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Die Folgen der großen Cloud-Verunsicherung

25.02.2014
Frank Sempert schreibt als Experte zu den Themen Cloud Ecosystem und Big Data/Advanced Analytics. Als Analyst und Berater ist er seit mehr als 10 Jahren (u.a. CEO CE Gartner) tätig, davor war er 20 Jahre CEO und President mehrerer internationaler IT-Unternehmen. Er ist Senior Program Executive Europe der Saugatuck Technology, Inc., einer US IT-Research Firm. Zudem ist er Vorsitzender des Beirates einiger innovativer, Deutschen Software-Unternehmen und engagiert sich in Vereinigungen, wie. z.B. der AmCham oder dem Wirtschaftsrat Deutschland.
Cloud Computing hat es gerade schwer. Wegen der NSA-Affäre investiert der Mit-telstand nicht in Cloud-Projekte und Provider entwickeln zu wenig neue Lösungen. Eine fatale Entwicklung.

Unter den Technologiethemen beherrscht in diesem Jahr die "Sicherheit" die Agenden, allerdings nicht nur wegen der NSA-Affäre. Die zunehmende Digitalisierung führt dazu, dass IT-Ausfälle und Sicherheitslücken für Unternehmen immer teurer und risikoreicher werden, so dass alle Anstrengungen unternommen werden, um Probleme zu vermeiden.

Die Folgen der großen Cloud-Verunsicherung
Die Folgen der großen Cloud-Verunsicherung
Foto: maldesowhat, Fotolia.com

Allerdings weckt der Weg in die Zukunft einer digitalen Welt Besorgnisse und Ängste. So ist es unvermeidbar, dass zunächst reale Themen wie eben die Sicherheit vorgezogen werden. Die Cloud wiederum ist kein Individuum, sondern Teil des Ganzen und somit in einem Boot zusammen mit Mobile, Cloud, Social & Advanced Analytics (MCSA) und wird kaum über Bord gehen können.

KPMG-Studie: Cloud-Projekte auf Eis gelegt

Unternehmen, weitestgehend SMBs, die Cloud in der Praxis einsetzen, berichten überwiegend, positive Erfahrungen gemacht zu haben. Alle Analysten prognostizieren auch weiterhin ein Wachstum des Cloud-Marktes. Doch die Enthüllungen über die Abhörmethoden der US-Geheimdienste haben viele Cloud-Nutzer nachdenklich gemacht. Immerhin 18 Prozent der beim aktuellen Cloud-Monitor der KPMG befragten Unternehmen haben geplante oder sogar bestehende Cloud-Projekte auf Eis gelegt.

Unter dem Strich ist der Einsatz von Cloud Computing in der deutschen Wirtschaft aber erneut gewachsen. 40 Prozent der Unternehmen nutzten 2013 die Technologie, im Jahr zuvor waren es 37 Prozent (Bitkom).

Bis zu 60 Prozent nehmen Abstand von Cloud Computing

Cloud verbreitet sich auch weltweit und trägt zur Agilität und neuen Geschäftsmodellen bei. Doch plant und investiert der Deutsche Mittelstand konform zu diesen industrieweiten Befragungsergebnissen? Das Geschehen um die NSA hat im Mittelstand in der Tat eine tiefe Delle des Wachstums der Cloud erzeugt. Anderen Studien zufolge haben bis zu 60 Prozent der typischen Mittelstandunternehmen zunächst Abstand von der Cloud genommen.

Vergleiche mit Ergebnissen aus weltweiten Surveys zeigen aber, dass SMBs hier weitaus aggressiver die Vorteile der Cloud nutzen beziehungsweise planen diese zu einzusetzen. Analysten sprechen davon, dass die internationalen SMBs bis etwa 2016 die maßgeblichen Wachstums-Treiber der Cloud-Verbreitung sein werden (Saugatuck). In dieser globalen Wirtschaft, die sich zu einer digitalen Wirtschaft wandeln wird, kann das Nachzügeln der Mittelständler durchaus als ein Nachteil für das Wachstum der Deutschen Wirtschaft werden.

Die Auswirkungen auf Cloud-Anbieter

Für die ISVs (Independent Software Vendor) in Deutschland sind die Zeiten härter geworden. Das Projektgeschäft mit On-premise-Software-Lösungen wächst nicht mehr, ist eher rückläufig. Und das Geschäft mit der Cloud, also weitestgehend SaaS-Lösungen anzubieten, zieht noch nicht richtig an. Auch die sogenannten Marktplätze für Cloud-Geschäftslösungen, eigentlich eine smarte Geschäftsidee - anprobieren, einkaufen und nutzen - haben zunächst mangels Nachfrage gefloppt.

Rückblickend auf die Cloud-Transition der ISVs stellt sich die Diskussion über Details des Überganges in die Cloud, um den Business-Kontext verstehen zu können. Dies dient als Rahmen für ein Verständnis der Möglichkeiten, denn die Cloud verändert alles - das betrifft sowohl den Anbieter als auch den Käufer:

  • Das Management einer Cloud-Business-Lösung ist nicht vergleichbar mit einer On-premise-Software

  • Die Natur der Lösung und die Ressourcen des ISV bestimmen den kritischen Pfad.

  • Es ist im Grunde nicht nur Cloud-Technologie, sondern auch die Architektur des "Grenzenlosen Unternehmens" setzt besondere Akzente.

  • Synergie ist entscheidend, aber nicht nur die Technik-Synergie

Der Übergang zur Cloud ist für die ISVs unvermeidlich. Mehr und mehr Unternehmen haben Cloud-first-Strategien implementiert, da immer weniger Gründe für einen Aufschub der Cloud existieren.

Unternehmen setzen international auf neue Architekturen, die dem "grenzenlosen Unternehmen" näher kommen. Sie beginnen damit, indem sie ihre Organisation überdenken und neu definieren, die Nutzung mobiler, sozialer und analytischer Technologien einzusetzen. Für den ISV ist diese Veränderung des Marktes allerdings sehr herausfordernd. Und für ISVs, die noch am Anfang des Weges stehen, macht jede ungenutzte Woche die Lernkurve immer steiler und anspruchsvoller.

Diese geschäftlichen und technologischen Herausforderungen werden sowohl Pure-Play-Start-ups wie etablierte, lokale ISVs beim Übergang in eine Cloud-fähige Umgebung beeinflussen. Der Erfolg in der Cloud ist immer von dem Wert einer Leistung bei kosteneffektiven Verfahren, verbunden mit effizienten Methoden des Managements, abhängig.

Besserung nicht vor Ende 2014

Zusammengefasst ergibt sich dieses Szenario: SMBs in Deutschland, von denen die Meisten ja bereits in geringem Maße Cloud-Lösungen einsetzen, sind in der Phase einer weiteren Annäherung an die Cloud durch den NSA-Skandal erheblich verunsichert worden, was Gefahren für ihre Daten betrifft.

Verglichen mit den USA, Asien aber auch den Scandics, fällt Deutschland mit seinen über zwei Millionen SMBs damit um wahrscheinlich 6 bis 9 Monate zurück. Es ist davon auszugehen, dass wirksames Zugehen des Mittelstandes auf die immer zahlreicheren Cloud-Lösungsangebote, erst gegen Ende 2014 wieder zunimmt.

Deutsche Internet-Infrastruktur Schlusslicht

Zudem gehört die deutsche Internet-Infrastruktur zu den Schlusslichtern der Industrienationen (Platz 27). Das veranlasste sogar den BDI dazu, diesen Rückstand als "gewaltig" zu bezeichnen. Die Boston Consulting Group spricht gar von verschenkten 120 Milliarden Euro Wachstum in Deutschland.

Schwere Zeiten für ISVs, die bereits Cloud-Lösungen anbieten können, denn der wichtigste Markt ist der Mittelstand; die meisten Lösungen sind sogar auf bestimmte Mittelstands-Sektoren zugeschnitten. Wer allerdings meint, das Abwarten war die richtige Entscheidung, der irrt.

Cloud-Transition dauert lang und kostet viel

Erfahrungsgemäß benötigt die Transition, die mit immensen Veränderungen einer Neuausrichtung in der Technologie, in Sales & Marketing, Partnering, und in der Organisation und Unternehmenskultur einhergeht, um die 18 Monate und Investitionen im 6 bis 7-stelligen Umfang.

Wenn die Bahn also gegen Ende des Jahres klingelt, können nur die ISVs aufspringen, die Lösungen anbieten. Die anderen müssen wohl bis 2016 warten, wobei sich der Markt in dieser Zeit volatile verhalten wird.

Mit anderen Worten, die Cloud lebt und wird zusammen mit ihren Schwestern und Brüdern (Mobile, Cloud, Social & Advanced Analytics) ein wohl langes IT-Leben erwarten können. Die mittelständischen Unternehmen in Deutschland zögern, Unternehmensdaten auszulagern, was wiederum Einfluss auf den Geschäftserfolg der ISVs hat. Die Mechaniken des Marktes werden dieses Problem zwar schon lösen, aber die Politik könnte helfen.