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Gerüchte um neue Highend-Mainframes von IBM

30.01.2003
Vermutlich im kommenden Mai bringt IBM erste Mainframes mit dem neuen "G8"-Prozessor. Unterdessen spekulieren Experten über die zunehmende Hardware-Konvergenz mit i- und pSeries

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Sowohl Steven Milunovich von Merrill Lynch als auch Phil Payne von Isham Research berichten übereinstimmend, dass IBM in absehbarer Zeit erstmals nach der Vorstellung der z900 "Freeway" Ende 2000 wieder neue Highend-Mainframes ankündigen wird. Die ursprünglich unter dem Codenamen "Galileo" in Poughkeepsie und Böblingen entwickelten Maschinen werden auch unter der Bezeichung "T-Rex" gehandelt und könnten bis 64-Wege-SMP skalieren, was einer Vervierfachung der Freeway-Prozessorzahl gleich käme. Das Betriebssystem z/OS müsste allerdings entsprechend angepasst werden, um Symmetrical Multiprocessing mit mehr als 16 Prozessoren und auch mehr Mainframe-Kanäle zu unterstützen.

IBM, das seine Mainframe-Roadmaps traditionell streng unter Verschluss hält, hat beide Berichte laut "Computerwire" nicht kommentiert. Das Unternehmen wolle sich hier vermutlich Optionen offenhalten, mutmaßt der Brancheninformationsdienst - denkbar wäre etwa ein Outsourcing von Fertigung und Design an Hitachi, das bereits die Engines für den z800 "Raptor" liefert und die Maschinen mit eigenem Betriebssystem "VOS" in Japan feilbietet.

Milunovich will jedenfalls erfahren haben (wenn auch nicht von Big Blue), dass IBM seine nächste Mainframe-CPU-Generation "G8" zusammen mit den T-Rex-Servern demnächst vorstellen wird, sodass die Auslieferung in Stückzahlen in der zweiten Jahreshälfte beginnen könnte. Der Merrill-Experte erwartet für den G8 eine Rechenleistung von 400 bis 450 MIPS, eine Steigerung um 33 bis 50 Prozent gegenüber dem mit 300 MIPS bewerteten G7 aus den Freeways.

Der G8 soll demnach auf einem Multi-Chip-Module (MCM) mit 20 Prozessoren sitzen, das später auch von Single- auf Dual-Core erweitert werden soll. Milunovich erwartet, dass die ersten T-Rex-Server 16 aktive Prozessoren ausweisen (die restlichen vier dienen als Ersatz- und Service-CPUs). Das z/OS, gegenwärtig beschränkt auf 256 Channels, müsste dann auf mehr als 16 CPUs für ein Single System Image und vor allem auf mehr Kanäle aufgebohrt werden, um in Sachen I/O mit der Prozessorleistung mitzuhalten. Diesen Schritt erwartet Milunovich irgendwann 2004, bis dahin müssten Anwender, die mehr als 16 Prozessoren brauchen, auf den guten alten Parallel Sysplex zurückgreifen.

Payne, den "Computerwire" als wohl besten Kenner der Mainframe-Szene einschätzt, weiß offenbar schon einiges mehr. In seinem Report steht zu lesen, dass der G8 laut dessen früher Dokumentation etwa die dreifache Leistung eines G5 erbringen würde, was auf rund 440 MIPS hinausliefe. Der Chip werde wie die in den i- und pSeries verbauten "Power"-Prozessoren über eine superskalare Architektur verfügen, sodass portierte Linux- und Unix-Anwendungen darauf sogar noch schneller ablaufen könnten als vermutet.

Payne schreibt weiter, ein voll aufgerüsteter T-Rex werde aus vier MCMs bestehen, jedes davon mit acht nutzbaren Prozessoren und vier Spares (genauer: zwei Spares und zwei SAPs). Die ersten Maschinen werden zwei MCMs in einem Single Image aufweisen, später soll die SMP-Skalierbarkeit dann von 16 auf 32 Wege steigen. Die ersten G8-Prozessoren sollen mit rund 1,2 Gigahertz takten; die Frequenz des G7 bewegt sich aktuell wohl in einem Bereich zwischen 760 und 900 bis 950 Megahertz. Auch Payne erwartet irgendwann eine Dual-Core-Variante des G8, was dann für jedes MCM 16 aktive Prozessoren und in der Folge ein Gesamtsystem mit 64-Wege-SMP und einer theoretischen Leistung um die 9000 MIPs bedeuten würde. Laut Payne werden die ersten G8-Server übrigens in der ersten Maiwoche 2003 vorgestellt.

Im Folgenden spekuliert "Computerwire" vor allem darüber, inwieweit die kommenden Großrechner in Sachen Hardware identisch mit der iSeries und pSeries ausfallen könnten, und kommt dabei zu dem Schluss, dass die Übereinstimmung bereits sehr weitreichend sein könnte (Analysten spekulieren schon lange über ein komplette Vereinheitlichung der Nicht-Intel-Server-Hardware von Big Blue). Allerdings ist auch sonnenklar, dass IBM darüber keine Details veröffentlichen will und wird.

Das Letzte, was der Hersteller sich wünscht, ist dass Kunden davon ausgehen, dass eine Mainframe zu 85 Prozent die gleichen Teile verwendet wie ein Unix-Server - dann nämlich würden die Kunden das Big-Iron auch zum Unix-Preis wollen. Genau diese Lektion musste IBM in den vergangenen fünf Jahren mit der AS/400-iSeries lernen, wie die Preissenkung vom 20. Januar (Computerwoche online berichtete) beweist. IBM will den "Mythos Mainframe" so lange aufrecht erhalten wie möglich und muss darob Milunovich, Payne und Konsorten tunlichst ignorieren.

Übrigens: Payne schreibt weiter, dass die so genannte "G9"-Generation von Mainframes, die unter dem Codenamen "Copernicus" gehandelt wird und in rund vier Jahren das Licht der Welt erblicken sollte, vorerst offenbar auf Eis gelegt wurde. Nach allem, was man bislang aus der Gerüchteküche vernommen hat, will IBM mit der "Power6"-Generation seine Server endgültig und offiziell konvergieren lassen (von der Server Group würde dies natürlich niemand bestätigen oder gar darüber reden). Es wäre also nicht überraschend, wenn der Power6 über einen nativen oder emulierten S/390-Modus verfügte. Selbst wenn dieser eher ineffizient ausfiele - bis dahin (irgendwann zwischen 2004 und 2006) wird Big Blue die Taktrate auf 4 bis 6 Gigahertz geschraubt haben. In einer Maschine mit 64, 128 oder 256 Wegen könnte man dann laut "Computerwire" auf neun Zehntel der Prozessorkapazität verzichten und wäre immer noch zigfach leistungsfähiger als ein

heutiger z900. (tc)