Anwender verlagern den Bedarf

Fachkräftemangel ist das Problem der Provider

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Anwenderunternehmen umschiffen den Fachkräftemangel in Deutschland, in dem sie vermehrt externe Provider verpflichten. Abstriche an eigenen Ansprüchen lassen viele nicht gelten.
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Einer aktuellen Erhebung der Marktforscher von Lünendonk zufolge, haben Anwenderunternehmen weniger Probleme mit dem Fachkräftemangel als die IT-Service-Provider.

Auf die Frage "Wie schwierig ist es für Sie zurzeit, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden?", antwortete fast jeder zweite von 43 befragten CIOs beziehungsweise IT-Leiter, er empfinde es als "neutral", "leicht" oder "sehr leicht". Knapp 56 Prozent dieser Befragungsgruppe antworteten mit "schwierig" oder "sehr schwierig".

Vor allem der Vergleich zur zweiten Befragungsgruppe macht das Ergebnis interessant: Von 73 Interviewpartner aus IT-Dienstleistungsunternehmen erachten es über 75 Prozent als "schwierig" oder "sehr schwierig", Fachkräfte zu gewinnen. (siehe auch Kritik am Rekruiting: IT-Branche rekrutiert schlecht)

Die Anbieter haben größere Schwierigkeiten, ihren Bedarf an Fachkräften zu decken, als die Anwender.
Die Anbieter haben größere Schwierigkeiten, ihren Bedarf an Fachkräften zu decken, als die Anwender.
Foto: Lünendonk

Anbieter fürchten um ihr Geschäft, Anwender weniger

Auch eine weitere, beiden Befragungsgruppen gestellte Frage, unterstreicht die unterschiedliche Wahrnehmung oder Auswirkung des Fachkräftemangels in Deutschland. Die Formulierung der Frage wurde der jeweiligen Zielgruppe entsprechend angepasst, zielte im Inhalt aber jeweils darauf, die Auswirkung des Fachkräftemangels auf die Geschäftstätigkeit zu erheben (siehe Grafik unten).

Die Anwenderunternehmen sehen mehrheitlich keine Probleme durch fehlende Arbeitskräfte auf sich zukommen, wenn es darum geht, den Fachbereichen die erforderlichen IT-Leistungen bereit zu stellen.

Die Anbieterunternehmen, also IT-Service-Provider und IT-Beratungsunternehmen, wiederum fürchten überwiegend um eine stabile Geschäftsentwicklung infolge des Fachkräftemangels.

Eine parallele Befragung von Anwendern und Anbietern zeigt, dass die CIOs den Fachkräftemangel als weniger bedeutsam für die Geschäftstätigkeit ihrer IT-Abteilung erachten. Die Service-Provider fürchten dagegen um die Entwicklung ihrer Geschäfts, weil gut ausgebildete Fachkräfte fehlen.
Eine parallele Befragung von Anwendern und Anbietern zeigt, dass die CIOs den Fachkräftemangel als weniger bedeutsam für die Geschäftstätigkeit ihrer IT-Abteilung erachten. Die Service-Provider fürchten dagegen um die Entwicklung ihrer Geschäfts, weil gut ausgebildete Fachkräfte fehlen.
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Anwender haben viele Aufgaben ausgelagert

"Die Anwender haben einen Teil ihrer Aufgaben an Wertschöpfungspartner oder Gesamtdienstleister übertragen", erläutert Mario Zillmann, Leiter Professional Services bei Lünendonk und Studienautor, die unterschiedliche Sichtweise. Der Trend wird sich nach Einschätzung der Marktforscher und Anbieter weiter verstärken. Nicht zuletzt aufgrund einer erwarteten höheren Nachfrage im IT-Projektgeschäft rechnen die IT-Beratungsunternehmen beispielsweise mit einem Geschäftswachstum von bis zu zehn Prozent.

Mario Zillmann, Lünendonk: "Die Anwender haben einen Teil ihrer Aufgaben an Wertschöpfungspartner oder Gesamtdienstleister übertragen."
Mario Zillmann, Lünendonk: "Die Anwender haben einen Teil ihrer Aufgaben an Wertschöpfungspartner oder Gesamtdienstleister übertragen."
Foto: Lünendonk

Der wachsende Bedarf lässt sich allerdings nur bedienen, wenn Fachkräfte aus anderen Ländern in die Arbeiten integriert werden. Seit Jahren arbeiten die Provider intensiv daran, die Offshore- und Nearshore-Kapazitäten auszubauen und in ihre Lieferprozesse zu integrieren.

Doch immer noch, so beklagen Anbieter, gebe es auf Anwenderseite große Vorbehalte, in die Projekte auch ausländische Fachkräfte einzubinden. "Die Unternehmen müssen sich weiter öffnen", appellierte etwa Markus Schwind, Chief Sales Officer bei Capgemini, auf einer Presseveranstaltung an die Anwender. "Oft schränken die Kunden den Bedarf mit Rahmenparametern wie lokal und deutschsprachig ein, die schwer zu erfüllen sind."

Für die Provider stellt diese Forderung auch deshalb ein Problem dar, weil die Preise für IT-Leistungen in vielen Segmenten fallen, zum einen, weil indische Provider seit geraumer Zeit mit effizienten Offshore-Prozessen in den hiesigen Markt vordringen, zum anderen, weil viele Leistungen standardisiert aus der Cloud bezogen werden können. Die lokalen Anbieter können gegen diese Konkurrenz also nur bestehen, wenn sie ebenfalls Off- und Nearshore-Ressourcen einbinden, oder den Kunden günstigen Standarddienste verkaufen.

"Zum Teil fehlt es am Mindestmaß an interner Unterstützung", sagte zudem Stefan Domsch, Managing Direktor bei Accenture. "Man darf den Erfolg eines Projekts nicht ausschließlich von der Leistung des Partners abhängig machen. Auch der Kunde muss gewissen Pflichten erfüllen."

Nicht immer entscheidet der Preis

Eine weitere Befragung der Anbieter und Anwender zeigt jedoch, dass Preise und Honorare nicht das alleinige Kriterium bei der Wahl eines IT-Service-Providers sind. Noch wichtiger als die Kosten, ist den Anwendern die Umsetzungskompetenz (Grafik unten). Das belegt die Auswertung der Antworten auf die Frage: "Welche Eigenschaften sind nach Ihrer Erfahrung aus Kundensicht für die Wahl eines IT-Dienstleistungsunternehmen besonders wichtig?".

Die Anwender achten bei der Wahl ihres Partners auf Umsetzungskompetenz und auf den Preis. Die Anbieter denken, dass sie vor allem aufgrund ihrer Kompetenz verpflichtet werden.
Die Anwender achten bei der Wahl ihres Partners auf Umsetzungskompetenz und auf den Preis. Die Anbieter denken, dass sie vor allem aufgrund ihrer Kompetenz verpflichtet werden.
Foto: Lünendonk

Auch hier zeigen sich wieder einmal Unterschiede in der Bewertung, je nachdem ob der Provider oder der Kunde befragt wird. Die Anwender erachten alles in allem die Kosten als zweitwichtigstes Merkmal, wenn es um die Beurteilung eines Anbieters geht.

Die Anbieter wieder betonen zuvorderst ihre Kompetenz. Die Preisgestaltung - so glauben sie - spiele eine untergeordnete Rolle, wenn Kunden sich für sie entscheiden.