Best Practice

Firmen vertrauen Data Analytics nicht

Werner Kurzlechner lebt als freier Journalist in Berlin und stellt regelmäßig Rechtsurteile vor, die Einfluss auf die tägliche Arbeit von Finanzentscheidern nehmen. Als Wirtschaftshistoriker ist er auch für Fachmagazine und Tageszeitungen jenseits der IT-Welt tätig.
70 Prozent der Unternehmen fürchten um ihre Reputation, wenn sie Datenanalyse betreiben. KPMG gibt in einer Studie sieben Tipps, wie Anwender mit dem Problem umgehen können.
  • Nur 22 Prozent der Firmen hierzulande haben Vertrauen in lernende Maschinen
  • Größte Herausforderung ist nicht Datenerhebung, sondern Analyse und Weiterverwendung
  • Bei der regulatorischen Compliance sind die Anwender am positivsten gestimmt
  • Für den Aufbau von Vertrauen gibt es keine perfekten Antworten, meint KPMG
Die Sorgen der Entscheider sind stark ausgeprägt. Die Grafik zeigt exemplarisch ein zentrales internationales Ergebnis der Studie. 70 Prozent der Befragten glauben, dass Datenanalyse riskant für ihre Reputation sein kann.
Die Sorgen der Entscheider sind stark ausgeprägt. Die Grafik zeigt exemplarisch ein zentrales internationales Ergebnis der Studie. 70 Prozent der Befragten glauben, dass Datenanalyse riskant für ihre Reputation sein kann.
Foto: KPMG

Daten sind mit an sich grenzender Wahrscheinlichkeit das kostbarste Gut der nahen und mittleren Zukunft. Und ihre Analyse wird deshalb eine der vordringlichsten Aufgaben in der globalen Ökonomie sein. Warm geworden sind die Unternehmen mit Data & Analytics bislang aber nicht. Das gilt für deutsche Firmen sicherlich noch mehr als für andere; aber Defizite gibt es weltweit. Das zeigt die Studie "Building Trust in Analytics" von KPMG. Im Auftrag der Wirtschaftsprüfer befragte Forrester Consulting Entscheider aus mehr als 2000 Unternehmen in zehn Ländern, darunter 200 deutsche Firmen.

Skepsis bei Genauigkeit und ethischer Korrektheit

Der Titel verrät bereits, dass mit der Datenanalyse insbesondere Vertrauensfragen verknüpft sind. Dass es - gerade auch hierzulande - eine große Skepsis der Verbraucher gegenüber der Datennutzung von Unternehmen gibt, ist bekannt. Die Studie zeigt, dass sich diese Bedenken an der Spitze der Firmen spiegeln. In den Vorstandsetagen fehlt nämlich ebenfalls das Vertrauen, dass im eigenen Haus sorgsam und zielführend mit Daten umgegangen wird. Ein zentrales Ergebnis: 70 Prozent der Unternehmen weltweit sagen, dass sie sich durch die Analyse von Daten Risiken bezüglich ihrer Reputation aussetzen.

In der Studie versucht KPMG angesichts des nicht eben ermutigenden Befundes, Hilfestellung zu leisten. Die Analysten definieren zum einen vier Ankerpunkte des Vertrauens, von denen sich die Anwender bei der Datenanalyse leiten lassen können. Zum anderen gibt KPMG sieben konkrete Tipps. Zunächst aber lohnt sich ein Blick auf die Studienergebnisse durch die deutsche Brille.

Deutsche Führungskräfte besonders skeptisch

Unternehmen hätten das Potenzial von Echtzeitanalysen, intelligenten Suchagenten, Dashboards und lernenden Maschinen erkannt, konstatieren die Analysten. "Aber: Es mangelt an Vertrauen in die entsprechenden Analysen", so KPMG. "Besonders deutsche Entscheider sind skeptisch, dass Daten in ihrem Unternehmen ethisch korrekt, akkurat und sicher analysiert werden." Jedes zweite Unternehmen fürchte, dass Datenanalysen dem eigenen Ruf schaden können.

Weiterbilden für die Digitalisierung! - Foto: agsandrew/shutterstock.com

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In Deutschland werde Datenanalyse "in deutlich geringerem Umfang" genutzt als im weltweiten Durchschnitt. "Je mehr es um die aktive Nutzung der Daten geht, desto geringer ist das Vertrauen in Data & Analytics", heißt es in der Studie. Mit 32 Prozent (weltweit 40 Prozent) genießt Reporting unter deutschen Entscheidern noch am meisten Vertrauen. Jeder vierte deutsche Entscheider vertraut intelligenten Suchagenten, die etwa auch Sprache oder Bilder suchen können. Noch geringer ist mit 22 Prozent hierzulande das Vertrauen in lernende Maschinen ausgeprägt.

Vertrauen am Anfang des Daten-Lebenszyklus am größten

Wie erwähnt sind die deutschen Resultate schlechter als der globale Durchschnitt, aber in der tendenziellen Grundaussage gehen beide in die gleiche Richtung. Das gilt auch für einen weiteren Aspekt, für den hier erneut die Ergebnisse aus Deutschland angeführt werden. Demnach ist das Vertrauen am Anfang des Daten-Lebenszyklus am größten und sinkt dann im Verlauf drastisch.

Die vier Vertrauensanker von KPMG: Hier lässt sich nach Ansicht der Analysten ansetzen, wenn ein Unternehmen Vertrauen in die Datennutzung aufbauen will.
Die vier Vertrauensanker von KPMG: Hier lässt sich nach Ansicht der Analysten ansetzen, wenn ein Unternehmen Vertrauen in die Datennutzung aufbauen will.
Foto: KPMG

77 Prozent der Befragten vertrauen den Daten während der Phase der Datenbeschaffung. In der Analyse-Phase vermindert sich dieser Wert deutlich. Nur zwei Fünftel schließlich vertrauen den Daten bei der Erfolgsmessung. "Die größte Herausforderung ist nicht die Datenerhebung, sondern die Analyse und Weiterverwendung", schlussfolgert KPMG.

4 Ankerpunkte für Vertrauen

Nach Meinung der Analysten sollten Firmen einen systematischen Vertrauensansatz wählen, der den gesamten Lebenszyklus der Analyse umspannt und auf vier Ankern basiert. Jeder dieser vier Anker sei über den gesamten Lebenszyklus hinweg relevant, betont KPMG: von der Datenbeschaffung über die Vorbereitung und Mischung der Daten sowie die Analyse und Modellierung bis hin zur Nutzung und schließlich zur Messung der Wirksamkeit. Den Ankern sind jeweils Leitfragen und Befunde aus der globalen Studie zugeordnet:

1. Qualität: Nur jedes zehnte Unternehmen geht davon aus, bei der Qualität von Daten, Tools und Methoden an der Spitze zu stehen. Hinsichtlich der Datenanalyse-Ressourcen wähnen sich 22 Prozent so gut wie möglich aufgestellt.
Leitfragen: Sind die fundamentalen Baustein der Datenanalyse gut genug? Wie gut verstehen Unternehmen die Rolle der Qualität bei der Entwicklung und Steuerung von Tools, Daten und Analysen?

2. Effektivität: 16 respektive 20 Prozent der Befragten zählen sich hinsichtlich der Genauigkeit von Modellen und Prozessen sowie hinsichtlich der Nutzbarkeit von Modellen und Prozessen zu den besten Unternehmen.
Leitfragen: Funktioniert die Analyse wie beabsichtigt? Kann das Unternehmen Genauigkeit und Nutzbarkeit des Outputs bestimmen?

3. Integrität: In diese Kategorie fällt das mit Abstand beste Teilergebnis dieser Zusammenstellung. 44 Prozent bewegen sich nach eigener Einschätzung auf Best Practice-Niveau, wenn um die regulatorische Compliance bei der Datenanalyse geht. Schwieriger zu beackern ist offenbar ein zweites Terrain: Nur 13 Prozent äußern sich ähnlich positiv zu datenschutzrechtlichen und ethischen Aspekten.
Leitfragen: Wird Datenanalyse auf akzeptable Weise angewendet? Wie gut steht das Unternehmen in Einklang mit Regulierungen und ethischen Prinzipien?

4. Belastbarkeit: Jeweils rund ein Fünftel der Firmen denkt, bei Sicherheit und bei Governance auf bestmögliche Weise zu arbeiten.
Leitfragen: Wird der Betrieb langfristig optimiert? Wie gut gelingt es der Firma, während des gesamten Analyse-Lebenszyklus gute Governance und Sicherheit zu gewährleisten?

7 Empfehlungen von KPMG

"Für den Aufbau von Vertrauen gibt es keine Roadmaps, keine Software-Lösungen und keine perfekten Antworten", heißt es in der Studie. Gleichwohl lassen sich laut KPMG Best Practices und Praxisbeispiele finden, die Anwender inspirieren können. Sieben überdenkenswerte Ideen haben die Analysten als Empfehlungen zusammengestellt.

1. Mit den Grundlagen anfangen: die Vertrauenslücken bewerten. Es gilt zunächst herauszufinden, in welchen Feldern vertrauensbasierte Analyse tatsächlich geschäftskritisch ist. Auf diese Felder sollte man sich konzentrieren. KPMG weist darauf hin, dass Schlüsselrisiken oft mit wenigen Veränderungen vermindert werden können. Manchmal genüge die Verwendung einfacher Checklisten.

2. Die Richtung definieren: Ziele klären und in Einklang bringen. Zu gewährleisten ist ein klar bestimmter Zweck der Sammlung und Analyse von Daten. Leistung und Wirkung der Datenanalyse sollten messbar sein. Ferner sei wichtig, dass Ziele und Anreize der für die Datenanalyse Verantwortlichen mit jenen der User und der Betroffenen in Einklang stehen. Fehlende Klarheit könne zu Misstrauen oder einem nicht zufriedenstellenden ROI führen, warnt KPMG.

3. Das Bewusstsein heben: internes Engagement steigern. Stakeholder in Schlüsselstellungen sollten involviert und multidisziplinäre Teams aufgestellt werden. In ihren sollten Datenanalyse-Spezialisten sowie Mitarbeiter aus der IT und den Fachbereichen zu finden sein.

4. Expertise aufbauen: interne Datenanalyse-Kultur entwickeln. Diese dient als erster Vertrauensgarant. Konkret gilt es hier, Lücken und Potenziale bei Governance, Struktur und Prozessen zu identifizieren. Sichergestellt sein sollte Expertise in Qualitätsgarantie von Analysen, etwa durch Experimental Design, A|B Testing und andere Validierungsinstrumente. Vertrauen in Daten und ihre Analyse sollte letztlich zum Wert im Herzen des Unternehmens entwickelt werden.

5. Transparenz stimulieren: die "Black Box" für andere Augen öffnen. Hierfür gibt es laut KPMG viele Möglichkeiten: funktionsübergreifende Teams, Kontrolle durch Dritte und Peer Reviews, Seite im Wiki-Stil, Motivation von Whistleblowern und eine Stärkung der Qualitätssicherungsprozesse. Entscheidend ist es nach Ansicht der Analysten, jede einzelne Herausforderung bei der Datenanalyse für sich zu überprüfen.

6. Eine Rundum-Sicht anstreben: Ökosysteme, Portfolios und Communities aufbauen. Um Vertrauen aufzubauen, muss laut KPMG über traditionelle Systemgrenzen, organisatorische Silos und enge Business Cases hinweg geschaut werden. Das ganze Ökosystem gehört in den Blick, für die Risiko- und Wertbemessung bietet sich ein Portfolio-Ansatz an.

7. Innovativ sein: Experimente ermöglichen. Datenanalyse-Teams sollten Innovationen vorantreiben und verschiedene Wege ausprobieren dürfen, ohne große Angst vor einem Scheitern haben zu müssen. "Bauen Sie ein Daten-Innovationslabor auf, dass Data Scientist und Business-Leuten das schnelle Testen neuer Ideen ermöglicht", rät KPMG den Anwendern. Man sollte immer daran denken, dass es auch hinter den spezifischen Performance-Zielen eines Projektes einen weiteren ROI geben könnte. Damit er gefunden wird, benötigen die beteiligten Mitarbeiter die richtigen Anreize.

Die Übersicht zeigt einige Ergebnisse der Studie, die jeweils dem passenden Vertrauensanker zugeordnet sind.
Die Übersicht zeigt einige Ergebnisse der Studie, die jeweils dem passenden Vertrauensanker zugeordnet sind.
Foto: KPMG

"Für die Zukunft erwarten wir, dass die Verbindung von Datenanalyse und dem Ruf eines Unternehmens noch enger wird", sagt Bill Nowacki, Managing Director bei KPMG in den USA.