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CTIA Wireless 2000

29.02.2000
Ein Rundumschlag von der US-Mobilfunkmesse

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Zeitgleich zur CeBIT in Hannover trifft sich in diesen Tagen in New Orleans die Mobilfunk- und Internet-Welt zur Wireless 2000, der Hausmesse der Cellular Telecommunications Industry Association (CTIA). Dort gab es ein Fülle interessanter Ankündigungen.

Microsoft stellte in Person von Chief Software Architect Bill Gates seinen neuen drahtlosen Internet-Dienst "MSN Mobile 2.0" vor. Dieser kommt im Gegensatz zum Vorgänger interaktiv daher. Möglich sind unter anderem der Empfang von E-Mails, die Abfrage von Börsenkursen oder die digitale Reiseplanung über das hauseigenen Internet-Reisebüro Expedia. Nutzer können zuvor auf ihrem Desktop-Rechner persönliche Vorlieben festlegen, um zu verhindern, dass ihr Handheld mit unerwünschten Informationen zugemüllt wird. "Wir geben dem Nutzer die Kontrolle zurück. Das ist sehr, sehr wichtig", erklärte Gates in seiner Keynote-Ansprache. Als technische Partner für die ab April dieses Jahres geplante Verbreitung der Inhalte stehen Nextel Communications und die Vodafone-Airtouch-Tochter Airtouch Communications bereits fest. Eine Reihe weiterer Kooperationen - Gerüchte kursierten im Vorfeld unter anderem über Sprint PCS, AT&T sowie BT (CW Infonet berichtete) - sind offenbar noch in der Mache.

Darüber hinaus kündigte Gates eine Kooperation mit Qualcomm an, Erfinder des US-Mobilfunkstandards CDMA (Code Division Multiple Access). Die beiden Unternehmen wollen gemeinsam Hard- und Softwarespezifikationen für drahtlose Multimedia-Geräte entwickeln. Konkret geht es bei der Zusammenarbeit um Handys mit Microsofts Microbrowser "Mobile Explorer" und Handheld-Rechner, die ihre Netzwerkverbindung über Qualcomms CDMA-Modem "iMSM 4100" aufbauen.

Gates trat auf der Veranstaltung generell als Freund des Mobile Computing auf. Mit GPRS (Global Packet Radio Services) und den kommenden Mobilfunknetzen der dritten Generation sei bald die nötige Bandbreite verfügbar, um richtig im Web zu surfen und auch Audio- und Videodaten zu übertragen. Das sei zweifellos eine Riesenchance für Software-Entwickler. "Microsoft will dabei sein, um die Anwendungen zu entwickeln", kündigte Gates an, der den Wireless-Markt offenbar nicht in gleicher Weise verschlafen will, wie das mit dem Internet vor ein paar Jahren um ein Haar passiert wäre.

Auch Online-Gigant America Online (AOL) drängt mit Macht in den Mobilfunkmarkt. Das Unternehmen aus Dulles, Virginia, kündigte mit "AOL Wireless" den bis dato wohl wichtigsten Bereich seiner Initiative "AOL everywhere" an. Es handelt sich dabei um einen Informationsdienst für WAP-Handys (Wireless Application Protocol), der E-Mail, Nachrichten, Stock Quotes, Wetterberichte etc. überträgt und damit inhaltlich ganz ähnlich gelagert ist wie das neue Microsoft-Angebot. Ein erster Test von AOL Wireless soll im Sommer beginnen, technischer Partner ist zunächst Sprint PCS.

Auf Produktseite stellte AOL mit dem "Mobile Messenger" eine Handy-Version seiner populären Instant-Messaging-Software "AOL Instant Messenger" (AIM) vor. Sowohl Marktführer Nokia als auch Motorola haben ihre Unterstützung für das Produkt bereits angekündigt. Analysten reagierten allerdings eher skeptisch auf die Ankündigung und stellten die berechtigte Frage, warum jemand eine Instant Message von seinem Handy aus verschicken sollte, wenn er ebenso gut telefonieren oder eine Short Message (SMS) senden könne.

Interessanter könnte da schon sein, was AOL gegenüber "Computergram" erstmals offiziell zugab: Die Company entwickelt offenbar derzeit eine Version des eigenen Browsers (= Netscape) für den Einsatz in Mobiltelefonen - eine Ankündigung, die angesichts der Anstrengungen von Microsoft, den "Mobile Explorer" in den Markt zu drücken, besonders bedeutsam erscheint, wenngleich sie nicht unbedingt überraschend kommt.

Für den europäischen Markt ohne Bedeutung sind die Announcements von AOL im Bereich Two-Way-Pagers: Motorola und das kanadische Unternehmen Research in Motion wollen Funkrufempfänger entwickeln, die das AOL-Logo tragen und als "AOL Mobile Messenger" vermarktet werden sollen. Last but not least gab der Online-Riese seinen Beitritt zur Industrieallianz WAP Forum bekannt, die sich die Weiterentwicklung und Vermarktung des Wireless Application Protocol auf die Fahnen geschrieben hat.

William Kennard, Chef der US-Fernmeldeaufsicht FCC (Federal Communications Commission), schlug auf der Wireless 2000 vor, die Industrie solle eine spezielle "Börse" einrichten, um bislang ungenutzte Bereiche des Frequenzspektrums zu handeln. Die FCC hat große Bereiche des insgesamt zur Verfügung stehenden Wellenbereichs an Privatunternehmen vergeben. Nicht selten aber, so der FCC-Boss, lägen die entsprechende Frequenzen einfach brach. Hier solle man sich ein Beispiel an den Festnetzanbietern nehmen, die ungenutzte Kapazitäten bereits eifrig auf branchenspezifischen "Spot-Märkten" kauften und verkauften. "Die größte Herausforderung der Industrie ist heute der Bedarf nach mehr Spektrum", so Kennard. "Die Nachfrage übertrifft das Angebot bei weitem."

E-Commerce-Tausendsassa Amazon.com kündigte ein neues Internet-Portal an, dass speziell auf die beschränkten Darstellungsmöglichkeiten und Geschwindigkeiten von Handy-Kunden ausgelegt ist. Schon zuvor konnten Besitzer eines "Palm-VII"-Handheld und bestimmter Mobiltelefone von Sprint PCS bei Amazon.com einkaufen, nun soll der elektronische Handel mit jedem WAP-Handy möglich sein.

Vodafone will seine nicht zuletzt durch die Akquisition von Mannesmann enorme Reichweite nutzen. Unternehmenschef Chris Gent kündigte in New Orleans einen europaweiten Einheitstarif an, der später sogar weltweit offeriert werden soll. Auf dem alten Kontinent sollen entsprechende Preismodelle bereits in der zweiten Hälfte dieses Jahres realisiert werden, sagte Gent, der allerdings noch keine weiteren Details ausführen wollte.

IBM hat mit dem "Websphere Transcoding Publisher" eine Server-Software in petto, die vorhandene Web-Inhalte individuell an die Fähigkeiten mobiler Endgeräte anpasst und entsprechend aufbereitet. Unter anderem ist das Produkt laut Marketing-Director John Prial (Division Pervasive Computing) in der Lage, Grafiken aus Web-Seiten herauszufiltern oder stärker zu komprimieren. Ferner, so Prial, arbeite man unter Hochdruck an einer "Client-Server"-Version der Spracherkennung "Viavoice", bei der die eigentliche Arbeit auf dem Server erledigt wird und damit der Speicher- und Leistungshunger der Endgeräte in Maßen hält. Konkurrent Lernout & Hauspie geht übrigens mit seiner Anwendung "Voice Express", die standalone auf dem jeweiligen Client arbeitet, einen vollkommen anderen Weg.

AT&T-Ableger Lucent will ab Ende März unter dem Namen "Orinoco" eine Reihe neuer Netzwerk-Kits auf den Markt bringen, mit denen Endkunden sowie kleine und mittlere Unternehmen ihre PCs, Macintosh-Rechner und Peripheriegeräte drahtlos miteinander vernetzen können. Das Konzept ähnelt der "Airport"-Technik, die Lucent für und zusammen mit Apple entwickelt hatte. Diese besteht aus Basisstationen, die mehrere Endgeräte mit Daten versorgen, in denen jeweils eine Empfängerkarte steckt. Im vergangenen Herbst hatte Lucent bereits die entsprechende Technik für Großanwender vorgestellt.

Die Startup-Company Ziplip stellte in New Orleans einen neuartigen Service vor, über den Besitzer eines PDAs (Personal Digital Assistant) oder Mobiltelefons verschlüsselte E-Mails senden und empfangen können.

Der japanische Carrier NTT Mobile Communications Network (NTT DoCoMo) präsentierte ein neuartiges Abrechnungsmodell für Datendienste. Mobilfunkkunden zahlen beim sogenannten "i-Mode" keinen Pauschalpreis mehr, sondern eine niedrige Grundgebühr und einen zusätzlichen Betrag pro verschicktem Datenpaket. Von 28 Millionen Kunden haben sich bereits 4,5 Millionen für den i-Mode entschieden. Die populärste Anwendung ist allerdings derzeit noch der Download eines täglich neuen Cartoons...