Interview

Finanzkrise - hat die IT versagt?

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Wie konnte die Weltwirtschaft in eine Krise historischen Ausmaßes rauschen, wenn es gleichzeitig ein Überangebot an intelligenten Analyse- und Simulationstools gibt? Das wollten wir von Thomas Balgheim wissen, dem Geschäftsführer der Münchner Cirquent GmbH (ehemals Softlab).

Wir schreiben seit Jahren über Unternehmenssteuerung mit Hilfe von Business Intelligence, Frühwarnsystemen, Simulationssoftware etc. Jetzt haben wir live erlebt, wie die Banken und mit ihnen die ganze Weltwirtschaft in eine historische Krise gerauscht sind. Haben die IT-Hilfsmittel versagt?

Balgheim: Es wäre natürlich bequem zu sagen, die IT bietet lediglich die Werkzeuge an, entscheidend ist, ob sie richtig genutzt werden. Die Wahrheit ist aber komplexer. Die IT hätte dazu beitragen können, dass diese Krise nicht in diesem Ausmaß eintritt. Ich glaube nicht, dass die Banken zu wenige Analysesysteme haben. Eher werden zu viele Werkzeuge eingesetzt, aber man macht sich zu wenig Gedanken über Nutzung und Handling. So gab es jede Menge Informationen, so dass der Blick für das Wichtige verlorenging.

Die totale Vernetzung der Systeme ist zum Bumerang geworden, sagt Cirquent-Chef Thomas Balgheim.
Die totale Vernetzung der Systeme ist zum Bumerang geworden, sagt Cirquent-Chef Thomas Balgheim.
Foto: Cirquent GmbH

Das Problem liegt aber nicht nur im Umgang mit Tools und Werkzeugen, sondern auch in der immensen Vernetzung. Das Management dieser Interdependenzen und die Informationslücken, die dabei entstanden sind, damit hat sich niemand richtig beschäftigt. Der IT-Experte weiß, dass er die Daten aus 150 Systemen zusammenziehen muss, und dass ein Data Warehouse Informationen zeitverzögert ausgibt. Es kennt die Informationsmechanismen, die für eine Business-Intelligence-Umgebung typisch sind. Die Anwender kennen sie nicht und können die damit zusammenhängenden Implikationen nicht beherrschen.

Die IT ist natürlich nicht die Ursache für die Bankenkrise, aber sie hat nicht im nötigen Maße zur Transparenz beigetragen und so ihren Beitrag geleistet. Vieles, was passiert ist, wurde ja durch die IT erst möglicht

Die Banken waren und sind weltweit nicht imstande, Prognosen über die zu erwartenden Wertberichtigungen und Geschäftszahlen herauszugeben...

Balgheim: Bankgeschäfte folgen ihren eigenen Gesetzen, sie lassen sich nicht mit dem Handel realer Güter vergleichen. Die toxischen Papiere sind Konstrukte, die auf verschiedenen Ebenen aufeinander aufbauen. Und jede dieser Ebenen hat eine eigene Bewertung in sich und eigene Faktoren, die diese bedingen. Wenn die Banken nicht sagen können, wie groß die Risiken sind, hängt das damit zusammen, dass nicht absehbar ist, auf welchen Ebenen diese Papiere überall ausfallen.

Mit der Lehman-Pleite beispielsweise mussten die Banken ihre Risiken neu bewerten, was dadurch zustande kam, dass andere Banken als Geschäftspartner plötzlich hohe Risiken bargen. Dann kam die nächste Welle: Ganze Länder waren plötzlich Risiken. Man musste jetzt die Länderrisiken abschreiben, die sich mit der Zahlungsunfähigkeit von Nationen wie beispielsweise Island, ergaben. Die dritte Welle waren dann die Firmenrisiken, die uns jetzt aktuell beschäftigen.

Von Kopf bis Fuß auf Finance eingestellt...

  • Thomas Balgheim ist seit Anfang 2009 Geschäftsführer der Cirquent GmbH, München. Wichtige Stationen in seinem Berufsleben waren zuvor die SAP AG, wo Balgheim das weltweite Geschäft mit Finanzdienstleistern betreute, und Pricewaterhouse-Coopers (PwC), wo er ebenfalls den Bereich Financial Services bediente.

  • Cirquent war 1971 unter dem Namen Softlab GmbH gegründet und 1992 an BMW verkauft worden. Seit Mitte letzten Jahres gehört das umgetaufte Software- und Beratungshaus zu knapp 73 Prozent dem japanischen IT-Dienstleister NTT Data. Der TK-Großkonzern aus dem Land des Lächelns ins in Deutschland auf Expansionskurs: Neben Cirquent standen auch das SAP-Beratungshaus Itelligence sowie zuletzt der Sicherheitsspezialist Integralis AG auf der Einkaufsliste.

  • Nach Angaben Balgheims erwirtschaftet Cirquent rund 50 Prozent seines Umsatzes mit Banken und Versicherungen, 30 Prozent mit der Automobilindustrie und den Rest mit TK-Konzernen, Versorgern und Medienunternehmen. Durch das erfolgreiche Entwicklungs-Tool "Maestro" hatte seinerzeit schon Softlab eine immer engere Verbindung zur Finanzbranche aufgebaut. Der Zukauf der rund 300 Mitarbeiter starken, hoch spezialisierten Entory AG aus Frankfurt brachte dann 2005 den endgültigen Durchbruch in diesem Markt.

Das Problem sind demnach unkontrollierbare Kettenreaktionen.

Balgheim: Genau. Auf die Immobilen- folgte die Finanz- und schließlich die Wirtschaftskrise. Heute sind es die Firmenrisiken, die die Banken beschäftigen. Das ist eine Lawine, die durch das System gebrochen ist. Die weltweite Vernetzung birgt die eigentlichen Risiken. Neu ist die Geschwindigkeit und Gleichförmigkeit der Krise, die um die Welt geht. Die Finanz- und Wirtschaftsmärkte sind ja erstmals synchron zusammengebrochen.

Für die Globalisierung und die weltweit vernetzten Waren- und Informationsströme spielt die IT eine immense Rolle. Die Weltwirtschaft ist total vernetzt, ebenso die Informationsflüsse. Damit haben sich Viele nicht auseinandergesetzt. Die dadurch entstandene Komplexität wurde nicht richtig eingeschätzt.