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Der traditionelle Mainframe wird aussortiert

02.10.2002
Der Mainframe wird umso attraktiver, je weniger er mit den proprietären Großrechnern vergangener Zeiten gemein hat. Hersteller nutzen mittlerweile Standardhardware für ihre Hosts, Anwender setzen auf offene Technologien.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der Mainframe wird umso attraktiver, je weniger er mit den proprietären Großrechnern vergangener Zeiten gemein hat. Hersteller nutzen mittlerweile Standardhardware für ihre Host-Systeme, die Anwender setzen auf plattformunabhängige Programme und offene Technologien, bringen die Mainframes ins Internet und öffnen sie für neue Anwendungen. Der traditionell genutzte Host ist bald Vergangenheit.

An die Zukunft ihrer klimatisierten Boliden im Keller glauben selbst die bekanntermaßen treuen Mainframe-Kunden nicht mehr richtig. "Eine Reihe von Anwendern denkt zurzeit über einen Plattformwechsel nach und trifft Vorbereitungen, zum Beispiel indem die Hauptanwendungen plattformübergreifend weiterentwickelt werden", beobachtet Johann Kramler, Leiter des BS2000-Arbeitskreises bei der Siemens-Anwendervereinigung Save. Und auch der IBM-Anwender Ludwig Oberhammer, Bereichsleiter Systemtechnik bei der rgb - Rechenzentrale Bayerischer Genossenschaften eG, hat den Wandel schon in Angriff genommen: "Neue Software und Erweiterungen unserer Legacy-Programme entwickeln wir in Java, um von der zSeries-Plattform unabhängiger zu werden.“

Es gibt kaum noch Host-Betreiber, die sich nicht mit neuen Technologien wie Linux, Java und Internet beschäftigen. Die "Monster im Keller" (Computerwoche online berichtete) mutieren. "Heute kauft kein Anwender mehr einen Mainframe, ohne Linux darauf laufen zu lassen. Reine z/OS-Umgebungen verschwinden, und ich gehe davon aus, dass es sie in einigen Jahren nicht mehr geben wird", ist sich Herbert Kurzfeld, Produkt-Marketing- und Business-Development-Manager bei Comparex, sicher.

Die Ära der proprietären Systeme neigt sich dem Ende zu. Selbst der Marktführer IBM glaubt nicht mehr an ihre Zukunft. "Für IBM ist der Mainframe kein proprietärer Zentralrechner mehr, sondern ein hochleistungsfähiger Multiplattform-Server", bemüht sich Karl-Georg Martin, Chefberater zSeries bei der IBM Deutschland GmbH, um eine neue Definition der Plattform. Auch künftige Entwicklungen sollen in diese Richtung gehen. Die Server-Linien der IBM werden sich weiter annähern.

Schon heute kommen die Prozessoren von i- und pServern aus der gleichen Entwicklung. Festplatten und Netzanbindung sind standardisiert und fast beliebig zwischen den Rechnerwelten austauschbar. Dieser Trend wird sich fortsetzen. "In den nächsten Jahren werden Highend-Unix-Systeme sehr viele Eigenschaften erhalten, die heute noch ein Alleinstellungsmerkmal von Mainframes sind, vor allem in den Bereichen Verfügbarkeit, Performance und Funktionalität", ist Kurzfeld überzeugt. Darauf würden alle Hersteller hinarbeiten.

Das beobachtet auch das Beratungsunternehmen Gartner: "Obwohl die Risc/Unix-Systeme die Betriebssicherheit, Verfügbarkeit und Verwaltbarkeit von Mainframes erst noch erreichen müssen, wachsen die Technologien der Plattformen immer mehr zusammen“, registriert Samina Malik, Analystin bei Gartner Dataquest. Diese Offenheit fordern auch die Anwender. "Um BS2000 bei unseren Kunden attraktiv zu halten, müssen wir die Integration in neue und zumeist heterogene IT-Landschaften fördern“, erläutert Rolf Strotmann, Leiter des Geschäftsbereichs BS2000 bei Fujitsu-Siemens Computers (FSC). Wie IBM setzt FSC dabei auf Standardtechniken. In ihren Maschinen ist SAN-Integration vorbereitet, sie verfügen über Standard-Fibre-Channel-Anschlüsse und Sparc-Prozessoren. "Hierzu gehört auch, dass auf einigen BS2000-Systemen

gleichzeitig Solaris als Betriebssystem gefahren werden kann."

Der Grund für die Standardisierungsbestrebungen ist einfach. "Im Mainframe-Bereich gibt es kaum Neukundengeschäft", gesteht Strotmann. Die Hersteller leben fast ausschließlich von den Bestandskunden. Zum Beispiel hat IBM im vergangenen Jahr weltweit nur 75 Neukunden für zSeries-Rechner gewonnen - kaum der Rede wert bei rund 10.000 Bestandskunden.

Bestandskunden stehen im Fokus

Daher tun die Mainframe-Hersteller alles, um ihre bestehenden Kunden nicht zu verprellen. "Vor allem Anwender wie Finanzämter, Rentenversicherungsträger oder Polizei-Rechenzentren verwenden Programme, die schon sehr lange im Einsatz sind und beständig für den jeweiligen Einsatzzweck weiterentwickelt wurden. Diese selbst entwickelten Lösungen lassen sich nicht so ohne weiteres ersetzen oder ablösen", stellt Kramler klar. Dementsprechend beeilen sich die Hersteller, trotz stagnierender Umsätze die Kunden zu beruhigen.

"Die heute zur Verfügung stehenden Betriebssystem-Ausprägungen wird es auf lange absehbare Zeit weiter geben", versichert IBM-Berater Martin, "Investitionsschutz ist eines der wichtigsten Kundenbetreuungsmerkmale bei der IBM." Zum Beispiel sind auch alte Programme für das 31-Bit-Betriebssystem "OS/390" unter der neuen 64-Bit-Variante z/OS lauffähig - direkt, ohne Neuübersetzung oder Anpassung.

"Wir sorgen dafür, dass auch die zum Teil über 20 Jahre alten Anwendungen künftig lauffähig bleiben", gelobt Martin. Fujitsu-Siemens geht noch einen Schritt weiter. "FSC sichert Kunden zu, BS2000 noch mindestens zehn Jahre fortzuentwickeln“, berichtet BS2000-Anwendervertreter Kramler, und macht deutlich: "Dieser Zeitraum ist deshalb nötig, weil der Wechsel auf eine andere Plattform nicht selten fünf bis zehn Jahre erfordert.“

Gartner erwartet ebenfalls, dass alle großen Mainframe-Hersteller ihre Produkte weiterentwickeln werden, so die Prognose in einer Research Note. Selbst Kunden der drei bedeutendsten Nicht-IBM-Mainframe-Hersteller könnten beruhigt bei ihren Systemen bleiben: Bull, FSC und Unisys würden an den Produkten festhalten und sie fortentwickeln. Das Geschäft damit schrumpfe zwar, sei aber profitabel.

Doch trotz aller Zusicherungen wenden sich einige Anwender von der Plattform ab - hauptsächlich der Kosten wegen. Der Server-Hersteller Sun bietet Mainframe-Kunden an, bestehende Legacy-Anwendungen auf den hauseigenen Rechnersystemen zu betreiben. Weltweit haben bereits 300 Anwender davon Gebrauch gemacht und ihre Applikationen im Rehosting-Verfahren auf Sun-Rechner migriert. Die Basis bildet eine CICS-Implementierung speziell für das Betriebssystem Solaris, die kompatibel zum Mainframe-CICS ist.

Die Nachfrage nach dem Angebot ist in der jüngeren Zeit deutlich angestiegen. Grund dafür dürften die knappen IT-Budgets sein. "Mainframe-Anwender, die über eine Migration nachdenken, wollen vor allem die Kosten reduzieren“, beobachtet Frank Selbach, Produkt-Marketing-Manager Enterprise Server bei Sun. Durch das Rehosting sollen sich die Betriebsausgaben um 50 Prozent oder mehr reduzieren lassen. Und auch bei der Leistungsfähigkeit braucht sich Sun nicht zu verstecken. Eine Sun Fire 15k kann bei einer Rehosting-Anwendung eine Leistung von geschätzten 6400 Mainframe-Mips erreichen, behauptet Sun. Das wäre mehr, als selbst die leistungsfähigsten Mainframes heute zur Verfügung stellen.

Kaum Neukundengeschäft und Abwanderungstendenzen der bestehenden Klientel - kein Wunder, dass der Umsatz in diesem Segment zurückgeht. Dataquest, die Marktforschungstochter von Gartner, erwartet, dass der Umsatz mit proprietären Highend-Server-Systemen in Westeuropa in den kommenden Jahren im Schnitt um sieben Prozent pro Jahr sinken wird - vor allem auf Kosten von Unix-basierenden Systemen. Das liegt nach Ansicht der Analysten auch daran, dass Risc/Unix-Server deutliche Technologiefortschritte gemacht haben, zum Beispiel in den Bereichen Lastverteilung, Partitionierung und Clustering, früher ausschließlich Mainframe-Domänen.

Die Nachfrage nach den Boliden kommt primär aus dem Kreis der Bestandskunden, die vor allem zugreifen, wenn neue Maschinen auf den Markt gelangen. Dementsprechend ist der Umsatz mit proprietären Systemen auch sehr zyklisch: Während er im Jahr 2000 weltweit über alle Hersteller gerechnet um 27 Prozent gesunken ist, stieg er 2001 um zwölf Prozent, weil IBM im vierten Quartal 2000 mit dem Verkauf der neuen zSeries-Rechner begonnen hat.

Doch obwohl das Großrechnergeschäftschwächelt, sind die Anbieter mit ihren Verkäufen ausgesprochen zufrieden. "Das Bestandsgeschäft bietet erfreuliche Wachstumsperspektiven mit interessanten Margen", stellt FSC-Mann Strotmann klar. Bei IBM, so schätzt Gartner Dataquest, trägt das Mainframe-Geschäft 30 Prozent zum Umsatz in Westeuropa bei. Doch das allein reicht zumindest der IBM nicht. Während FSC seinen BS2000-Kunden eine Ablaufplattform für bestehende Anwendungen bieten will und der Portierung neuer Anwendungen skeptisch gegenübersteht, schlägt IBM einen anderen Weg ein. Der ITAnbieter hat in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um neue Anwendungen auf die Großrechnerplattformen zu migrieren. So können zum Beispiel die hauseigenen Softwarelösungen Websphere und Lotus Notes sowie SAPs R/3 unter z/OS betrieben werden.

Die Strategie zeigt Erfolg. "Unsere zSeries-Systeme werden nicht nur für Legacy-Anwendungen eingesetzt", erläutert Martin, "über 40 Prozent der neu verkauften Rechnerleistung dienen dem Betrieb von neuen Anwendungen wie Linux-Lösungen, SAP, Lotus Notes und Websphere.“ Eingerechnet sind dabei allerdingsauch die Systeme, bei denen nur die Datenhaltung auf dem Mainframe erfolgt, während die Anwendung selbst auf anderen Servern betrieben wird.

Linux soll Kosten reduzieren

Aber immerhin: Bereits ein Fünftel der im zweiten Quartal dieses Jahres ausgelieferten Rechenleistung wird mittlerweile für Linux genutzt. Davon versprechen sich viele Anwender auch eine Kostenreduzierung. "Die Preise für Software sind auf dem Mainframe zu hoch“, kritisiert Christoph Laube, Regional Manager bei der deutschen Sektion der Anwendervereinigung Guide Share Europe (GSE). Das gelte insbesondere auch für Drittanbieterprodukte.

Die leistungsstarken Boliden auf diese Weise attraktiv zu halten, kommt den Anwendern entgegen. Diese mögen ihre Mainframes nämlich nicht nur wegen der bestehenden Legacy-Anwendungen, sondern auch, weil sie damit dem Rechnerdschungel in ihren IT-Abteilungen ein Ende setzen können. "Die Konsolidierung verschiedener Server-Systeme in einem Rechner bewegt viele Anwender, einen Mainframe einzusetzen, auf dem sich z/OS- und Linux-Anwendungen parallel betreiben lassen", beobachtet Kurzfeld.

Auch die Firmenvertreter sehen darin ein gutes Geschäft. So stellt der BS2000-Chef bei FSC, Strotmann, klar: "Bei großen Anwendern mit heterogenen Rechnerumgebungen zeigt sich immer deutlicher, dass die Vielfalt der Systeme schwer zu verwalten und damit im Unterhalt teuer ist." Total Cost of Ownership sei aber bei den Kunden zurzeit das bestimmende Thema. "Das treibt viele unserer Kunden dazu, ihre Anwendungen auf großen Servern wie der BS2000 zu konsolidieren." Voraussetzung ist, dass der Preis stimmt.

Doch das ist bei proprietären Systemen oft fraglich. Zu oft haben Anwender die Erfahrung gemacht, dass ihre Abhängigkeit von den Herstellern ausgenutzt wurde. Die Benutzer wollen die Wahl - und sind bereit, dafür auch den Preis zu zahlen. "Wir fahren eine Zwei-Hersteller-Strategie", beschreibt IT-Leiter Oberhammer seinen Ansatz. "Nur so kann die Unabhängigkeit vom IT-Lieferanten sichergestellt werden - auch wenn man sich das manchmal etwas teurer erkaufen muss.“ (mo)