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Deutsche Bank: Kippt das Outsourcing-Projekt?

09.09.2002
Die Diskussion um die geplante IT-Auslagerung der Deutschen Bank wird schärfer. Arbeitnehmervertreter verlangen Beschäftigungsgarantien und verweisen auf negative Erfahrungen anderer Finanzkonzerne.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die Diskussion um die geplante IT-Auslagerung der Deutschen Bank wird schärfer. Arbeitnehmervertreter verlangen Beschäftigungsgarantien und verweisen auf negative Erfahrungen anderer Finanzkonzerne. Die Bank of Scotland bestätigte, einen milliardenschweren Outsourcing-Vertrag mit IBM rückgängig zu machen.

Offiziell dementiert die Deutsche Bank beharrlich. "Wir sind im Zeitplan", versicherte Unternehmenssprecher Ronald Weichert. Unternehmensinterne Quellen berichten dagegen von unerwarteten Problemen, die das angekündigte Outsourcing-Vorhaben zumindest verzögern würden. Mit einer Migration der betroffenen Rechenzentren könne frühestens im Februar 2003 begonnen werden. Eine Entscheidung, ob überhaupt IT-Funktionen ausgelagert werden, falle womöglich erst Ende 2002.

Nicht ausschließen wollte Weichert, dass die Netzdienste für den Bereich Privatkunden (PCAM) entgegen den ursprünglichen Plänen separat ausgegliedert werden. Über dieses Thema werde man möglicherweise noch einmal reden. Spekulationen, denen zufolge T-Systems als Kandidat dafür in Frage komme, kommentierte er nicht.

Entscheidung im dritten Quartal?

Die Deutsche Bank hatte im April erstmals bestätigt, über die Auslagerung der kontinentaleuropäischen IT-Infrastruktur nachzudenken. Betroffen wären etwa 1000 IT-Mitarbeiter, davon 750 in Deutschland. Anfang Juli erklärte das Unternehmen, IBMs Servicesparte Global Services (IGS) und CSC Ploenzke hätten sich in der ersten Ausschreibungsrunde gegen EDS, Accenture und T-Systems durchgesetzt. Eine endgültige Entscheidung wollte das Geldinstitut Ende des dritten Quartals bekannt geben.

Eine ursprünglich für den 27. August angesetzte Vorstandssitzung sei überraschend auf den 24. September verschoben worden, berichtete Peter Müller, Betriebsratsvorsitzender für den Standort Eschborn. Die Geschäftsleitung habe die Verzögerungen damit erklärt, stärker auf die Anliegen der betroffenen Beschäftigten eingehen zu wollen.

Dieses Zugeständnis ist offenbar nicht ganz freiwillig zustande gekommen. In einer Abteilungsversammlung am 20. August machten rund 300 der betroffenen IT-Mitarbeiter in Anwesenheit des Managements ihrem Ärger Luft. Für den Fall eines Betriebsübergangs formulierten sie einen umfangreichen Forderungskatalog, der unter anderem weitreichende Beschäftigungs- und Standortgarantien vorsieht.

Zwar müsste ein Dienstleister gemäß den gesetzlichen Regelungen ohnehin alle Beschäftigten übernehmen. Den Betroffenen gehe es aber vor allem um die Frage, wie lange der neue Arbeitgeber danach auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet, sagt Müller. Die Gewerkschafter fordern zehn Jahre oder mindestens die Dauer der Vertragslaufzeit, die fünf oder zehn Jahre betragen könne. Sollten zu viele IT-Spezialisten einen Arbeitgeberwechsel ablehnen, könnte das Outsourcing-Projekt kippen.

Für einigen Unmut in der Frankfurter Chefetage dürfte zudem eine Mail des Betriebsrats an Vorstand und Aufsichtsrat gesorgt haben. Darin verweisen Müller und seine Kollegen an den Standorten Hamburg und Düsseldorf auf diverse negative Erfahrungen anderer Großbanken mit der IT-Auslagerung. So habe etwa die Halifax Bank of Scotland (HBOS) entschieden, den Outsourcing-Vertrag mit IBM zum August 2003 zu kündigen. Die Bank werde den RZ-Betrieb künftig inhouse weiterführen. HBOS-Sprecher Mark Elliott bestätigte dies gegenüber der COMPUTERWOCHE.

Besonders pikant ist die Entscheidung, weil IBM den Vertrag im Juni 2000 als einen der größten Outsourcing-Deals in Europa feierte. Über eine Laufzeit von zehn Jahren ab September 2000 sollte das Vertragsvolumen insgesamt rund eine Milliarde Dollar betragen. Elliott verwies in diesem Zusammenhang auf die im September 2001 abgeschlossene Fusion der Bank of Scotland mit dem Finanzkonzern Halifax. Dieser habe die zentrale IT seit jeher in Eigenregie betrieben. In dem neu entstandenen Unternehmen trage Halifax mit zwei Dritteln die Hauptlast der erforderlichen Großrechnerkapazität.

Dennoch ließ das Management nach dem Merger eine komplette Auslagerung des Mainframe-Betriebs prüfen. Dabei haben laut Elliott in erster Linie Kosten- und Personalaspekte eine Rolle gespielt. Ein Ergebnis lautete, dass ein vollständiger Inhouse-Betrieb im Vergleich zur derzeitigen Mischkonstellation sogar geringfügig mehr Kosten einsparen würde als eine vollständige Auslagerung. Diese Aussage dürfte auch den IT-Verantwortlichen im Vorstand der Deutschen Bank, Hermann-Josef Lamberti, interessieren. Denn er verspricht sich von "seinem" Outsourcing-Vorhaben Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe pro Jahr.

Ausschlaggebend für die Halifax Bank of Scotland waren allerdings nicht die Kosten, sondern die größeren Kontrollmöglichkeiten im Inhouse-Betrieb, betonte Elliott. Darüber hinaus sei man zu dem Schluss gekommen, dass eine Wiedereingliederung der bisher von IBM bezogenen Funktionen die Geschäftsprozesse insgesamt weniger stören würde als eine komplette Auslagerung.

Wenig Erfreuliches berichten die deutschen Gewerkschafter auch über CSC, dem Mutterkonzern der deutschen CSC Ploenzke. Zwischen dem US-Dientsleister und dessen Outsourcing-Referenzkunden Nortel Networks sei es zu erheblichen Differenzen gekommen, schreiben die Betriebsräte, ohne allerdings die Quelle dieser Information zu nennen.

Eine Sprecherin von CSC Ploenzke in Wiesbaden wies diese Darstellung zurück. "Über die Gerüchte um eine eventuell gestörte Beziehung zum Kunden Nortel Networks sind wir ziemlich erstaunt." CSC kommentiere Kundenbeziehungen generell nicht, die Partnerschaft mit Nortel betrachte man als stabil.

Bank of Scotland kein Einzelfall

Dass die Entscheidung der Halifax Bank of Scotland kein Einzelfall ist, beobachten US-Analysten schon seit längerem. Gartner beispielsweise schätzt, dass 80 Prozent der großen Outsourcing-Deals nicht die gewünschten betriebswirtschaftlichen Ziele erreichen und deshalb entweder frühzeitig beendet oder stark modifiziert werden. Gerade Großkonzerne betrachteten Outsourcing-Projekte zunehmend kritisch, kommentiert die IDC-Analystin Kathy Benson: "Einige Unternehmen, die ihre gesamte IT-Abteilung ausgelagert haben, beginnen damit, Teilfunktionen wieder einzugliedern."

Wie ernst die Deutsche Bank die Bedenken der Arbeitnehmervertreter nimmt, wird sich wohl erst in den kommenden Wochen zeigen. Bislang habe man keine Reaktion des Managements erhalten, sagt Müller. Ob der Outsourcing-Deal überhaupt zustande kommt, ist für ihn angesichts der schlechten Erfahrungen anderer Unternehmen noch längst nicht ausgemacht: "Diese Fakten kann der Vorstand nicht einfach vom Tisch wischen." (wh)