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CW extraKT: Vernetzte Kommunikation zum Nulltarif

28.05.2002
Aus der neuen CW extra: Mit Hilfe von Weblogs lässt sich unmittelbar mit Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern kommunizieren - der Community-Gedanke lebt wieder auf.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Am kommenden Freitag erscheint die neue Ausgabe der "COMPUTERWOCHE extra" unter dem Motto "E-Business ist Business". Als kleinen Appetithappen bieten wir Ihnen schon heute einen Artikel von Matthew Langham* zum Thema Weblogs exklusiv vorab.

Mit Hilfe von Weblogs lässt sich unmittelbar mit Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern kommunizieren - der Community-Gedanke lebt wieder auf. Für das Kunden-Management bietet sich dadurch eine direkte und offene Ansprache.

Bereits 1999 formulierten die Autoren des "Cluetrain Manifests" 95 Thesen die das Ende vom "Business as usual" bedeuten sollten - zuerst als Website, später dann als Buch. Etwas weniger reißerisch formuliert, sind die Thesen selbst eine Beschreibung der notwendigen Veränderungen die im Geschäftsleben zu vollziehen sind, um nicht als Unternehmen irgendwann in einem Chatroom oder auf einer Hass-Seite im Web von Kunden und/oder Mitarbeitern "niedergemacht" zu werden.

Das Cluetrain-Manifest stellt vor allen Dingen die unmittelbare Kommunikation der verschiedenen Marktteilnehmer in den Vordergrund. Eine Kommunikation die sich nicht hinter Pressemitteilungen, Hochglanzbroschüren oder nichts sagenden Web-Auftritten versteckt, sondern auf direktem Wege und ungefiltert geführt wird. Gerade die wieder populär gewordenen Weblogs bieten hierfür eine geeignete technische Plattform.

Weblogs sind grundsätzlich keine neue Erfindung. Es handelt sich bei einem Weblog wie zum Beispiel http://www.need-a-cake.com um nichts anderes als eine chronologisch geordnete Homepage. Die neuesten Beiträge stehen oben und somit erinnert ein Weblog auch sehr stark an ein Tagebuch. Tatsächlich werden Weblogs sehr oft verwendet, um Homepages mit täglich wechselndem Inhalt zu füllen.

Obwohl es diese Form des Webjournals schon seit vielen Jahren gibt, gewannen sie - zumindest in Amerika - schlagartig mit dem 11. September 2001 an Bedeutung. Da viele Amerikaner unmittelbar ihre Gefühle über die Terroranschläge äußern wollten, griffen sie zum Medium des Weblogs. Der große Vorteil eines Weblogs liegt darin, dass der Veröffentlichungsvorgang, im Vergleich zur Erstellung einer normalen Homepage, bedeutend einfacher von statten geht.

One-Button-Publishing

Dank der Entwicklungen von Weblog-Pionieren wie Pyra oder Userland ist das Einrichten eines "Blogs" - wie Weblogs meistens abgekürzt werden - und das Veröffentlichen von Einträgen sehr einfach: Es reicht der Klick eines Buttons nachdem man in einem einfachen Formular seinen Text angegeben hat. Mit diesem Editiervorgang legt man nur den Inhalt (Content) fest. Das Aussehen des Weblogs wird separat konfiguriert und die hierfür notwendigen Layout-Dateien werden auf dem Server getrennt gehalten. Somit kann sich der angehende Web-Journalist auf das wichtigste konzentrieren - die Message.

Nun mag bis hierhin noch nicht erkennbar sein wo genau die Vorteile eines Weblogs für den Aufbau vernetzter Kommunikationsstrukturen liegen. Hierzu ist es notwendig, sich mit der Philosophie zu beschäftigen, die hinter dieser Technik steckt. Durch die einfache Art und Weise Informationen zu veröffentlichen und auf Information mittels URL zu verlinken, wird die ursprünglichste Eigenschaft des Webs unmittelbar zum Aufbau von vernetzten Seiten verwendet.

So entstehen Weblogs zu speziellen Themen wie etwa Wireless-LAN-Technologien (80211b.weblogger.com) oder ein Support-Weblog für "Microsoft Frontpage" unter radio.weblogs.com/0103924. Der interessierte Leser muss dann nicht mehr alle Websites zu diesen Themen durchforsten - er kann sich auf das Lesen des Weblogs beschränken. Der Autor des Weblogs fungiert als Redakteur oder Filter für dieses Thema. Somit entsteht so etwas wie ein Vertrauensnetz - denn die Leser des Weblogs trauen dem Autor zu, offen und unabhängig über das Thema zu berichten. Führen die Leser selbst Weblogs, so verlinken sie dann auf diese themenspezifischen Weblogs - und machen sie dadurch bekannt. Gleichzeitig erhöht die Anzahl an Verweisen auch die Relevanz des Themenlogs - eine Eigenschaft, die von Suchmaschinen wie Google genutzt wird, um die Rangfolge eines Suchergebnisses zu

bestimmen. Im Falle von Google wurde der Missbrauch dieser Tatsache als "Google-Bombing" bekannt. So ist es möglich über das eigene Weblog als Experte für ein beliebiges Thema zu gelten - wenn nur genug andere Weblogs darauf verweisen.

Durch diese einfache Möglichkeit des Verlinkens lassen sich ganze Wissens-Netze aufbauen. So sind zum Beispiel die Weblogs der bekannten Web-Services-Gurus durch gegenseitige Verweise miteinander verbunden. Das Weblog des IBM-Mitarbeiters und Apache-Mitglieds Sam Ruby (radio.weblogs.com/1011679) zeigt auf das Weblog des Microsoft-Mitarbeiters und .Net-Guru Keiths Ballinger unter www.keithba.com/blog). Dadurch, dass die Autoren die anderen Journale regelmäßig lesen und darauf antworten, entstehen Diskussionen, die mittels der verschiedenen Weblogs abgehalten werden. Das interessante daran ist, dass hier Mitarbeiter der Firmen Microsoft, IBM sowie Projektmitarbeiter der Open Source Gemeinde Apache unmittelbar - wenn auch indirekt - miteinander reden, Gedanken austauschen und sich über Themen wie neue Standards oder Weiterentwicklungen unterhalten. Gerade hier zeigen

sich die Möglichkeiten, wie sich mittels Weblog vorgegebene Unternehmensgrenzen überwinden lassen.

Nicht dass eine Konversation dieser Kollegen untereinander neu wäre - sie hätten sich auch per Mailing-Liste austauschen können - aber die Verwendung des Webs als Kommunikationsmedium erlaubt eine offenere und detailreichere Kommunikation mittels HTML, Links und Bildern. Zudem sind die Weblogs öffentlich und können daher auch von anderen Weblog-Autoren referenziert und zitiert werden.

Verändertes Zuhören

Bei der diesjährigen Veranstaltung PC Forum zeigte sich, wie das Weblogging auch öffentliche Konferenzen beeinflussen kann. So waren bei einer Podiumsdiskussion laut Veranstalter die Hälfte der 500 Zuhörer mittels Wireless LAN online. Einige der Teilnehmer "blogten" und kommentierten während einer Podiumsdiskussion die Aussagen der Teilnehmer in ihrem Weblog. Die Zuhörer lasen auch gegenseitig die Weblogs und versorgten sich so mit Informationen um die entsprechenden Fragen zu stellen.

Durch die Vielzahl der vorhandenen Weblogs ist es allerdings schwierig, den Überblick zu behalten. Hilfreich ist die Website www.weblogs.com. Auf dieser Website findet man eine laufend aktualisierte Übersicht der Weblogs die sich gerade geändert haben. Stellt man einen neuen Beitrag auf dem Weblog bereit, wird das zentrale Verzeichnis entsprechend benachrichtigt.

Tools und Services

Das eigene Weblog ist auf blogger.com mit wenigen Klicks eingerichtet.

Die Möglichkeiten, einen öffentlichen Weblog zu führen sind sehr vielfältig. Recht einfach geht es bei "blogger.com" - Anmelden, Layout einrichten und schon kann es losgehen. Wer ein wenig Werbung in Kauf nimmt, muss dafür nichts bezahlen. Die Blogging-Oberfläche läuft innerhalb des Browsers und es gibt kleinere Tools, die die Übernahme von Inhalten aus anderen Web-Seiten auf sehr einfache Art und Weise ermöglichen (etwa das BlogThis!-"Bookmarklet", zu finden unter: www.blogger.com/howto/blogthis.pyra). Der eingerichtete Blog ist dann wie eine Website über das Internet erreichbar und muss nur noch regelmäßig mit Inhalt gefüllt werden.

Neben der Eingabe von Beiträgen mittels der Browseroberfläche gibt es auch einen auf XML-RPC basierenden Zugang zu Blogger. Das Blogger-API findet inzwischen auch Eingang in eigene Blogging-Clients, die damit das Blogging auch ohne Browser ermöglichen.

Einen etwas anderen Weg als Pyra verfolgt Dave Winer, Gründer und Chef der Firma Userland. Mit der Bereitstellung eines kostenpflichtigen Client-Produkts "Radio" für 39 Dollar pro Arbeitsplatz, bietet Userland neben dem reinen Weblogging diverse interessante Möglichkeiten, Informationen aus dem Internet zu beziehen und innerhalb einer einheitlichen Oberfläche anzuzeigen. Die Weblogging-Oberfläche von Radio läuft in einem Browser und erlaubt die komfortable Eingabe der Weblog-typischen Beiträge. Innerhalb der Anwendung lassen sich auch die verschiedenen Layout-Templates zuordnen und anpassen. Kernpunkt der Zusatzfunktionen ist aber das Abonnieren von Nachrichten im RSS-Format (RSS-Feeds). Da Radio auch die Weblogs im RSS-Format veröffentlicht, lassen sie sich ebenfalls abonnieren.

Wer linkt mich?

Radio bietet neben dem Update von weblogs.com auch eigene Informationsquellen, die für die Formierung von Weblog-Gruppen interessant sind. So kann man unter subhonker6.userland.com/rcsPublic/ranking nachsehen welche Radio-Weblogs am häufigsten gelesen werden. Klickt man auf ein bestimmtes Weblog kann man dann auch erkennen woher die Leser gekommen sind. Dies wird ermöglicht durch die Erfassung der Referrer-Information, die der Browser mitschickt. Gerade diese Information lässt erkennen, welche anderen Weblogs-Verweise auf das eigene Weblog haben.

Eigene Weblog-Infrastrukturen

Als kostenloses Add-on bietet Userland seit einigen Wochen den Radio Community Server (RCS) an. Dieses Modul wird in eine laufende Version von Radio installiert und erweitert das Produkt um Hosting-Fähigkeiten. Damit lassen sich dann auch eigene Weblog-Strukturen innerhalb von Unternehmen aufbauen, ohne dass die Weblogs auf öffentlich zugänglichen Servern abgelegt werden müssen.

Dave Winer gehört zu den Initiatoren der XML-RPC- und SOAP-Spezifikationen. So wundert es nicht, dass das Radio-Produkt eine einfache Integration von Web-Services mittels dieser beiden Protokollen ermöglicht. Das Einbinden eines Web-Services ist denkbar einfach und erfolgt durch die Angabe eines entsprechenden Radio-Makros an der richtigen Stelle im Template für die Seite. So war Radio das erste Produkt, das in der Lage war, das kürzlich von Google freigegebene SOAP-API für die Suche einem großen Benutzerkreis verfügbar zu machen. Es wundert daher auch nicht, dass viele Radio-Weblogs wenige Stunden nach der Freigabe bereits mit "Google-Boxes" ausgestattet waren.

Knowledge Management

Es existieren auch Ansätze Weblogs als Knowledge-Management-Tool einzusetzen. Diese sogenannten K-Logs wie sie unter groups.yahoo.com/group/klogs diskutiert werden sollen gerade innerhalb von Unternehmen und als Basis für Projektkommunikation eingesetzt werden. Neben den bereits dargelegten Eigenschaften kann ein K-Log auch dazu dienen, den aktuellen Projektstatus zu kommunizieren, den Inhalt aus relevanten E-Mails zu publizieren und auf wichtige Informationen und/oder Dokumente zu verlinken. Durch die Integration externer Datenquellen mittels RSS oder als Web-Service kann ein K-Log als zentrale Informationsquelle innerhalb eines Projekts eingesetzt werden. Als Zugang reicht dann für jedes Projektmitglied der Browser.

Die Menge der Weblogs steigt täglich. So ist es keine Seltenheit mehr, wenn von verschiedenen Ereignissen wie der diesjährigen Oscar-Verleihung gleich mehrere Weblogs live berichten. Die Zunahme an drahtlose Kommunikationsmöglichkeiten fördert zudem die ortsunabhängige Führung eines Weblogs, zum Beispiel von einer Konferenz oder Sportveranstaltung. Sicherlich bedeutet die Menge an Weblogs nicht gleich auch eine höhere Qualität der Webseiten, aber der Einsatz dieser Technologie, um die Konversation verschiedener Gruppen insbesondere zwischen Kunde und Lieferant untereinander zu fördern, könnte das ermöglichen was Locke, Weinberger, Searls und Levine in ihrem Manifest in Bezug auf die Kommunikation zwischen Märkte und Unternehmen als erste These schrieben: "Markets are conversations".

* Matthew Langham ist seit über zehn Jahren bei der S&N AG, Paderborn beschäftigt und leitet dort das Open Source Competence Center. Kontakt: mlangham@s-und-n.de