Der zweite Platz reicht nicht

Ehrgeizig auf dem Weg an die Spitze

ist freier Journalist in München
Als moderner Dienstleistungsstandort hat sich Stuttgart von seiner einstigenindustriellen Prägung verabschiedet. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen finden ideale Rahmenbedingungen vor, die durch eine enge Kooperation zwischen Wirtschaft und Forschung geprägt sind.

An zündenden Ideen hat es der Region Stuttgart eigentlich noch nie gefehlt. So haben nicht nur findige Tüftler und Denker wie Gottlieb Daimler, Ferdinand Porsche oder Robert Bosch den Fortschritt ins Rollen gebracht. Auch der Urahne des Computers, die erste Rechenmaschine mit Räderwerk und Zehner-Übertragung, wurde hier erfunden und zwar 1623 von Wilhelm Schickhard - zwei Jahre bevor der berühmte Blaise Pascal sein Konzept einer intelligenten Maschine vorstellte.

Mit Einfallsreichtum, Fleiß und einem gewissen Sinn für Gründlichkeit hat sich die Region Stuttgart zu einem der führenden Wirtschaftsstandorte in Europa gemausert. Über eine Million Erwerbstätige erwirtschaften eine Bruttowertschöpfung von rund 140 Milliarden Mark - und das vorwiegend im produzierenden Gewerbe. Mit DaimlerChrysler, Porsche, Bosch, Neoplan und zahllosen Zulieferern ist die baden-württembergische Landeshauptstadt ein Zentrum des Automobilbaus.

Die Folgen einer entsprechenden Exportabhängigkeit bekam das einstige Musterländle durch den Wirtschaftseinbruch 1992/93 besonders hart zu spüren. Innerhalb weniger Jahre brachen über hunderttausend Arbeitsplätze weg. Aus dem Modell wirtschaftlichen Erfolgs wurde ein Anschauungsbeispiel folgenschwerer Strukturveränderung. In der Wertschöpfung begann sich das Verhältnis von exportabhängiger Produktion und Fahrzeugbau zum Dienstleistungssektor zu verschieben: von eins zu fünf in Richtung eins zu zwei.

Ein Großteil der im Produktionsbereich verlorenen Arbeitsplätze konnte so wieder ersetzt werden. Bislang haben sich 133 Verlage niedergelassen. Auch das neue Media-Forum an exponierter Stelle beim Hauptbahnhof soll der Stadt als Medienmetropole neue Impulse geben. Drei Krankenversicherungen, 13 Schadens- und Unfallversicherungen sowie sieben Lebensversicherungen machen Stuttgart zu einem wichtigen Standort der Versicherungswirtschaft. Insgesamt also ein ganzes Konglomerat von Anwendern, die rund 40 000 Arbeitsplätze im weiter gefaßten IT- und Kommunikationsbereich geschaffen haben, so Robert Hammel von der regionalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft.

Über 3000 kleine IT-Firmen

Für ihn ein Beweis, daß die Region schnell und richtig reagiert hat. Dabei gelte es, das vorhandene gewaltige Wirtschaftspotential für den Veränderungsprozeß zu nutzen. IT-Unternehmen wie IBM, Hewlett-Packard, Alcatel SEL, Debis Systemhaus oder der Service-Provider und Börsenneuling Debitel geben in Stuttgart den Ton an. Darin sieht Manfred Müller, bei der Industrie- und Handelskammer für Informations- und Kommunikationstechnologie zuständig, eine der großen Stärken der Region: Schließlich ziehe Kompetenz vor Ort weitere Unternehmen an.

Die Gesamtzahl kleiner und mittlerer IT-Unternehmen beläuft sich auf über 3000. Allein der Mediensektor hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. Laut einer 1998 von der Unternehmensberatung McKinsey vorgelegten Studie ist die Region mittlerweile zum Multimedia-Standort Nummer zwei avanciert und rückt nun München bedrohlich auf die Pelle. Entwicklung und Profil der Multimedia-Firmen sind symptomatisch für den IT-Bereich: Die Mehrzahl existiert erst seit wenigen Jahren, hat nicht mehr als fünf feste Mitarbeiter, verzeichnet starke Zuwächse und will kräftig expandieren.

Die Erfolge der vielzitierten "Innovationsoffensive" sind sichtbar, auch wenn ihre Geschwindigkeit von einigen Insidern gern als "langsames Erwachen" kritisiert wird. Dafür jedoch wird der Strukturwandel durch Stadt und Region gründlich begleitet, vorbereitet und vorangetrieben. Zum Beispiel die Telekommunikations-Infrastruktur, die von den Verantwortlichen selbst als "überdurchschnittlich gut" bewertet wird.

Bereits seit Jahren ist das Telefonnetz vollständig digitalisiert, zwei Drittel aller Haushalte sind multimedial über Breitbandkabel erreichbar, und die Region verfügt zudem über ein Datex-M-Hochleistungsnetz auf Glasfaserbasis mit Verbindungen zu den wichtigen europäischen Wirtschaftszentren. Zur Zeit experimentiert der örtliche Telekommunikationsanbieter tesion GmbH mit Datentransfers über die Stromleitung. Digital Powerline nennt sich das Projekt, das Internet aus der Steckdose bietet - angeblich 15mal schneller als per ISDN.

Speziell in Ludwigsburg, der Multimedia-Hochburg im Raum Stuttgart, soll demnächst alles, was mit Information, Kommunikation und Multimedia zu tun hat, lückenlos miteinander vernetzt werden. Die regionale Wirtschaftsförderung zeigt eben Ehrgeiz und will den Multimedia-Standort weiter vorantreiben: "Wir haben ein Potential, das sich nicht verstecken muß", heißt es dort, verbunden mit der Ankündigung, daß "das Ganze jetzt klar nach vorne gebracht werden muß" - das Ziel, doch noch Deutschlands Multimedia-Standort Nummer Eins zu werden, ist ja so weit nicht weg.

Das Land fördert Start Ups

Zur Nachwuchspflege wird von der Region Stuttgart zusammen mit privaten Unternehmen ein Preisgeld von insgesamt 30 000 Mark zur Verfügung gestellt - Startfinanzierung für besonders innovative, regionale Projekte. Zukunftsorientierte Firmengründungen werden durch das baden-württembergische Landesprogramm Lakra ( = Mittel der Landeskreditanstalt Baden-Württemberg) unterstützt: mit Darlehen bis zu einer Million Mark, bei drei Prozent Zinsen und acht Jahren Laufzeit - zwei davon sind tilgungsfrei. Das Besondere: Beim wichtigen Thema Sicherheiten ist eine Haftungsfreistellung über höchstens 50 000 Mark möglich. Weitere Anschubhilfen bietet die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft (MBG) mit Sitz in Stuttgart. Je nach Erfolgschancen und Innovationsgrad eines Vorhabens gibt es Beteiligungsmöglichkeiten oder Risikokapitalfonds. Gründung, Entwicklung und Markteinführung eines neuen Unternehmens werden so finanziell unterstützt.

Zusätzlich bietet das Land intensive Beratung während der ersten fünf Jahre. Auf Existenzgründer hat es die Stadt Stuttgart auch beim Projekt Step, dem Stuttgarter Technologie- und Engineering-Park, abgesehen. Ziel ist es, zusammen mit den verschiedensten Firmen im Bereich IT, Hochtechnologie und Beratung einige Kompetenzzentren zu errichten. Dazu stehen unweit der Universität im Stadtteil Vaihingen 13 Hektar Fläche zur Verfügung. Gerade Hochschulabsolventen können hier eine Heimat finden. Der Clou: Es werden nicht einfach fertige Gebäude bezogen, sondern die Bauabschnitte gestalten sich nach den spezifischen Bedürfnissen und Vorgaben der interessierten Firmen. Die Vorfinanzierung übernimmt die Landeskreditbank. Einen anderen Schwerpunkt bietet das Softwarezentrum in Böblingen. Große IT-Firmen unterstützen kleine und mittlere Softwarehäuser durch Hilfe zur Selbsthilfe. Die genannten Projekte sind lediglich ein kleiner Teil einer

ganzen Serie, die vielfach im Rahmen einer Public-Private-Partnership mit der Telekom AG verwirklicht werden.

Die Region Stuttgart kann bei ihrer Innovationsoffensive auf ein großes Potential an wissenschaftlicher Unterstützung zurückgreifen. Zwei Universitäten, insgesamt 13 Akademien und Fachhochschulen sowie zehn Forschungszentren, wie der Deutschen Forschungsanstalt für Luft und Raumfahrt und mehrerer Fraunhofer- und Max-Planck-Institute, sind in der Landeshauptstadt angesiedelt. In den vergangenen Jahren gingen Wissenschaft und Wirtschaft konsequent aufeinander zu und haben neue Formen der Kooperation gefunden. Beispielsweise erleichtert eine am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der Uni Hohenheim entwickelte Parlamentssoftware den Stuttgarter Gemeinderäten, sich online über Beschlußvorlagen zu beraten und auch ihre spärlich bemessene Zeit für die politische Arbeit zu Hause, unterwegs und im Parlament effektiver einzuteilen. Am Fraunhofer-Institut für Arbeit und Organisation (IAO) wurde ein Electronic-Commerce-Zentrum eingerichtet, um Unternehmen im

Bereich Business-to-Business unter die virtuellen Arme zu greifen. IAO-Institutsdirektor Klaus-Peter Fähnrich bringt den Vorteil der Region Stuttgart auf den Punkt: "Was uns auszeichnet, ist die Verbindung von Telekommunikation und unseren klassischen Stärken."

Diese Anwendungsbezogenheit machts also - damit ergänzen sich eben wieder Pragmatismus und der Sinn für Gründlichkeit. Ein gewisser Stolz auf das Erreichte ist nicht zu übersehen. So listet eine Studie des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg unter der Überschrift "Wo sind wir spitze?" gleich zehn Rubriken auf. Dazu gehören die Zahl der Medien- und IT-Projekte, der niedergelassenen High-Tech-Betriebe oder die Höhe der eingesetzten Landesmittel. Highlights gibt es tatsächlich im Ländle und sei es nur das erste Electronic-Commerce-Studium, multimediagestützt und weitgehend ortsunabhängig von der Berufsakademie in Heidenheim im Osten des Landes. Oder im Westen mit der Uni Karlsruhe, deren Top-Position im Ranking der Informatikwelt - wie vor zwei Jahren von der COMPUTERWOCHE ermittelt - durch eine neuerliche Untersuchung des Manager Magazins bestätigt wurde.

Im nationalen Vergleich muß sich der Südwesten und die Region Stuttgart also nicht verstecken. Oder mit den Worten von Hammel von der regionalen Wirtschaftsförderung: "Hier tut sich jede Menge, es wird nur nicht so laut gerufen wie anderswo."