Web

 

Jim Allchin verrät alles über Windows 2000

07.02.2000
Interview mit Microsofts Group Vice-President

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - In genau zehn Tagen kommt Microsofts neues Betriebssystem "Windows 2000" auf den Markt. Jim Allchin hat vier Jahre lang die Entwicklung des Windows-NT-Nachfolgers (ursprünglich Windows NT 5.0) geleitet. Vor kurzem stand der frischgebackene Group Vice-President der Platforms Group der CW-Schwesterpublikation "Infoworld" Rede und Antwort.

CW: Die Anwender-Erfahrungen mit NT waren eher durchwachsen. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Windows 2000 so zuverlässig sein wird wie angekündigt?

ALLCHIN: Wir haben den Aspekt Zuverlässigkeit sehr ernst genommen und allein 160 Millionen Dollar in die Stabilität des Produktes gesteckt. Das betrifft die Analyse des Betriebssystems als auch die der zugehörigen Tools. Wir haben uns stark am Ist-Zustand der IT vieler Unternehmen orientiert und die Daten ihrer Systeme gesammelt und ausgewertet. An die Beseitigung aller Probleme, die wir entdeckten, sind wir methodisch herangegangen.

CW: Wie umfangreich wurde das Produkt beim Anwender getestet?

ALLCHIN: Es gab eine Menge Tests sowohl im Internet- als auch im Intranet-Umfeld. Kunden wie Barnes & Noble setzen das System schon seit einiger Zeit ein. Ich glaube, während der Weihnachtssaison lief sogar ihr Fulfillment-System auf Windows-2000-Basis. Einige Dotcom-Firmen verwenden Windows 2000 schon im produktiven Betrieb. Es läuft außerdem schon auf über 50 000 Clients und rund 1000 Servern - wahrscheinlich sogar auf mehr. Jede unserer Business-Applikationen, Internet-Seiten und der gesamte Internet-Auftritt von Microsoft.com laufen auf dem System.

CW: Ist Windows 2000 für Client-Server- oder für Web-Umgebungen optimiert?

ALLCHIN: Man hat auch ohne Internet-Einsatz Vorteile. Wenn Sie ins Internet gehen, werden Sie sehen, dass unsere Unterstützung von Netzwerkprotokollen, insbesondere des Internet Protocol (IP), sehr gut ist. Die Bandbreite der Leistung ist unglaublich, ob es dabei um die Servicequalität, Multicasting oder IP-Sicherheit geht. Auf der Client-Seite haben wir sehr ausgeprägte XML-Funktionen [Extensible Markup Language] im Browserbereich; auf der Server-Seite wurde die Umgebung für Web-Applikationen optimiert, so dass Applikationen sehr schnell geschrieben werden können. Diese sind auch sicherer und zuverlässiger als jemals zuvor. Es ist fast unmöglich, eine Plattform zu kaufen, die so viel Technologie beinhaltet wie unsere.

CW: Im Moment scheint die Mehrheit der Internet-Firmen und Softwarehäuser zu Linux und Solaris zu tendieren. Wie soll Windows 2000 hier Marktanteile gewinnen?

ALLCHIN: Linux ist das Betriebssystem für Heimwerker. Man kann daran herumbasteln, und das Haus ist vielleicht nicht mehr ganz gerade, wenn man damit fertig ist, aber man hat die Nägel selbst in die Wand geschlagen. Für kleine und für Embedded Systeme ist Linux eine wettbewerbsfähige Lösung. Aber ich glaube nicht, dass Unternehmen von normaler Größe Linux im E-Commerce-Bereich einsetzen würden. Das ist zumindest heute so, aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Microsoft Windows 2000 ist tiefer integriert und umfangreicher getestet. Es ist als E-Commerce-System ebenso geeignet wie als Plattform für geschäftskritische Anwendungen. Im Vergleich mit Solaris und Sun ist es zudem preiswerter. Die Frage ist: Will man eine proprietäre Sun-Lösung, die erheblich teurer ist, oder eine Standardhardware mit dem Betriebssystem Windows 2000?

CW: Bill Gates arbeitet gerade an einem neuen Projekt namens "Next Generation Windows Services". Der Beschreibung nach handelt es sich um ein reines Internet-Betriebssystem. Wie wird Windows 2000 dagegen positioniert?

ALLCHIN: Bisher war es unser Konzept, Internet-Technologien in unsere Produkte einzubinden. Wir haben das überall getan und werden noch eine ganze Weile weitermachen, denn es gibt immer wieder Neues zu tun. Die neue Herausforderung besteht nun darin, auch neue Services zu integrieren. Als das Internet populär wurde, war es grundsätzlich ein Kommunikations-Protokoll - das einzige, was es konnte, war, Bits von einem Ort zum anderen zu senden. Dann Bilder und Präsentationen übertragen. Man konnte sich Screens zusenden lassen und so ist das heute noch. Aber die Screens sind statisch. Heute haben wir eine Dumme-Terminal-Welt. Stellen Sie sich die nächste Generation vor, in der man das gesendete Material auf programmatische Weise verwenden kann. XML ist sicherlich ein Kernfaktor dafür, aber es reicht noch nicht aus. Man benötigt dafür komplexe Schemata und ein Programmiermodell, das auf diesen aufbaut.

CW: Mit welchen Services in puncto Training und Migrations-Tools wollen Sie großen Unternehmenskunden helfen, auf Windows 2000 umzustellen?

ALLCHIN: Nie zuvor haben wir so viele Seiten an Trainingsmaterial geschrieben wie für dieses Produkt. Wir haben umfangreiche Schulungen in unseren Support- und Beratungsorganisationen sowie bei Drittanbietern vorgenommen.

CW: Gibt einen konkreten Zeitplan für Windows-2000-Upgrades, mit dem die Unternehmen planen können, oder liegt vieles bei der Entwicklung des OS noch im Dunkeln?

ALLCHIN: Sie haben sicher den Codenamen "Whistler" gesehen. Aber vorher werden wir noch "Millennium" vorstellen. Wir haben immer neue Produkte in der Pipeline - 64-Bit, Datacenter - mit einer Produktveröffentlichung ist es nicht getan. Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die wir herausbringen werden.

CW: Einige Ihrer Konkurrenten sagen, alles in ein Betriebssystem zu packen, sei ein architektonischer Fehler. Vergleichsweise kleine Störungen reichten aus, um den Rechner zum Absturz zu bringen.

ALLCHIN: Hätten wir das System anders aufgebaut, würden sich die Kritiker ebenso melden. Entscheidend ist: Windows 2000 ist modular aufgebaut. Linux dagegen ist eine 30 Jahre alte Architektur. Es hat noch nicht einmal asynchrones I/O [Input/Output]! Die SMP-Unterstützung [Symmetric Multiprocessing] ist schrecklich. Aber es geht hier nicht um modulare Strukturen, es geht um die Integration und die Benutzerfreundlichkeit. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Benutzung einfacher wird, wenn alle Funktionen integriert sind.

CW: Microsoft betont immer wieder die Sicherheitsvorkehrungen in Windows 2000. Was ist daran so besonders?

ALLCHIN: Die Stabilität eines Systems hängt nicht nur von der zugrundeliegenden Technologie ab. Wir haben eine ganze Menge Zeit damit verbracht, die richtigen Abläufe für die Implementierung zu dokumentieren. Wenn Sie sich unsere Website anschauen, finden Sie Seiten über Seiten zu diesen Prozessen. Sobald wir ein Problem entdecken, informieren wir unsere Kunden. Nach und nach werden wir einige Scripts dazu herausbringen, wie ein System nach einem bestimmten Modell eingerichtet werden kann. Wir haben bereits ein Sicherheits-Tool, das eine Systemanalyse durchführt und einen Statusreport liefert. Das Sicherheitsniveau kann je nach Wunsch eingestellt werden.

CW: Verfolgen Sie den ASP-Markt [Application Service Provider]? Handelt es sich hier um einen Nischenmarkt oder wird es ein Hauptschauplatz werden?

ALLCHIN: Falls jemand nur mit Terminals arbeiten und alle Anwendungen vom Server holen will, sage ich "Halleluja". Wir haben den "Windows Terminal Server", der macht das möglich. Wenn eine Firma beispielsweise ihr Kunden-Management komplett auslagern will, und eine Firma wie Centerbeam übernimmt das, dann haben wir auch hierfür Lösungen. Wir sind hier sehr flexibel.

Infoworld: Sind Sie Agnostiker in bezug auf dicke oder dünne Clients?

ALLCHIN: Ich bin ein Anhänger vom verteilten Computing. Ich glaube nicht, dass zentralisiertes Computing die Antwort auf Skalierungsfragen ist. Ich finde die Vorstellung zwar gut, E-Sites aus Fertigteilen zusammenzusetzen, um Skalierbarkeit zu erhalten, aber eigentlich handelt es sich hier um verteiltes Computing. Ich bevorzuge individuell gestaltete Umgebungen. In meiner Wunschwelt kann ich überall umherstreifen und Informationen von Services aus der Luft greifen, aber ich will diese Informationen bei mir haben, so dass ich sie, egal wo ich bin, verwenden kann. Einige glauben, wir entwickeln uns zurück zum zentralen Computing. Ich gehöre nicht dazu. Wir können uns die Vorteile des zentralen Computing zu Nutze machen, aber auf dezentrale Weise. Ich nenne das logisch zentralisiert aber physisch dezentralisiert. Hier liegt meiner Meinung nach die Zukunft.

CW: In welchem Produktionsstadium befindet sich derzeit das Windows 2000 Datacenter? Wer sind die Kunden, und was macht es so besonders?

ALLCHIN: Es befindet sich noch in der Entwicklung. Im Moment warten wir auf Hardware-Teile. Sobald wir genug Hardware haben, die alle Tests bestehen, werden wir es ausliefern. Was die eigentliche Code-Entwicklung anbelangt, sind wir fertig. Datacenter ist für die unternehmenskritischsten High-end-Systeme konzipiert, die man sich vorstellen kann.