Web

 

Eric Raymond steigt um auf Ubuntu

23.02.2007
Eric Raymond, einflussreicher Entwickler und Mitgründer der Open Source Initiative, hat Red Hats Fedora-Projekt öffentlich abgewatscht und sich dafür bereits selbst wieder herbe Kritik eingehandelt.

Nach 13 Jahren als loyaler Red-Hat-Nutzer wechsle er jetzt auf Ubuntu Linux, schrieb Raymond an verschiedene hochrangige Linux-Mailing-Listen und Nachrichtendienste. Seinen Schritt begründete er mit verschiedenen technischen und Governance-Problemen rund um Fedora.

Fedoras ist Red Hats frei verfügbare Linux-Distribution. Diese steht in engem Zusammenhang zu den kommerziellen Angeboten des Linux-Distributors, indem sie als Testumgebung für neue Techniken dient, die später in Red Hat Enterprise Linux (RHEL) übernommen werden. Gleichzeitig soll es als Bindeglied zwischen Red Hat und der Entwickler-Community dienen. Seit es im Jahr 2003 das Red Hat Linux für Endnutzer ersetzen muss, hat es allerdings Kritik auf sich gezogen.

Auf diese bezieht sich auch Raymonds offener Brief. Dieser ist allerdings die bislang wohl schärfste Äußerung einer prominenten Open-Source-Persönlichkeit. "Über die letzten fünf Jahre hinweg habe ich Fedora wegwerfen sehen, was einst ein uneinholbarer Vorsprung bei technischer Leistung, Marktanteil und Community-Prestige war", klagt Raymond. "Es gab unzählige Fehler sowohl auf technischer wie auch auf politischer Ebene."

Die Liste der von Raymond angeführten Verfehlungen ist lang und reicht von der schlechten Pflege der Repositories über den Einreichungsprozess, die "stagnierende" Entwicklung von Red Hats Packaging-Technik "RPM", Governance-Probleme, fehlendes Streben nach Desktop-Marktanteil und mangelnde Integration proprietärer Medienformate bis hin zu dem allgemeineren Gefühl, Fedora verliere zusehends an Bedeutung.

"Die Kultur der Projekt-Kerngruppe ist immer ungesunder, nach innen gewandter, stärker insistierend auf die enge ideologische Reinheit der 'freien Software' und weiter entfernt von den technischen und evangelikalen Herausforderungen, denen man begegnen muss, um Linux zu einem weltverändernden Erfolg zu machen, der die Mehrheit der Computernutzer befreit", klagt Raymond. "Ich habe mitangesehen, wie Ubuntu auf diese Probleme reagiert und Fedora sich von ihnen abwendet."

Fedora will nur freie und quelloffene Komponenten integrieren und enthält deswegen zum Beispiel keine Codecs, mit denen Nutzer Windows-Media-Inhalte anschauen könnten (auch wenn sich diese nachinstallieren lasse). Ubuntus kommerzieller Sponsor Canonical dagegen habe kürzlich einen entsprechenden Lizenz-Deal mit Linspire ausgehandelt, über den Ubuntu Zugriff auf kommerzielle Codecs erhalte. Das beweise, so Raymond, dass Canonical und Ubuntu weiter vorausdenken.

"Canonicals Abkommen mit Linspire ist genau die Art von Ding, bei dem Red und Fedora die Führung hätten übernehmen können und sollen", schreibt Raymond weiter. "Dass sie das nicht getan haben, beweist eine fehlende Vision, von der ich glaube, dass sie Fedora künftig zu einem schrumpfenden Nischendasein verdammen wird."

Fedora habe überdies unter seiner doppelten Identität als einerseits Endnutzer- und Entwickler-orientierte Distribution und andererseits als Prüfstand für Red Hats kommerzielle Produkte gelitten. "Das Fedora-Projekt hat nie die Spannung überwunden zwischen Red Hats Business-Bedürfnis nach einem Anhängsel für die RHEL-Entwicklung und dem erklärten Ziel der Kerngruppe nach Community-Orientierung", so Raymond. "Das Ergebnis ist eine Soziologie, die zunehmend die nutzlosesten Features eines Unternehmensprojekts mit den nutzlosesten 'Schlangengruben'-Features der 'Community'-Politik kombiniert hat."

Solch harte Worte hört natürlich nicht jeder gern. Alan Cox zum Beispiel, ein wichtiger Linux-Entwickler und Red-Hat-Mitarbeiter, spielte in einer später in der Fedora-Entwicklerliste veröffentlichten Antwort auf die zugrunde liegenden Unterschiede zwischen Raymonds unternehmensfreundlicher "Open-Source"-Philosophie und der stärker ideologischen Bewegung für "freie Software" an, die vielen Linux-Verfechtern wichtig ist.

"Wir glauben an Freie Software und dass wir das Richtige tun (eine Praxis, die Du offenbar aufgegeben hast)", kritisiert Cox Raymond. "Vielleicht sollte der Begriff 'Open Source' anständigerweise dasselbe tun und zusammen mit Dir aussterben."

Es würde Fedora mehr schaden als nützen, wenn proprietäre Komponenten integriert würden, glaubt Cox. "Sobald Fedora nicht-freies Zeug enthält, wird es für all die Leute zum Problem, die es weiterverteilen und -nutzen; und in der proprietären Welt wird das unfair in den Augen all derer, die nicht berücksichtigt wurden." (tc)