Trotz Sicherheitssorgen

Den deutschen Mittelstand zieht es in die Cloud

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Der Mittelstand ist auf dem Weg in die Cloud ein gutes Stück vorangekommen, so zeigt eine repräsentative Marktstudie. Die Betriebe versprechen sich davon mehr Flexibilität und Agilität - nicht so sehr Kosteneffekte. Die Sorge um die IT-Sicherheit ist allerdings nicht gewichen.

Noch immer sind es Sicherheitsvorbehalte, die Mittelständler (hier in der Definition 20 bis 2500 Mitarbeiter) zögern lassen. 63 Prozent der Entscheider sehen in Security-Bedenken die größte Hürde auf dem Weg in die Cloud, immer noch 49 Prozent nennen den Datenschutz als größte Bremse. Jeder fünfte IT-Entscheider glaubt allerdings, dass Public-, Private- und Hybrid-Cloud-Umgebungen bereits sicherer geworden sind.

Zu diesen und vielen anderen Ergebnissen kommt die repräsentative Marktstudie "Multi-Cloud-Management im deutschen Mittelstand". Herausgeber ist das Beratungs- und Marktforschungsunternehmen Crisp Research in Kassel. Unterstützt wurde die Studie von der Nexinto GmbH, einem Hamburger Anbieter von IT-Sourcing-Lösungen, der aber keinen Einfluss auf die Umfrage genommen hat.

Befragt wurden 222 mittelständische deutsche Betriebe aus verschiedenen Branchen und Größenklassen im Zeitraum von August bis Oktober 2015. Von ihnen setzen sich 185 aktiv mit dem Thema Cloud Computing auseinander. Immerhin 150 Firmen umfasst der Kreis derer, die sich nicht nur mit der Private Cloud beschäftigen, sondern auch mit Public-, Hybrid- und Multi-Cloud-Umgebungen.

85 Prozent planen oder implementieren Cloud-Lösungen

Collaboration und E-Mail sind klassische Funktionen, die in die Cloud wandern.
Collaboration und E-Mail sind klassische Funktionen, die in die Cloud wandern.

Über 85 Prozent der Mittelständler befinden sich derzeit in der Phase der aktiven Planung und Implementierung oder schon im produktiven Betrieb von Cloud-Services und -Technologien. Dabei identifiziert Crisp 25,2 Prozent als "Cloud-Profis": Bei ihnen ist die Cloud fester Bestandteil der IT-Strategie oder wird bereits im IT-Betrieb eingesetzt. Knapp ein weiteres Drittel (32,9 Prozent) lässt sich der Gruppe der "Einsteiger" zuordnen. Sie betreiben Cloud-Lösungen im Rahmen erster Projekte und Workloads. Etwas weniger als ein Drittel (27 Prozent) der Befragten plant und evaluiert gegenwärtig die Angebote, gehört also zu den "Cloud-Planern".

Damit sind nur noch 15 Prozent der Mittelständler "Cloud-Verweigerer". Die Studienautoren kommentieren: "Für diese Gruppe drängt sich die Frage auf, wie sie ihr Unternehmen im Rahmen der Umgestaltung der Geschäftsprozesse und -modelle auf IT-Infrastrukturebene aufstellen wollen."

Multi-Cloud ist Trumpf

Auf Basis von sogenannten Multi-Cloud-Umgebungen gehen immer mehr Unternehmen dazu über, Infrastruktur-, Plattform- und Software-Services von mehreren Anbietern zu beziehen. Das sorgt für eine größere Vielfalt und unterstützt die Innovationsfähigkeit. Allerdings fördert dieser Ansatz auch die Komplexität, da Integrationsaufgaben anfallen und Cloud-Management und -Betrieb komplexer werden.

Amazon, Microsoft und SAP sind die bevorzugten Cloud-Anbieter.
Amazon, Microsoft und SAP sind die bevorzugten Cloud-Anbieter.

Umfrage zu CRM in der Cloud

Gut ein Drittel der Befragten gibt an, Applikationen und Systeme innerhalb einer eigenen Private-Cloud-Umgebung zu betreiben. Hierbei handelt es sich vorwiegend um Unternehmen aus der oberen Größenklasse (1001 bis 2500 Mitarbeiter). Die Public Cloud kommt bei 27,5 Prozent zum Einsatz - insbesondere bei den kleinen (20 bis 100 Mitarbeiter) und den mittelgroßen Betrieben (501 bis 1000 Mitarbeiter). Die Hybrid- und Multi-Cloud-Formen sind mit einem Viertel (25,9 Prozent) beziehungsweise einem Achtel (12,7 Prozent) unter den Befragten schwächer besetzt, was sich mit der hohen Komplexität der Integration und den dafür notwendigen Kenntnissen erklären lässt.


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Laut Crisp Research ergibt sich allerdings für die Zukunft ein anderes Bild: Der reine Public Cloud-Einsatz wird von 27,5 Prozent auf 10,6 Prozent schrumpfen, die reine Private Cloud-Nutzung geht von 33,9 Prozent auf 20,6 Prozent zurück. Profitieren werden Hybrid- (von 25,9 Prozent auf 32,8 Prozent) und Multi-Cloud-Umgebungen (von 12,7 Prozent auf 36 Prozent).

Kompromisslinie Hybrid Cloud

Werkzeuge für das Public-Cloud-Management: VMware bevorzugt.
Werkzeuge für das Public-Cloud-Management: VMware bevorzugt.

Cloud-Nutzer, die heute verstärkt auf eine reine Private Cloud setzen, streben also künftig ein hybrides Modell an. IT-Entscheider mit einer heutigen Affinität zu einer reinen Public-Cloud-Nutzung tendieren verstärkt in Richtung von Hybrid- und Multi-Clouds.

Laut Crisp lässt sich festhalten, dass mittelständische IT-Entscheider Vielfalt wünschen, um Services und Innovationskraft über eine größere Menge von Cloud-Anbietern einzukaufen. Private Clouds stoßen hierbei schnell an ihre Grenzen und bieten nicht die Vorteile einer Public Cloud. Andererseits ist es oft nicht möglich, in jedem Fall aber riskant, auf einen One-Stop-Shop-Anbieter aus der Public Cloud zu setzen, der alle Anforderungen und Wünsche erfüllen soll. Ein Mix aus beiden Welten führt zum Erfolg, was den hybriden Ansatz beziehungsweise das Multi-Cloud-Szenario so attraktiv macht.

Was treibt die Betriebe in Cloud-Umgebungen?

Crisp wollte auch wissen, was die Betriebe in die Cloud treibt. Unter den fortgeschrittenen, die auf Hybrid- und Multi-Cloud-Modelle setzen, sind es vorwiegend die steigenden Kundenanforderungen (47,3 Prozent). Den Analysten zufolge ist das naheliegend, ließen sich doch vor allem "Customer-Facing-Lösungen" ideal über eine Public-Cloud bereitstellen und in einem hybriden Ansatz mit mehreren anderen Cloud-Lösungen integrieren. Weitere Aspekte sind Innovationsgeschwindigkeit (44 Prozent) und die Digitalisierung des Unternehmens (43,3 Prozent).

Die IT-Abteilungen und die Geschäftsführungen halten das Heft in der Hand - weniger die Fachbereiche.
Die IT-Abteilungen und die Geschäftsführungen halten das Heft in der Hand - weniger die Fachbereiche.

Zwar sind es in den meisten Fällen die IT-Abteilungen, die den Einsatz von Cloud-Lösungen vorantreiben (66,7 Prozent), aber nicht nur. Immerhin sorgen auch 26,7 Prozent der Unternehmenslenker dafür, dass moderne IT-Infrastrukturen zum Einsatz kommen. Sicher hängt das auch damit zusammen, dass viele kleinere Mittelständler gar nicht über eine IT-Abteilung verfügen. Hier laufen alle Fäden in den Händen des Geschäftsführers zusammen. Erstaunlich ist dagegen, dass nur 18,7 Prozent der von IT-Herstellern so gerne adressierten Fachabteilungen das Cloud-Thema treiben.

Vorurteile in Sachen Sicherheit

Crisp Research betont, dass die von knapp zwei Dritteln der Befragten gezeigte Sicherheitsskepsis überzogen sei. Die zugrundeliegenden Infrastrukturen der Cloud-Anbieter genügten weitestgehend den neuesten Standards. Gezielte Angriffe seien von den Cloud-Anbieter zwar nicht immer abzuwehren, dennoch seien die technischen Maßnahmen, mit denen sich Datensicherheit gewährleisten lässt, meistens gut ausgeschöpft.

Berechtigte Vorbehalte wegen Datenschutz

Anders verhält es sich mit dem Datenschutz - ein leidiges Thema, das Cloud-Skeptiker zu Recht anführen. Crisp verweist darauf dass Provider wie Amazon Web Services, Microsoft und Google strengen Auflagen der US-Regierung unterlägen und Daten nur selten nach deutschem beziehungsweise europäischem Recht halten könnten. Daran ändere auch die Existenz eines deutschen Rechenzentrums nichts, auch wenn Cloud-Anbieter dieses als wichtiges Zugeständnis für den deutschen Markt verkauften. Spätestens nachdem das Safe-Harbor-Abkommen vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) für nichtig erklärt wurde, müsse klar sein, dass vor allem Workloads mit personenbezogenen Daten nicht in die Public Cloud eines amerikanischen Betreibers verlagert werden dürften.

Crisp mahnt beispielsweise Banken, ihre sensiblen Operationen in einer eigenen, geschlossenen Infrastruktur zu betreiben. Hierfür eigneten sich hybride Konzepte, bei denen die weniger heiklen Workloads in einer leistungsfähigen "Dynamic IT" betrieben werden könnten. Für Workloads, die dagegen eine Vielzahl persönlicher, schutzbedürftiger und geschäftskritischer Daten einschließen, seien eigene Infrastrukturen besser, die in einer abgeschlossenen "Static-IT-Umgebung" ihren Platz finden sollten.

Für 25 Prozent der Entscheider ist auch die Komplexität eine Herausforderung im Rahmen der Umsetzung der Cloud-Strategie. Dies gilt insbesondere dann, wenn Hybrid- und Multi-Cloud-Szenarien aufgebaut werden sollen. Gerade dort sind der ganzheitliche Aufbau und die Integration nicht trivial.