App-Technik statt Branchenlösung

Comarch baut auf ERR-Lösungen nach Maß

06.03.2013 | von Daniela Hoffmann (Autor) 
Daniela Hoffmann
Daniela Hoffmann ist freie IT-Fachjournalistin in Berlin.
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Das polnische Softwarehaus Comarch hat von den SoftM-Wurzeln Abschied genommen. Mit Comarch ERP Enterprise, ehemals Semiramis, und einer Financial-Lösung konzentriert sich der Hersteller branchenunabhängig auf den deutschen ERP-Markt. Jetzt will Comarch auch ins Public-Cloud-Geschäft einsteigen.
Christoph Kurpinski, Vorstand der Comarch Software und Beratung AG.
Christoph Kurpinski, Vorstand der Comarch Software und Beratung AG.
Foto: Comarch

2008 hatte das polnische Unternehmen Comarch die Münchner SoftM AG übernommen. Zu deren Produktpalette zählte die "SoftM Suite", eine Finanz- und Personallösung von Schilling und die ERP-Lösung "Semiramis" der insolventen KTW. "Ein kunterbunt gemischter Laden mit Produkten, die nicht zueinanderpassten", resümiert Christoph Kurpinski, seit September 2011 Vorstand der Comarch Software und Beratung AG. "Wir unterstützen die SoftM Suite, Schilling Finanzbuchhaltung und HR weiterhin, allerdings migrieren immer mehr Kunden auf unsere neuen Produkte", so Kurpinski. "Obwohl es immer noch iSeries-Fans gibt, stellt sich die Frage, wie lange das System noch am Markt existieren wird." Aus Semiramis wurde "Comarch ERP Enterprise", das einzig verbliebene SoftM-Produkt, das einzeln weiter vermarktet wird.

Foto: alphaspirit, Shutterstock.com

3600 Mitarbeiter sind insgesamt für das Softwarehaus tätig, die Mehrzahl davon im Entwicklungsumfeld in Polen. 85 Prozent der Umsätze werden mit eigenen Produkten und Dienstleistungen erwirtschaftet, etwas mehr als die Hälfte davon in Polen, an zweiter Stelle steht die DACH-Region. Der hierzulande unbekanntere Teil von Comarch ist spezialisiert auf Telekommunikationsanbieter wie O2 oder E-Plus sowie auf Banken. "Wir sind kein Global Player, sondern konzentrieren uns auf den deutschsprachigen Raum und gehen bei Bedarf mit den Kunden ins Ausland", erklärt Kurpinski. Die Software könne alle Sprachen und Zeichensätze unterstützen. Wenn ein Kunde in einem bestimmten Land Support braucht, suche man dort Partner. Erklärtes Ziel ist die Positionierung als Universaldienstleister in Zentraleuropa. Hier hat der Anbieter auch Großbritannien und Frankreich auf der Agenda.

Das ERP-Spektrum vervollständigen

Um das Portfolio zu vervollständigen, entwickelte der polnische Anbieter auf der gleichen technischen Basis eine Finanzlösung. Auch beim Thema Enterprise-Content-Management sah Comarch eine Lücke und kaufte Infostore, eine IBM-Lösung, die auf iSeries lief. Anschließend baute Comarch die Software in Java nach und integrierte sie mit den ERP- und Finanzanwendungen. "Wir sehen ECM nicht als Teil vom ERP-System. Freigabeprozesse, Workflows und die Integration in die Office-Welt gehen über ERP hinaus", erklärt der Comarch-Vorstand. Gegenwärtig entwickelt das Softwarehaus eine Lohnbuchhaltung, die ERP und Financial ergänzen soll und als Preview verfügbar ist.

Matthias Zacher, Senior Consultant beim Marktforschungsinstitut IDC.
Matthias Zacher, Senior Consultant beim Marktforschungsinstitut IDC.
Foto: IDC

"Grundsätzlich kann man sagen, dass nach einer relativ langen Entwicklungszeit jetzt eine solide Basis vorhanden ist", sagt Matthias Zacher, Senior Consultant beim Marktforschungsinstitut IDC. Damit sei Comarch Enterprise eine der wenigen, nativ auf moderner Technologie (Java) komplett neu entwickelten ERP-II-Lösungen im Markt. Der ERP-Anbieter, so meint Karsten Sontow, Vorstand der Trovarit AG, hat bewiesen, dass er ernsthaft in die Weiterentwicklung des Portfolios investiert hat: "Dass es Comarch mit dem eigenen Finanzmodul relativ schnell so weit gebracht hat, ist etwas Besonderes." Die Entwicklung einer Finanzanwendung, so Sontow, sei eine echte Kraftanstrengung. Viele ERP-Anbieter hätten entsprechende Software hinzu gekauft. Die starken Entwicklungsressourcen von Comarch seien durchaus ein Alleinstellungsmerkmal.

Apps setzen auf Semiramis-Kernel auf

Karsten Sontow, Vorstand der Trovarit AG.
Karsten Sontow, Vorstand der Trovarit AG.
Foto: Trovarit AG

Neue Funktionen für den Semiramis-Kernel werden laut Kurpinski als unabhängige "Apps" aufgesetzt. Damit seien mehr Releases als bei anderen ERP-Systemen möglich, zudem sei es einfacher, lokale Varianten für einzelne Länder umzusetzen. "Wir gehen keine bestimmte Branche an, sondern bauen auf Basis der App-Technologie das, was unsere Kunden benötigen, und nehmen diese Funktionen dann vielleicht in den Standard auf", schildert der Comarch-Vorstand. Mit dieser Strategie stellt sich der Anbieter diametral entgegengesetzt zum ERP-Anbieter-Markt auf, der in der Regel auf eine klare Branchenfokussierung setzt. Außer einigen wenigen Partnern wie die ComputerKomplett SteinhilberSchwehr AG, ImPuls AG oder Flex Solutions, die konsequent auf Semiramis als Technikplattform gesetzt hatten, sei das ursprünglich noch zu SoftM-Zeiten geplante Partnerkonzept für die Branchenausrichtung nicht aufgegangen, meint Sontow.

Rückkehr zur Individualsoftware?

Zudem wirft der Ansatz, für den einzelnen Kunden maßgeschneidert zu arbeiten, die Frage nach einer Rückwärtsbewegung hin zu Individualsoftware auf. Die wollen viele Unternehmen bewusst hinter sich lassen, unter anderem um Problemen bei Release-Wechseln zu entgehen. "Die Lösung ist relativ flexibel. Das verleitet dazu, noch einmal viel Code in die Hand zu nehmen, um für jeden Kunden etwas eigenes zu entwickeln", so Zacher. "Man ist mit neuen Schichtenarchitekturen vielleicht besser in der Lage, individuelle Ausprägungen bei Release-Wechseln zu handhaben, doch das muss man den Anwendern erst einmal transparent machen", meint Sontow. Außerdem müsse sichergestellt sein, dass derjenige, der das Projekt umsetzt, auch in der Lage ist, die Branchenspezifika zu erfassen. Spätestens beim Wachstum des Anbieters könne diese Strategie schwierig werden.

Projektgeschäft ist mehr als ERP von der Stange

Zu den großen Anwendern zählen zum Beispiel der Schweizer Taschenmesserhersteller Victorinox und die Finanz Informatik, IT-Dienstleister der Sparkassen. Ende des Jahres sollen dem Anbieter zufolge alle Sparkassen die Anlagenbuchhaltung von Comarch Enterprise einsetzen. "Kunden werden heute offenbar eher handverlesen akquiriert, und dann das Projekt umgesetzt. Das ist kein Mainstream, sondern Einzelprojektgeschäft mit tendenziell eher anspruchsvollen Projekten - mehr als ERP von der Stange", bemerkt Sontow. Welche Unternehmen den Anbieter im ERP-Evaluierungsprozess auf dem Zettel haben müssten, sei deshalb nicht so leicht zu umreißen, meint Sontow: Beispielsweise jedoch Anwender, bei denen es um Multisite-Einsatz und verteilte Strukturen mit anspruchsvollem ERP gehe.

Zu den Zielgruppen zählt traditionell der Handel und zunehmend der Online-Handel. "Wenn es um das B2C-Geschäft geht, stoßen viele ERP-Systeme bei der Integration unterschiedlicher Bezahlmethoden und -prozesse auf Probleme", meint Kurpinski. Hier hat sich das Softwarehaus entsprechend positioniert. Ob die Strategie neben den großen Playern aufgehen kann? "Wir sehen, dass die kleineren ERP-Anbieter in Deutschland eine begrenzte Kundenzahl zwischen 300 bis 400 Kunden haben. Das reicht, um in der jeweiligen Nische zu existieren. Ob das langfristig klappt, wird man sehen", kommentiert Zacher.

Cloud-Geschäft mit eigenem Rechenzentrum

"Private-Cloud-Lösungen bieten wir als individuell konfigurierte und gehostete Anwendungen schon länger an. Auf der CeBIT stellen wir jetzt auch eine Public-Cloud-Lösung für ERP und Financial vor", so Kurpinski. Pro Monat und User soll die Software ab 40 Euro zu haben sein. Den größten Bedenkenpunkt bei deutschen Anwendern - die Datensicherheit - will Comarch durch den garantierten Betrieb der Software in Deutschland entkräften. Das IT-Unternehmen hat zwölf Millionen Euro in die Hand genommen, um in ein Rechenzentrum in Dresden zu investieren.

Im Cloud-ERP-Markt wimmelt es jedoch schon jetzt vor Anbietern, zugleich halten die weitaus meisten Unternehmen in Deutschland eine entsprechende Technologie insbesondere im ERP-Umfeld nicht für sinnvoll. Übrig bleiben vor allem kleine Unternehmen und solche, die verteilte Niederlassungen einfach anbinden wollen. "Wir denken, dass die Bedenken hinsichtlich Cloud-Anwendungen zumindest in Teilbereichen wie Fibu schwinden. Es ist zwar ein breiter Markt, aber auch durchaus realistisch, dass jeder etwas von dem Kuchen abbekommt, der sich entsprechend aufstellt", prognostiziert Zacher. Einen anderen Trend lässt Comarch jedoch aus. In puncto "mobile" lässt sich das System als Web-Anwendung zwar von unterwegs nutzen, Offline-Funktionalität in Gebäuden oder Regionen ohne Funkverbindung steht jedoch nicht zur Verfügung. Auch beim Thema Business Intelligence (BI)I gibt es Lücken.

Prozesse in der Software abbilden

Die BDT Media Automation GmbH aus Rottweil produziert mit 600 Mitarbeitern Datensicherungsgeräte sowie Papierzufuhr- und Papierausgabeeinheiten in fünf Ländern. Als einer der ersten drei Semiramis-Kunden, war BDT stark in die Basisentwicklung involviert, die eigenen Prozesse ließen sich deshalb weitgehend mit der Software abbilden. Auch die Anwenderakzeptanz sei hoch, erzählt Karl-Heinz Koch, IT-Leiter bei BDT. "Wir sind sehr zufrieden mit dem Thema Multisite, alle Anforderungen ließen sich mit dem Standard abbilden, Nachprogrammierungen waren nicht nötig", berichtet Koch. Der Daten-Management-Spezialist produziert in Europa, China und Mexiko.

"Man kann die Performance gut hinbekommen, es braucht aber ein bisschen Auseinandersetzung", meint Koch. Die Zugriffsgeschwindigkeit sei stark abhängig von Datenbank-Indizes. Wenn nach einigen Tagen oder Wochen die Performance schlechter wird, müsse mit einem Tool iterativ geprüft werden, welche Indizes gesetzt werden müssen. "Das kann schon über ein Jahr lang dauern, dann hat man jedoch ein sehr performantes und stabiles System", so der IT-Leiter. Momentan denkt der Anwender über die Einführung des Service- und Instandhaltungsmoduls von Comarch nach.

Anwender kritisieren fehlenden Praxisbezug und BI-Defizite

"Beim Thema Business Intelligence gibt es Nachholbedarf, da liefert der Standard zu wenig", sagt Koch. Zudem gebe es keine großen BI-Anbieter, die eine Integration mit der Java-basierten ERP-Software böten. BDT verlässt sich auf ein vom Comarch-Partner SteinhilberSchwehr entwickeltes Framework. "Damit sind viele Auswertungen möglich, es fehlt aber die grafische Visualisierung", so Koch.

Es gibt auch noch andere kritische Stimmen. Das Datenmodell sei so überstrukturiert, dass der Anbieter selbst nicht mehr durchblicke, der selbst geschriebene ODBC-Treiber bringe wilde Ergebnisse hervor, und im Support sei zu wenig betriebswirtschaftliches Know-how vorhanden, moniert ein Enterprise-Anwender aus der Prozessindustrie, der nicht genannt werden möchte - man ist gerade in Verhandlung. Wichtigster Kritikpunkt ist zu wenig Praxisbezug, ein Beispiel aus der auftragsbezogenen Fertigung: Hier werden Chargennummern zum Teil von den Kunden der Anwender vorgegeben. Wurde beim Erfassen des Auftrags jedoch vergessen, die Chargennummer gleich einzutragen, ist das Feld beim zweiten Aufruf geschlossen. Ein Dreivierteljahr länger als geplant hatte das Projekt gedauert, die Kosten waren mehr als doppelt so hoch wie veranschlagt.

Gute Softwarenoten - schlechte für den Support

"Durch viel Unruhe in den letzten Jahren gab es Kritik bei der Kundenbetreuung in Projekten. Seit Mitte 2012 hat sich das erheblich beruhigt, es dauert aber, bis das bei den Kunden ankommt", erklärt Sontow. Die Lösung Comarch Enterprise steht in der aktuellen ERP-Zufriedenheitsumfrage von Trovarit bei zwei plus, der Anbieter verschlechtert bei zwei minus (vgl. http://trovarit.com/erp-praxis/erp-praxis.html). Eine gute Note für die Software also. "Die Dienstleistungsseite wird eher kritisch gesehen, während sich hinsichtlich der Performance der Software, die früher immer problematisch bewertet wurde, 2012 eine Verbesserung ergeben hat", so Sontow. Schon immer gute Wertungen habe die Software bei der Ergonomie gehabt. Deutlich nachgelassen hatte dagegen zwischen 2010 und 2012 die Zufriedenheit mit dem Wartungspartner. Insbesondere Hotline und Support erfuhren deutliche Abstriche. Laut Sontows Erfahrung nichts Ungewöhnliches, wenn, wie 2011 der Fall, die Führungsriege ausgetauscht wird. Die Zeichen stehen jedoch gut, dass sich das Wohlwollen der Anwender auch wieder auf die Anbieternote erstreckt. (pg)

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