratung anzubieten und noch besser darauf zu achten, dass der Kandidat den Ansprüchen genüge.

Für Firmen gehe es angesichts knapper Ressourcen darum, Freelancer enger an sich zu binden - zum Beispiel durch einen professionellen und fairen Recruiting-Prozess. Dass das nicht immer einfach sei, zeige das Thema SAP HANA. Hier sehen sich die Vermittler oft mit unrealistischen Kundenwünschen konfrontiert. "HANA-Experten mit drei bis fünf Jahren Erfahrung kann ich leider nicht schnitzen", sagt Guido Sieber von Westhouse Consulting.

Freiberufler-Vermittler an einem Tisch

Die COMPUTERWOCHE hat die Geschäftsführer der wichtigsten IT-Freiberufler-Vermittler zum Gespräch gebeten. Angesichts der großen Resonanz wurde in zwei Gesprächsrunden diskutiert. In beiden Roundtables ging es um die Herausforderungen und künftigen Trends im Freiberuflermarkt. Moderatoren waren die CW-Redakteure Alexandra Mesmer und Hans Königes.

Hier finden Sie den Bericht über die andere Diskussionsrunde: Freiberuflervermittler müssen immer mehr in Vorleistung gehen

Begleitend erstellte die Marktforschungsabteilung der COMPUTERWOCHE eine Studie, deren Ergebnisse im Frühjahr vorgestellt werden sollen.

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