Web

 

HP übernimmt Compaq: Analyse und O-Töne

04.09.2001
Mehr als überraschend kam heute die Nachricht der geplanten Übernahme von Compaq durch HP. Angesichts weit reichender Überschneidungen der Portfolios beider Konzerne stellt sich die Frage nach dem Sinn der Akquisition.

Von den CW-Redakteuren Jan-Bernd Meyer und Martin Bayer

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Hewlett-Packard (HP) wird Compaq Computer per Aktientausch für rund 25 Milliarden Dollar übernehmen. Carleton Fiorina, seit 1999 Chief Executive Officer (CEO) bei HP, steht auch dem neuen Unternehmen als Vorstandsvorsitzende vor. Compaqs CEO Michael Capellas wird President.

Sollten die Kartellbehörden dem Zusammenschluss zustimmen, entstünde ein Konzern, der einen konsolidierten Umsatz im Jahr 2000 von 91,2 Milliarden Dollar erwirtschaftete (Compaq: 42,383 Milliarden Dollar, HP: 48,782 Milliarden Dollar). Dieser Macht der Zahlen kann nur IBM standhalten, das im vergangenen Jahr 88,4 Milliarden Dollar Umsatz erzielte. Beim Nettogewinn allerdings rangiert Big Blue ganz klar auf Platz eins: 8,1 Milliarden Dollar Profit im Jahr 2000 stehen rund 4,3 Milliarden Dollar des Gemeinschaftsunternehmens HP/Compaq gegenüber (HP: 3,7 Milliarden Dollar, Compaq 569 Millionen Dollar).

Beide Unternehmensvorstände haben die Fusion zu einem Unternehmen mit rund 145.000 Mitarbeitern bereits abgesegnet. HP wird den Aktientausch zu einer Kursrelation von 0,6325 Dollar pro Compaq-Papier abwickeln. Sowohl der Wert der Compaq- als auch der HP-Aktie war am letzten Börsentag vor der Akquisitionsankündigung auf einen historischen Tiefstand gesunken: Compaqs Aktienkurs fiel auf 12,35 Dollar, HPs Papier war noch 23,21 Dollar wert. Compaq-Aktionäre würden nach dem momentanen Stand der Kurse einen Aufschlag von lediglich rund 19 Prozent auf ihre Papiere erhalten. HP-Aktionäre würden 64 Prozent, Compaq-Eigner 36 Prozent an dem fusionierten Unternehmen halten. Beide Unternehmen rechnen damit, den Zusammenschluss im ersten Halbjahr 2002 über die Bühne zu bringen.

Die vier Teile von "HP neu"

Das fusionierte Unternehmen soll in vier operationale Einheiten gegliedert werden: Zum einen in die Division "Imaging & Printing", die für einen Umsatz von rund 20 Milliarden Dollar steht. Deren Chef wird Vyomesh Joshi, bislang President der gleichnamigen HP-Division. 29 Milliarden Dollar umsatzschwer ist die Geschäftseinheit "Access Devices", die Duane Zitzner anführen soll. Er bekleidet bei HP das Amt des President für Computing Systems.

Peter Blackmore, jetzt noch Executive Vice President für Sales and Services bei Compaq, soll das "IT-Infrastructure"-Geschäft leiten, das auf 23 Milliarden Dollar Umsatz taxiert ist. Zu dieser Division gehören auch die Server, die Massenspeicher sowie das Softwaregeschäft. Die vierte Geschäftseinheit ist die "Services"-Division. Deren 65.000 Mitarbeiter sollen Beratungs-, Support- und Outsourcing-Aufgaben wahrnehmen. Chefin dieser Geschäftseinheit mit einem konsolidierten Umsatz von rund 15 Milliarden Dollar wird Ann Livermore. Sie bekleidet bisher den Posten des President von HP Services.

Weit gehende Produktüberschneidungen

Welchen Sinn der Zusammenschluss von HP und Compaq haben soll, muss die Zukunft zeigen. Fiorina betonte in einer ersten Stellungnahme zwar die "beiden sehr komplementären Produktwelten und Firmenorganisationen". Tatsächlich aber weisen beide Konzerne nahezu identische Produktangebote und Organisationen auf, zusammen zudem ein kaum mehr überschaubares Produktportfolio.

HP bietet "E-3000"-Business-Server der A- und N-Klasse, zudem "HP-9000"-Server in sieben Modelllinien und die "Superdome"-Enterprise-Server auf. Alle diese Systeme wie auch die "Visualize"-Workstations rechnen mit HPs proprietären PA-RISC-Prozessoren. Hinzu kommen die Intel-CPU-basierenden Server, PCs und Notebooks. Zu bedenken ist ferner, dass HP von den knapp 49 Milliarden Dollar Umsatz des vergangenen Jahres 20 Milliarden Dollar mit Produkten wie Druckern oder Scannern etc. samt deren Komplementärprodukten wie Kartuschen erzielte.

Compaq hält mit den fehlertoleranten "Himalaya"-Servern unter dem Betriebssystem "Nonstop Kernel" und Mips-RISC-Prozessoren dagegen, ferner mit den nur vereinzelt verkauften "Integrity-S-5000"-Servern unter Unix. Hinzu kommt die Palette der mit "Alpha"-Prozessoren arbeitenden Server vom Hochleistungssystem "Wildfire" bis zu den Workstations. Außerdem unterhält Compaq noch Workstations der "Evo"- und "Professional-Workstation"-Linien, die mit Intel-Chips rechnen. Wie HP bieten auch die Texaner überdies eine komplette Produktpalette von PC-Servern ("Proliant") und PC-Desktops sowie Notebooks und Handhelds an.

Beide Firmen verweisen zudem auf ihr Angebot an Massenspeichern und können sowohl Fiber-Channel- als auch Virtual-Array-Systeme präsentieren. HP vertreibt die "Lightning"-Disk-Arrays von Hitachi als OEM-Produkt. Compaq andererseits schloss mit IBM vor gut einem Jahr ein Abkommen zur Vermarktung von Big Blues "Shark"-Massenspeichern, die unter anderem mit EMCs "Symmetrix"-Modellen konkurrieren.

Die Frage ist also berechtigt, welche der Produktlinien eingestampft werden. Zudem müssen die Verantwortlichen entscheiden, wie viele der weltweit rund 145.000 Mitarbeiter in den fast identischen Vertriebs- und Produktlinien-Strukturen entlassen werden. Compaq hat in diesem Jahr bereits die Kündigung von 8500 Mitarbeitern angekündigt. HP setzt 2001 rund 9000 Angestellte vor die Tür, obwohl sich in einem weltweiten Einsparprogramm rund 80 Prozent der Beschäftigten zu Einkommensreduzierungen von zehn Prozent bereit erklärt hatten.

Service als Fusionsrechtfertigung?

Sollten Fiorina und Capellas als Argument für die Fusion das vereinte und damit schlagkräftige Dienstleistungsangebot ins Feld führen, sind auch hier Fragen angebracht. Vergleicht man etwa die großen deutschen IT-Serviceanbieter miteinander, so fällt das Ergebnis für den vereinigten Compaq-HP-Konzern nicht sehr beeindruckend aus: Nach Untersuchungen der Marktforscher der PAC GmbH beträgt der hierzulande im Jahr 2000 erwirtschaftete Umsatz mit IT-Services für HP und Compaq zusammen inklusive der Hardware-Instandshaltungsarbeiten (Maintenance) lediglich 1,95 Milliarden Mark. IBM etwa erwirtschaftete 4,54 Milliarden Mark, die Siemens Business Services (SBS) 4,91 Milliarden Mark. Unangefochtener Spitzenreiter ist nach den Informationen der PAC GmbH der IT-Service-Anbieter T-Systems mit einem im Jahr 2000 erzielten Umsatz von 7,47 Milliarden Mark.

PAC-Analyst Jean-Christian Jung verweist in diesem Zusammenhang aber auf den Umstand, dass Compaq und HP fast die Hälfte dieses Serviceumsatzes ausschließlich mit Hardware-Wartungsaufträgen erwirtschaften. Der konsolidierte Umsatz beider Firmen aus Projekt-Services belief sich im vergangenen Jahr auf lediglich 1,03 Milliarden Mark. EDS (1,52 Milliarden Mark), IBM (3,62 Milliarden Mark), SBS (3,9 Milliarden Mark) und T-Systems (7,3 Milliarden Mark) laufen dem zu gründenden Tandem im Projektgeschäft klar den Rang ab.

Weltweit sieht die Erfolgsbilanz für ein IT-Service-Duo Compaq-HP ebenfalls nicht beeindruckend aus: Laut Zahlen von Gartner Dataquest für das Jahr 2000 belegen die beiden Firmen, jeweils gemessen am mit IT-Dienstleistungen erwirtschafteten Umsatz, nur hintere Plätze. Mit 7,29 respektive 6,7 Milliarden Dollar Umsatz finden sich HP und Compaq lediglich auf den Rängen acht und neun. Ganz klarer Marktführer ist IBM mit einem Umsatz von 33,148 Milliarden Dollar vor EDS (19,224 Milliarden Dollar) und Fujitsu (13,299 Milliarden Dollar). Auf den Plätzen folgen Computer Sciences Corp., Accenture (ehedem Andersen Consulting), Cap Gemini Ernst & Young sowie Xerox. Die vereinten Umsätze von HP und Compaq gerechnet, würde das fusionierte Unternehmen immer noch weit hinter EDS auf Platz drei liegen. Big Blues Umsatz mit IT-Dienstleistungen wäre immer noch fast dreimal so hoch wie der von HP und Compaq zusammen. Heute schon darf man jedenfalls gespannt sein, wie diese Fusion funktionieren soll.

Erste O-Töne

Für Wolfgang Braun, Managing Director für den Bereich Mergers und Acquisitions bei der Meta Group, gibt die Fusion von HP mit Compaq wenig Sinn. Hier entstehe ein IT-Riese, der erst einmal große Schwierigkeiten haben werde, die unterschiedlichen Unternehmenskulturen unter einen Hut zu bringen. Außerdem dürfte es den künftigen Verantwortlichen nicht leicht fallen, die sich überschneidenden Produktlinien zu konsolidieren. Es sei davon auszugehen, dass der Merger weitere Entlassungen nach sich ziehen werde, glaubt Braun.

Das Zusammengehen von HP und Compaq könnte für den gesamte IT-Markt weit reichende Konsequenzen haben. So sei laut Braun mit einem wachsenden Konsolidierungsdruck auf die Konkurrenz auszugehen. Zu denken sei hier beispielsweise an eine Fusion zwischen Sun und Dell. Eine solche Verbindung sei seiner Ansicht nach sinnvoller, da sich die Produktlinien beider Unternehmen ergänzen und nicht überschneiden würden, wie dies bei HP und Compaq der Fall ist.

Im Servicebereich, der durch den Merger in erster Linie ausgebaut werden soll, sieht Braun kaum Verbesserungen für beide Unternehmen. HP wie Compaq scheiterten zuletzt bei ihren Versuchen, ihre Serviceeinheiten durch Akquisitionen zu verstärken. Der Meta-Analyst vermutet, dass HP-Chefin Carleton Fiorina durch den gescheiterten Übernahmeversuch von PricewaterhouseCoopers unter großem Druck stand, ihr Unternehmen durch eine gelungene Akquisition neu zu orientieren. Allerdings wäre dann ein Zusammengehen mit einer rein auf Services fokussierten Firma sinnvoller gewesen, kritisiert der Meta-Group-Experte. Das Geschäft mit Compaq lasse sich nur als Befreiungsschlag Fiorinas interpretieren.

Für Thomas Klebe, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und Arbeitnehmervertreter bei Compaq, kam die Nachricht aus heiterem Himmel. Er habe aus dem Frühstücksfernsehen von dem Geschäft erfahren, erzählt der Manager. Die Art und Weise, das Geschäft in typischer Texas-Manier über die Köpfe des Aufsichtsrats und der deutschen Geschäftsleitung hinweg zu entscheiden, sei unmöglich. Zu den Erfolgsaussichten des neuen Unternehmens will sich Klebe nicht äußern. Allerdings müsse man von einem weiteren Stellenabbau ausgehen. In welchem Umfang das geschehen wird, darüber könnten vorab keine Hochrechnungen angestellt werden. Erste Opfer seien wohl die Compaq-Vorstände, die in den neuen Führungslisten kaum mehr vertreten sein dürften.

Ob die deutschen Geschäftsleitungen von HP und Compaq eingeweiht waren, ist zu bezweifeln. In den Zentralen in Böblingen und Dornach bei München scheint am Vormittag nach der Ankündigung hektische Betriebsamkeit ausgebrochen zu sein. Pressestellen waren stundenlang nicht erreichbar. Weder Heribert Schmitz, Deutschland-Geschäftsführer bei HP noch Peter-Mark Droste, Chef der deutschen Compaq-Filiale, wollten den Deal kommentieren.

Ian Bertram, zuständig für Hardwareplattformen bei Gartner, geht davon aus, dass jeder Job in dem neuen Unternehmen auf dem Prüfstand stehen werde. Außerdem müsse man damit rechnen, dass ganze Produktionsanlagen dem Rationalisierungsprozess zum Opfer fallen. Nach Einschätzung des Marktforschers werde die Konsolidierung zwischen zwölf und 18 Monate dauern.

Die Konkurrenz zeigt sich überrascht von dem Deal und hält sich bislang mit Kommentaren zurück. Dell wollte bis Redaktionsschluss nicht zu dem Deal der Wettbewerber Stellung nehmen. Man sei im Augenblick damit beschäftigt, die bislang bekannten Details des Mergers auszuwerten und mögliche Auswirkungen auf das eigene Geschäft zu identifizieren, verlautete aus der Pressestelle des Direktanbieters.

Sun hofft von dem HP-Compaq-Geschäft profitieren zu können. Die Wettbewerber würden laut Deutschland-Geschäftsführer Helmut Wilke vorerst zum Nachteil ihrer Kunden damit beschäftigt sein, neue Strukturen zu schaffen und ihre Produkte zu konsolidieren. "Diese Ankündigung ist eine Vorwärtsstrategie von Carly Fiorina, um von internen Problemen abzulenken", glaubt Wilke.

IBM hält sich mit Kommentaren zu dem Deal sehr bedeckt. Allerdings sei man von der Ankündigung der Konkurrenten überrascht gewesen, erklärt Hans-Jürgen Rehm, Presseverantwortlicher für die Server-Systeme bei IBM. Trotzdem werde man sich nicht aufschrecken lassen und die Auswirkungen auf den Markt beobachten und analysieren. Die Erfolgsaussichten des Mergers wollte Rehm nicht bewerten. Die OEM-Vereinbarungen im Speichergeschäft zwischen IBM und Compaq sieht er nicht gefährdet. Hier gebe es eindeutige vertragliche Regelungen über den Vertrieb der "Shark"-Storage-Systeme durch Compaq. Zwar konkurriere Hewlett-Packard mit dem Verkauf der Geräte von Hitachi Data Systems (HDS) unmittelbar gegen die Shark-Speicher, doch würde dies auf der Vertriebsseite "relativ entspannt" gesehen. So arbeite IBM beispielsweise auch mit Dell zusammen, obwohl sich beide Firmen im PC-Markt als Wettbewerber gegenüber stehen.