Mobile World Congress 2017

Den Smartphone-Herstellern gehen die Ideen aus

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Nachdem die Möglichkeiten der Hardware weitgehend ausgereizt sind, besinnen sie sich viele Smartphone-Hersteller auf alte Marken und Werte. Oder holen sich einen virtuellen Assistenten zu Hilfe.

Womöglich war ja doch das Fernbleiben von Samsungs neuem Flaggschiff Galaxy S8 daran schuld, dass es auf dem diesjährigen Mobile World Congress, in Boulevardmedien oft als weltgrößte Handy-Messe deklassiert, keine wirklichen technischen Sensationen bei den Smartphones gab.

So hatte sich etwa LG nach dem modularen Smartphone-Flop G5 bei der Entwicklung ihres aktuellen Flaggschiffs "Usability and Comfort" als oberste Prämisse auf die Fahnen geschrieben. Zu den größten Neuerungen beim LG G6 gehört entsprechend "nur" ein Display im Format von 18:9, das die User-Anwendung Nummer 1, das Abspielen von Videos, optimal unterstützen soll. Außerdem gelang es LG dank eines besonders schmalen Rahmens, das 5,7-Zoll-Display in ein typisches 5,2-Zoll-Gehäuse zu verbauen.

Wie schon bei den Vorgängermodellen legte LG auch beim G6 wieder großen Wert auf die Kameraentwicklung. So können die User bei der dualen 13 Megapixel Hauptkamera zwischen Standard- und Weitwinkelmodus wählen. Die 5-Megapixel-Frontkamera des G6 wiederum verfügt über einen 100-Grad-Winkel und erspart so Anwesenden den Anblick von Selfie-Sticks. Eher mau sieht es dagegen beim eingesetzten Chipsatz aus: Nachdem angeblich Samsung die erste Charge des neuen superstarken Snapdragon 835 für sein Galaxy S8 reserviert hat, kommt beim G6 noch der nicht eben leistungsschwache Snapdragon 821 vom Vorjahr zum Einsatz.

Dem iPhone dicht an den Fersen

Auch der mittlerweile drittgrößte Smartphone-Hersteller Huawei hielt bei seinem neuen Flaggschiffen P10 und P10 Plus technisch den Ball eher flach: Highlight des P10 sind beiden Leica-Kameras auf der Rückseite, bestehend aus einem 20-Megapixel-Monochrom-Sensor und einem 12-Megapixel-Farbsensor. Beim Schießen eines Fotos bildet das SW-Bild die Basis, anschließend fügt die Software die Farbinformationen hinzu. Dadurch soll die Kamera deutlich bessere Kontraste und natürliche Farben erreichen.

Die 8-Megapixel-Frontkamera stammt ebenfalls von Leica. Als Besonderheit erkennt sie bei Selfie-Aufnahmen, wenn eine Gruppenaufnahme gemacht wird und schaltet automatisch in den Weitwinkelmodus. Unter der Haube werkelt der Octa-Core-Prozessor Kirin 960, der bereits mit Huawei Mate 9 zum Einsatz kommt und mit 4 GB RAM als Unterstützung über jede Kritik erhaben ist. Als Betriebssystem nutzen P10 und P10 Plus Android 7.0 mit EMUI 5.1, Huaweis hauseigene Benutzeroberfläche mit iOS-Anmutung.

Auch was die Optik anbelangt, können die beiden Geräte eine gewisse Ähnlichkeit mit Apples iPhones nicht verheimlichen, zumal nun der Fingerprint-Sensor wieder nach vorne in eine Mulde unterhalb des Displays gewandert ist. Fairerweise muss man aber hinzufügen, dass Huawei versucht, gewisse iPhone-Features noch zu übertreffen. So ist etwa die Baugröße von iPhone 7 und P10 fast identisch, allerdings ist das Display des Huawei-Geräts dank schmalerer Ränder mit 5,1 Zoll deutlich größer.

Amazon Alexa an Bord

Angeblich arbeiten die Chinesen auch an einem Siri-ähnlichen virtuellen Assistenten für das P10 - ein anderer Trend des diesjährigen MWC, um sich an der Menge an Android-Smartphones vorbei ins Rampenlicht zu drängen. So präsentierte die Lenovo-Tochter Motorola Mobility mit dem Moto G5 und dem Moto G5 Plus nun zwei preisgünstige Mittelklasse-Smartphones mit integriertem Google Assistant, ein Feature das bislang nur dem hochpreisigen Pixel-Smartphones von Google vorbehalten war. Weitere Modelle mit integriertem Google Assistant sollen folgen, wobei Deutsch als zweite Sprache neben Englisch von Beginn an unterstützt sein wird.

Der Internet-Riese geht damit in die Offensive beim Wettbewerb mit Amazon, der sein Pendant Alexa ebenfalls in Smartphones unterbringen will. Bereits auf der Messe kündigte Motorola einen Amazon Alexa Mod für das modulare Moto Z an. In späteren Devices soll Alexa fest integriert sein, so dass der Nutzer womöglich gleich zwei Assistenten an Bord hat.

Blackberry KEYone lockt mit alten Tugenden

Angesichts dieser nicht gerade spektakulären Neuvorstellungen ist es nicht überraschend, dass auf dem diesjährigen MWC auch Geräte in den Vordergrund rückten, die unter anderen Umständen - zu Recht oder Unrecht - wohl nur wenig Interesse erzeugt hätten. So etwa das BlackBerry KEYone vom chinesische Markenlizenznehmer TCL Communication. Das Android-Gerät im Retro-Look soll mit klassischen Blackberry-Werten wie Sicherheit, Zuverlässigkeit, langer Akku-Laufzeit und nicht zu vergessen einer physischen Tastatur punkten. Gleichzeitig verspricht TCL aber auch "alle großartigen Eigenschaften eines leistungsstarken Smartphones wie ein hervorragendes Display und eine grandiose Kamera".

Um Volltastatur und ein relativ großes Display zu kombinieren, wurde das KEYone mit einem 4,5-Zoll-Bildschirm im ungewöhnlichen 3:2-Format ausgestattet. Und auch das von vielen Touchscreen-Nutzern als antiquiert angesehene Tastatursystem wurde überarbeitet: Das Smart Keyboard reagiert auf Berührungen ganz in der Tradition des BlackBerry Trackpads, außerdem kann man in dem Keyboard für jede Taste einen Shortcut festlegen (z.B. "M" für Mail), in die Leertaste wurde ein Fingerabdrucksensor integriert.

Last, but not least ließ TCL dem KEYone die gleichen Sicherheitsmaßnahmen angedeihen wie bereits beim Blackberry DTEK 50 und DTEK 60 - angefangen vom Hinzufügen von Sicherheitsschlüsseln in den Prozessor bei der Fertigung bis hin zu einem sicheren Betriebssystem (Android 7.1) und der Garantie monatlicher Updates. Ob das Gerät zu einem Erfolg wird, bleibt angesichts der mittlerweile überschaubaren Fangemeinde für Volltastaturen und dem sportlichen Preis von knapp 600 Euro abzuwarten.

Ich trage einen bekannten Namen ...

Der MWC war Schauplatz für den Comeback der einst weltbekannten Handy-Marke Nokia. HMD Global, Lizenznehmer von Nokia und ebenfalls in finnischen Espoo ansässig, stellte drei neue Smartphones vor: Das bereits in China verfügbare Nokia 6 sowie die kleineren und (noch) günstigeren Android-Smartphones Nokia 5 und Nokia 3.

Die neuen Nokia-Smartphones laufen mit Android 7 (Nougat) und kommen unter anderem bereits mit dem Google Assistant. Außerdem verspricht HMD Global monatliche Sicherheits-Updates für die Geräte. Das Nokia 3 ist ein preiswertes 5-Zoll-Smartphone, das für 139 Euro immerhin 2 GB RAM, 16 GB Speicher, einen Quad-Core-Prozessor und 8MP-Kameras vorne und hinten bietet. Das Nokia 5 wiederum kommt mit einem Snapdragon 430, einem 5,2-Zoll-HD-Display, 2GB RAM und 16 GB Speicherplatz, einer 13MP-Frontkamera und kostet rund 190 Euro.

Vom Nokia 6 mit 5,5-Zoll-Full-HD-Display und Snapdragon 430 werden zwei Versionen angeboten: Das Standardmodell besitzt Dual-Lautsprecher und Dolby Atmos Technologie, 3 GB RAM und 32 GB Speicher und soll 229 Euro kosten. Für 70 Euro mehr gibt es die Nokia 6 Arte Black Limited Edition mit 64 GB Speicher und 4 GB RAM. Beide Varianten besitzen eine 16MP-Kamera hinten und eine 8MP-Frontkamera. Die Hülle besteht beim Nokia 3 aus Polycarbonat, Nokia 5 und 6 sind in 6000er Aluminium eingekleidet.

Der billige, nicht sehr smarte Plastikbomber Nokia 3310 war eines der Highlights des MWC
Der billige, nicht sehr smarte Plastikbomber Nokia 3310 war eines der Highlights des MWC
Foto: HMD Global

Zusammen mit den neuen Smartphones brachte HMD Global auch einen modernen Klassiker zurück - das im Design überarbeitete Nokia 3310. Die Neuauflage eines der meistverkauften Feature-Phones aller Zeiten verspricht 22 Stunden Telefonie und eine Stand-by-Zeit von einem Monat. Dank eines Verkaufspreises von unter 50 Euro ist das Gerät auch in Industrieländern als Zwei- oder Dritthandy interessant. Betrachtet man von dem Medienrummel um das Gerät und den Menschenauflauf am Messestand, war das Nokia 3310 eines der Highlights des Mobile World Congress - ein Umstand, der nicht nur Smartphone-Herstellern zu denken geben sollte…

 

Thomas

Mir ist es ein Rätsel, warum manche ständig neue Smartphones brauchen. Ein mittelschnelles 5,5" Smartphone das die aktuellen Standards wie LTE, NFC unterstützt, eine gute Kamera hat, wo der Akku lange hällt und ein relativ aktuelles System hat, vielleicht noch mit Gorilla Glas, das keine Kratzer bekommt, Wechsel-Akku und SD-Karte - das kann man viele Jahre ohne Einschränkungen nutzen.

Vielleicht beim Kauf etwas mehr auf die technischen Daten in Verbindung mit dem eigenen Bedarf und etwas weniger auf das Marketing der Anbieter hören.

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