Es muss nicht immer der Master sein

Her mit dem Bachelor

Bettina Dobe ist freie Journalistin aus München. Sie hat sich auf Wissenschafts-, Karriere- und Social Media-Themen spezialisiert. Sie arbeitet für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland.
Inzwischen gibt es 16.000 verschiedene Studiengänge in Deutschland. Wer blickt im Abschluss-Dschungel noch durch? CIOs verraten, welche Abschlüsse sie bevorzugen und warum.

Von Game-Design über Bio-Informatik zu Digitaler Forensik - im Bereich der Informatik lässt sich so einiges studieren. Nicht nur in diesem Fachbereich: Im Vergleich zum Jahr 2008 ist die Zahl der Studiengänge in Deutschland um 40 Prozent gestiegen, so eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) in Zusammenarbeit mit dem Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI).

16.000 verschiedene Studiengänge bieten deutsche Hochschulen inzwischen an. Kaum ein Abiturient, Arbeitgeber oder Entscheider kennt sich da noch aus. "Bei unseren Bewerbungen sind Abschlüsse dabei, von denen habe ich noch nie etwas gehört", erzählt etwa CIO David Ong, CIO der Cura Unternehmensgruppe mit Sitz in Berlin. "Diese Vielfalt ist schon verwirrend." Nicht nur ihm geht es so. Aber ist der Abschluss überhaupt entscheidend, um nach dem Studium an einen Job zu kommen? Und wie wirkt sich der Abschluss-Dschungel auf die Unternehmen aus?

David Ong, CIO bei Cura: "Privat trauere ich dem Diplom schon hinterher, denn die Diplom-Studiengänge hatten ein sehr hohes Niveau und waren international hoch angesehen."
David Ong, CIO bei Cura: "Privat trauere ich dem Diplom schon hinterher, denn die Diplom-Studiengänge hatten ein sehr hohes Niveau und waren international hoch angesehen."
Foto: Privat

Trauer ums Diplom

Die "guten alten Zeiten", in denen fast alle Informatiker einen Diplom-Studiengang absolviert hatten, sind vorbei. "Privat trauere ich dem Diplom schon hinterher, denn die Diplom-Studiengänge hatten ein sehr hohes Niveau und waren international hoch angesehen", sagt CIO Ong. Über den Bachelor-Abschluss sind auch andere unglücklich: "Ich denke, dass zum Beispiel in den Ingenieurstudiengängen der Bachelor zu kurz gesprungen ist", sagt auch CIO Thomas Schott von der Rehau AG, einem internationalen Kunststoffverarbeiter. Im Bachelor würden zwar die Grundlagen gelegt, aber nur wenig Wissen vertieft. Der Schluss daraus: Ohne Master geht es nicht. Doch hier offenbart sich ein Problem: Eigentlich ist das Studium darauf ausgelegt, dass nur ein Teil der Absolventen noch einen Master macht. Theoretisch sollten Bachelor-Absolventen befähigt sein, einen Beruf auszuüben. Das hat sich offenbar unter Studenten noch nicht herumgesprochen.

Studenten zweiter Klasse?

Rund drei Viertel aller Studierenden, so die Umfrage, macht noch einen Master hinterher. "Der Bachelor gilt bei vielen Studierenden, ihren Eltern und weiten Teilen der Öffentlichkeit als ein Abschluss zweiter Klasse", heißt es in der Studie. Dass der IT-Bachelor einen so schlechten Ruf hat, dafür hat Schott eine Erklärung. Es liegt an der klaffenden Lücke zwischen Theorie und Praxis. Vor 15 Jahren sei es in der IT nur um Bits und Bytes gegangen, sagt er. "Heute braucht es ein Verständnis für die Einbindung von Prozessen im Unternehmen und kreatives Denken." Die Erwartungshaltung an Absolventen sei inzwischen eine andere, aber das Studium selbst sei noch nicht darauf ausgerichtet. Heute lernen Studenten nach wie vor hauptsächlich die technischen Aspekte der IT kennen, kritisiert Schott. Bei der Umstellung von Diplom auf Bachelor wurde die Chance verpasst, die Theorie der Praxis anzupassen.

Praxis fehlt

Wissen über Unternehmensabläufe und die App-Landschaft brächten die meisten Bachelorstudenten nicht mit, sagt Schott. "Ihnen fehlen einfach ein bis zwei Jahre in der Praxis im Unternehmen", sagt er. Cura-CIO Ong stellt aus diesem Grund in der Regel keine Absolventen ein. "Wir können es uns nicht leisten, noch so viel Zeit und Geld in die Ausbildung zu stecken", sagt er. Auf den ersten Blick klingt das für B.A.-Absolventen - und für Firmen, die kaum Auswahl haben - fatal. Doch dahinter verbirgt sich ein Ratschlag für Absolventen.

Beide CIOs achten weniger auf den Abschluss als auf etwas ganz anderes: Praxiserfahrung. "Ein Systemadministrator mit vielen Jahren Berufserfahrung ohne Studium kann fachlich besser sein als ein Master", sagt Ong. Dem kann sich Schott nur anschließen: "Mir ist es wichtiger, dass ein Bewerber Praktika gemacht hat und vielleicht sogar im Ausland war. Ich habe lieber einen Bewerber mit Ecken und Kanten, als einen mit glattgebügeltem Lebenslauf." Praxiserfahrung und der Blick über den Tellerrand sind für beide CIOs wichtiger als ein Zertifikat.

Rehau-CIO Thomas Schott (hier als Redner auf den Hamburger IT-Strategietagen): "Mir ist wichtig, dass ein Bewerber Praktika gemacht hat und vielleicht sogar im Ausland war. Ich habe lieber einen Bewerber mit Ecken und Kanten, als einen mit glattgebügeltem Lebenslauf."
Rehau-CIO Thomas Schott (hier als Redner auf den Hamburger IT-Strategietagen): "Mir ist wichtig, dass ein Bewerber Praktika gemacht hat und vielleicht sogar im Ausland war. Ich habe lieber einen Bewerber mit Ecken und Kanten, als einen mit glattgebügeltem Lebenslauf."

Master unnötig

Tatsächlich beweist die Studie, dass die Weiterbildung zum Master nicht unbedingt das Beste ist, was Absolventen machen können: "So ist es für 70 Prozent der Unternehmen nach eigenen Angaben bei der Besetzung von Fach- und Führungspositionen irrelevant, über welchen Abschluss - Bachelor oder Master - ein Kandidat verfügt, und wo dieser erworben wurde - Universität, Fachhochschule oder Berufsakademie", heißt es in der Studie.

Entscheider sehen die Abschluss-Frage ganz locker: "Mir persönlich ist es eigentlich nicht so wichtig, ob jemand ein Diplom, einen Bachelor, oder einen Master-Abschluss hat", sagt Ong. Die Persönlichkeit sei ausschlaggebend. Auch CIO Schott sagt: "Wir stellen sehr viele Bachelor-Absolventen im Bereich der Informatik und Wirtschaftsinformatik ein und sind sehr mit ihnen zufrieden." Entscheider müssen eben wissen, worauf sie sich einlassen und andere Erwartungen an die Absolventen stellen als früher.