Infor baut ERP-Komponenten

Vice President Software & SaaS Markets PAC Germany
Der Anbieter will Produktinnovationen in Form von Softwarekomponenten an die Nutzer ausliefern. Im Augenblick haben jedoch viele Kunden anderes zu tun.

Komponenten sollen Infor-Anwender, die beispielsweise "Baan", "Xpert" oder "Infor ERP COM" nutzen, in die Lage versetzen, neue Funktionen in Betrieb zu nehmen, ohne aber die gesamte ERP-Umgebung auf das nächste Release heben zu müssen.

Wer beispielsweise neue Funktionen für die Auftragsbearbeitung benötigt, für den steht mit "Order Management" eine entsprechende Komponente bereit. Sie besteht aus Softwarekomponenten zur Auftragsannahme, einer Preisverwaltung ("Price Book") sowie einer Lagerverwaltung ("Inventory Control"). Order Management soll Anwendern erlauben, Preismodelle für verschiedene Kundengruppen zu pflegen, etwa für Großabnehmer und Einzelkäufer, ohne dafür kostspielige Anpassungen vornehmen zu müssen, verspricht Infor.

Neue Bausteine für Alt-Releases

Besagte Bausteine sollen die Softwarenutzer über Integrationsmechanismen an ihre ERP-Kernsysteme anbinden können. Die Anbindungsverfahren sind Teil von Infors "Open-SOA"-Ansatz. Er sieht vor, ERP-Produkte und die Komponenten über standardisierte Dokumente zu koppeln. Somit handelt es sich um eine asynchrone Anbindung. Dabei helfen eine Workflow-Engine sowie ein Event-Monitor. Definieren und Konfigurieren lässt sich die Anbindung der Komponenten über ein Eclipse-basierendes Entwicklungswerkzeug ("Studio"). Infor liefert diese und andere Open-SOA-Elemente an Wartungskunden aus.

Komponenten sind auf Grundlage einer einzigen Codebasis für unterschiedliche ERP-Lösungen und Branchenausprägungen erhältlich. Sie sollen "Baan IV" wie auch der aktuellen Version "ERP LN" zur Verfügung stehen. Hierzu müssten weder der Kunde noch das Softwarehaus den Applikationscode dieser Anwendungen verändern. Um einen Infor-Baustein in Betrieb zu nehmen, ist der Datenaustausch an die jeweilige ERP-Umgebung des Anwenders anzupassen.

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Infors Komponentenstrategie resultiert und anderem aus der Kundensituation. Viele Anwender nutzen alte Releases der ERP-Lösungen, die auch weiterhin gepflegt werden. Statt den Quellcode dieser Systeme in großem Stil zu überarbeiten, investiert Infor in Komponenten, die der Kunde gemeinsam mit der alten Programmversion nutzen soll.

ERP-Modernisierung von außen

Künftig soll der Anwender in der Lage sein, bei Bedarf ERP-Module durch Komponenten zu ersetzen. Dies gilt beispielsweise für die Finanzbuchhaltung. Anfang nächsten Jahres will Infor die Komponente "Multibook" an die ersten ERP-Kunden ausliefern. Mit der generellen Verfügbarkeit rechnet das Softwarehaus Mitte 2009. Multibook gestattet es, Geschäftsabschlüsse nach unterschiedlichen Rechnungslegungsstandards wie IFRS, HGB und US-GAAP sowie in verschiedenen Währungen anzufertigen.

Was sagen die ERP-Kunden?

Einerseits begrüßen die Anwender Infors Produktstrategie, andererseits beschäftigen sie sich derzeit mit anderen Aufgaben. "Die Komponentenstrategie von Infor ist eine logische Weiterentwicklung", findet Martin Jung, CIO bei CS Schmalmöbel aus Waldmohr. Der Möbelfabrikant nutzt "Baan IV". Jung ist gleichzeitig Vorstand der Deutschen Baan Usergroup (DBUG).

Derzeit überlegen viele Baan-Anwender, wie sie auf das aktuelle ERP LN umsteigen können. Statt auf einen Schlag können Firmen Komponente für Komponente in die neue Softwareumgebung überführen. "Vor allem Betriebe, die ERP-Prozesse weltweit steuern wollen, stoßen mit Baan IV an Grenzen", gibt Thomas Müller zu bedenken. Der Baan-Systemverantwortliche bei Christ Pharma & Life Science in Vaihingen/Enz nutzt ebenfalls Baan IV und engagiert sich in der DBUG. Müller zufolge ist auch das Steuern von Konsignationslagern (Warenlager eines Lieferanten beim Kunden, bei dem erst bei Entnahme eine Rechnungsstellung erfolgt) mit dem Altsystem nicht möglich.

Nutzer planen Upgrades

Im Lauf des ersten Quartals 2009 will Infor Baan IV mit Open-SOA-Merkmalen ausgestattet haben. Dann werden Nutzer der ERP-Software unter anderem in der Lage sein, jedem Anwender eine individuelle Einstiegsseite mit Berichten und Kennzahlen einzurichten ("My Day"). Die Inhalte des Web-basierenden Frontends stammen von dem Open-SOA-Bestandteil "Business Information Services", die Geschäftsdaten einer ERP-Umgebung entsprechend aufbereiten.

Mehr mit Software-Upgrades statt mit Infors neuen Komponenten beschäftigen sich auch die Anwender der ERP-Lösung Infor ERP COM. Etwa 90 Firmen, die das ERP-Produkt im Release 6.1 oder 6.3 nutzen, bereiten den Umstieg auf 7.1 vor. Zu ihnen zählt Wolfgang Kirn, IT-Leiter bei Rhein-Getriebe aus Meerbusch und Vorstandsvorsitzender des "Infor Anwendervereins". Teil des Projekts beim Getriebehersteller ist ferner, eine veraltete Buchhaltung durch das Java-gestützte Rechnungswesen "Varial World Edition" von Infor zu ersetzen. Nutzen ziehen kann Kirn unter anderem aus den Funktionen zur Fremdfertigung. Nur mit dem aktuellen Release sei eine saubere Kalkulation möglich, wenn sowohl im eigenen Haus als auch anderswo produzierte Artikel berücksichtigt werden müssen.

Infor und die Anwenderzufriedenheit

In der letzten ERP-Zufriedenheitsstudie hatten sich insbesondere die teilnehmenden Anwender von Infor ERP COM und ERP LN kritisch über den Anbieter geäußert. Nach Überzeugung der Anwendervereinigungen wirkten hier negative Erlebnisse aus der Vergangenheit nach. Dazu zählen Verunsicherungen in Folge der Übernahme des Konkurrenten SSA Global. Zudem hat Infor die ERP-COM-Kunden lange hingehalten, bis mit dem Release 7.1 endlich eine Applikation mit wesentlichen Erweiterungen auf den Markt kam.

Nach den Äußerungen der Anwender bemüht sich der Softwarekonzern um gute Beziehungen mit den Kunden. "Infor geht gezielter auf die Baan-Anwender zu, das hat es früher nicht gegeben", so Martin Jung, Chef der Deutschen Bann Usergroup.

Künftig soll die von Infor ins Leben gerufene Online-Support-Plattform "Infor365.com" ausgebaut werden, so dass Nutzer Produktverbesserungsvorschläge eintragen und mit anderen diskutieren können.

Auch bei den Nutzern von Infor ERP COM hat sich die Supportsituation verbessert. Die von Kunden geäußerte Kritik am Support resultiert nach Aussage von Infor unter anderem aus der Umstellung der Supportplattform auf Infor365.com Ende 2007.

Nach Angaben des "Infor Anwendervereins" können die Anwender nun Probleme über ein Web-Formular melden. Bisher gab es nur eine telefonische Hotline.