IBM und der Holocaust: War Watson einer der größten Verbrecher?

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Gerade erst wurde die Sammelklage gegen die IBM wegen möglicher Verstrickungen des Konzerns in die Verbrechen der Nazis zurückgezogen. Beruhigung also wieder an allen PR-Fronten der IBM? Nicht wirklich. Eine Podiumsdiskussion mit dem Autor des Buches "IBM und der Holocaust", Edwin Black, zeigte, wie sehr der Computergigant in Erklärungsnöte geraten ist.

Anlass der öffentlichen Diskussion war das Buch des US-Journalisten Edwin Black, das in Deutschland unter dem Titel "IBM und der Holocaust. Die Verstrickung des Weltkonzerns in die Verbrechen der Nazis" Anfang dieses Jahres beim Propyläen-Verlag, Berlin, erschien. Rachel Salamander, Besitzerin der die Veranstaltung initiierenden Münchner "Literaturhandlung", wies in ihrer Einführung auf eine grundsätzliche ethische Problematik hin, die nach wie vor für alle Unternehmen gilt, die Hochtechnologie verkaufen: "IBM hat, wie Edwin Black nachweist, schon damals führende Informationstechnologie verkauft." Mit dieser Technologie "verfügte der Konzern über diejenigen Mittel, die die grausame Effektivität beim Massenmord erzeugten".

Hitler und Watson: Der IBM-Chef (rechts) bei seinem Besuch in der Reichskanzlei am 28. Juni 1937.
Hitler und Watson: Der IBM-Chef (rechts) bei seinem Besuch in der Reichskanzlei am 28. Juni 1937.

Die Frage laute, wohin "Wissen und Technik ohne Rücksicht auf Ethik und Moral" führen würden.

Black ging zunächst auf die Frage des Zeitgeschichtlers und ZDF-Historikers Guido Knoop ein, der sagte, es sei doch eine "kühne These", dass ohne IBMs Technik der Holocaust "nicht in diesem Ausmaß, nicht so schnell und nicht so umfassend" möglich gewesen sei. Black antwortete mit dem Beispiel der Länder Frankreich und Niederlande: "In Frankreich sind die Hollerith-Maschinen nicht benutzt worden. Hier hat man zur Katalogisierung der zu ermordenden und auszurottenden Menschen Bleistift und Papier genutzt. In Frankreich wurden 24 Prozent der dort lebenden Juden vernichtet." Demgegenüber habe es in den Niederlanden "eine sehr gut funktionierende Hollerith-Infrastruktur gegeben", und "die Bürokratie arbeitete sehr bereitwillig mit Eichmann und den Nazis zusammen: Dort wurden 73 Prozent der Juden ermordet." Knoop wandte in der Diskussion ein, ganz neu seien Blacks Erkenntnisse nicht. So hätten bereits 1984 Götz Aly und Karl Heinz Roth in ihrem Buch "Die restlose

Erfassung. Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus" das Thema erörtert.

Der Professor für Zeitgeschichte an der Universität Bochum, Norbert Frei, konterte, Blacks Buch erreiche "in der Massivität, in seiner Eingängigkeit und in der reichhaltigen Dokumentation der Kenntnisse über das, was mit den Hollerith-Maschinen im Zusammenhang mit dem Holocaust" getan wurde, eine "völlig andere Ebene". Frei: "Das Thema Holocaust sowie die Nutzung der Hollerith-Technologie hierfür ist in dieser Tiefgründigkeit so noch nicht bearbeitet worden. Wer da sagt, das wussten wir ja schon alles, der macht es sich zu leicht." Es ist ein Verdienst von Knoop, dass er Black gar nicht erst in Versuchung führte, im Duktus einer ausufernden Betroffenheitssuada Position beziehen zu wollen. Knoop fragte, ob IBM im Allgemeinen und dessen Chef Watson im Besonderen wissen konnten, wofür die Hollerith-Maschinen von den Nazis benutzt wurden.

Black schreibe ja selbst, dass Watson zwar kein Nazi war, wohl aber ein Sympathisant des Hitler-Regimes: "Konnte Watson es wissen, wenn er es hätte wissen wollen?" Blacks Antwort darauf: Watson sei zwischen 1933 und 1939 Jahr für Jahr zwei- bis dreimal in Berlin gewesen. "In Deutschland passierte bei der IBM nichts, was Watson nicht angeordnet hatte." 1941 habe Watson an alle Auslandsgesellschaften eine Memoschrift gesandt, in der es sinngemäß hieß: "Berichtet uns nicht, was ihr tut, und stellt uns keine Fragen." Außerdem, betonte Black, "konnte man ab dem Herbst 1942 nicht mehr nicht wissen, was in Deutschland passierte. Zu dem Zeitpunkt sprachen die Alliierten ja ganz eindeutig von einem Völkermord in Deutschland."

Eigene Hollerith-Abteilungen in den Konzentrationslagern Vor allem aber wurden, betonte Black, die Hollerith-Maschinen ja ständig, das heißt auf monatlicher Basis, vor Ort gewartet. In den Konzentrationslagern existierten zudem eigene Hollerith-Abteilungen. Es gab darüber hinaus keine Standardlochkarten. Vielmehr wurden diese Lochkarten für jeden Kunden auf dessen besondere Anforderungen hin gefertigt. "Und es gab nur eine einzige Firma in der Welt, die diese Lochkarten produzierte, und das war die IBM." Die Rechnungen für diese Aufträge gingen an die Auftraggeber, "also auch in Konzentrationslager wie Dachau. Und was die IBM lieferte, war auf diesen Rechnungen ganz eindeutig festgehalten." Zwar müsse man deutlich sagen, so Black weiter, dass es keine Möglichkeit gebe zu beweisen, dass Watson wusste, was in den KZs tatsächlich passierte. Aber sogar nach 1942, als die Alliierten offen darüber sprachen, dass die Nazis Millionen von Juden vernichteten,

"sogar zu diesem Zeitpunkt hat Watson nie den Befehl gegeben, dass für deutsche KZs keine Lochkarten mehr hergestellt werden dürften und dass für die Maschinen in Nazi-Deutschland und insbesondere für die Hollerith-Maschinen in den KZs kein Service mehr geleistet werden dürfte". Ganz im Gegenteil habe IBM "bis zum Schluss alles getan, um ihr Geschäft aufrechtzuerhalten".

Die Grande Dame der deutschen Politik, Hildegard Hamm-Brücher, fand deutliche Worte für IBMs Agieren und Watsons Mitschuld: Für sie sei es unverständlich, dass Watson mit all seinen Niederlassungen in Europa und seinen ihm über die Vorgänge in Deutschland genau Bericht erstattenden Informanten so ein Doppelspiel entfalten konnte, ohne dass man das in den USA gemerkt hätte.

"Williger Helfer Hitlers"

Als Höhepunkt der "Verbrechen" von Watson, der in gewisser Hinsicht und in Anlehnung an Daniel Goldhagens Buch "auch als ein williger Helfer Hitlers bezeichnet werden könnte", dürfe folgende Tatsache gelten: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seien über 2000 Hollerith-Maschinen, die über den Krieg gerettet worden waren, gleich wieder zum Einsatz gekommen, um die deutsche Verwaltung in den besetzten Zonen aufzubauen. Hamm-Brücher über den IBM-Chef: "Meiner Ansicht nach hat Watson wie einer der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts agiert. Watson hätte nach dem zweiten Weltkrieg wie andere Kriegsverbrecher auch verurteilt werden sollen mitsamt seinem System." Auch Historiker Frei konnte Watson nicht von einer Schuld freisprechen, die dieser auf sich lud, weil er trotz frei zugänglicher Informationen in der Welt über den Holocaust nicht adäquat reagiert habe: Genauso wenig zwar, wie ein schriftlich dokumentierter Befehl Hitlers zur

Vernichtung der Juden gefunden worden sei, habe Black natürlich auch keinen schriftlichen Hinweis zu Watson finden können, in dem dieser Schwarz auf Weiß anordnete, dass man sich als IBM beispielsweise an der Aktion gegen die ungarischen Juden in Auschwitz beteiligen sollte: „Solche Texte sind nicht zu finden.“

Trotzdem wendet Black, so Frei, in seinem Buch eine Methode an, um nachzuweisen, was "der gute Watson" bei der täglichen Lektüre der Zeitungen "hätte wissen können". Von 1933 an konnte man, das Studium etwa der "New York Times" vorausgesetzt, wissen, was in Nazi-Deutschland passierte, "das beweist Black anschaulich". Die Erkenntnisse der heutigen Geschichtsforschung, fuhr Frei fort, ließen zudem die gesicherte Aussage zu, dass es nicht darum geht, was man wissen konnte, sondern darum, was man wissen wollte. Das gelte sowohl für Deutschland als insbesondere auch für die Welt außerhalb Deutschlands. "Die Möglichkeit für einen dermaßen hochrangigen Manager wie Watson war außerordentlich gut, sich über die wahre Natur des Naziregimes zu informieren und sich auch über die Natur des Vernichtungskriegs der Nazis Klarheit zu verschaffen." Frei betonte, die Frage, ob Watson ein Kriegsverbrecher gewesen sei, müsse auch vor einem anderen

Hintergrund gestellt werden: Auch heute mangle es am Verständnis für die Notwendigkeit eines ethischen Verhaltens innerhalb des Big Business. "Die zielgenaue Amoralität der Industrie ist nur durch politische Rahmenbedingungen zu überwinden. Es ist zu naiv, zu glauben, dass man die Industrie auf einen von ihr selbst kreierten ethischen Kanon verpflichten kann."

Die Diskutanten

- Edwin Black, geboren in Chicago, wohnt heute meist in Washington, D.C. Black war zwei Jahre lang Korrespondent in Israel. Mit seinem Buch "The Transfer Agreement" über das umstrittene Abkommen, das die zionistische Führung in Palästina zur Rettung deutscher Juden 1933 mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich schloss, hatte Black bereits früher für Aufsehen gesorgt. Black ist zudem Fachmann für Computertechnik und Filmmusik. Außerdem betätigt er sich als Fiction-Autor.

- Guido Knoop ist Professor für Zeitgeschichte und ZDF-Moderator. Er leitete die Diskussion.

- Norbert Frei ist Professor für Zeitgeschichte an der Ruhruniversität Bochum. Er war lange Jahre am Münchner Institut für Zeitgeschichte tätig.

- Hildegard Hamm-Brücher ist seit 1948 in der Politik. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete der FDP war Staatsministerin im Auswärtigen Amt und Kandidatin zur Wahl des Bundespräsidenten.