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CeBIT: Kampf der Softwareindustrie um den Computer im Amt

15.03.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die deutschen Amtsstuben sind ein Objekt der Begierde für die Softwareindustrie geworden. Durch die Modernisierung der Öffentlichen Verwaltung und den zunehmenden Einsatz mit neuer Software ist in der IT-Branche ein Kampf um Marktanteile entbrannt. Vor allem das US-Softwarehaus Novell will mit dem offenen Betriebssystem Linux dem Software-Giganten Microsoft die Stirn bieten.

Auf der CeBIT in Hannover verkündeten beide Unternehmen nahezu zeitgleich ihre jüngsten Erfolge. Microsoft teilte mit, dass das Saarland seine neue einheitliche E-Government-Plattform auf der Basis der Technologie aus Redmond aufbaut. Außerdem unterschrieben Microsoft-Geschäftsführer Jürgen Gallmann und Kurt Beck (SPD), Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, eine Kooperationsvereinbarung. Novell hingegen gab die Eröffnung von zwei Linux-Zentren in Nürnberg bekannt, in denen potenzielle Kunden das alternative Betriebssystem unter anderem vor einem möglichen Wechsel praxisnah testen können.

Für ein Ausrufezeichen hatte Novell bereits vor zwei Jahren gesorgt, als München als erste deutsche Großstadt Microsoft den Rücken kehrte. Die Stadt wolle sich nicht abhängig machen von nur einem Anbieter, lautete die Argumentation der bayerischen Landeshauptstadt. Rund 14.000 städtische Computer sollen in München auf Linux umgestellt werden, 25.000 PCs an Münchner Schulen werden weiterhin mit dem Microsoft-System Windows betrieben.

Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) räumte auf der CeBIT ein, "dass wir noch eine Mordsarbeit vor uns haben". Er zeigte sich aber optimistisch, das Linux-Projekt erfolgreich abzuschließen (Computerwoche.de berichtete). Nachahmer für das Münchner Modell gibt es inzwischen auf den unterschiedlichsten Ebenen der Verwaltung, darunter auch die Bundestagsverwaltung.

Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) ist zwar weiter von der Bedeutung der Microsoft-Produkte für die Öffentliche Verwaltung überzeugt. Der Minister fordert aber mehr Flexibilität von dem Softwareriesen: Die Programme müssten mit Produkten anderer Hersteller sowie mit so genannter Open-Source-Software verknüpfbar sein - so wie es das freie Betriebssystem Linux ermöglicht.

Microsoft hat die Botschaft verstanden. "Der Wettbewerb ist sehr heilsam für uns", sagte Wolfgang Branoner, der als ehemaliger Berliner Wirtschaftssenator im Vorstand von Microsoft Deutschland für den Öffentlichen Dienst zuständig ist. "Der Kunde kann jetzt außerdem entscheiden, welcher Unternehmensphilosophie er folgen will." Kämpferisch bleibt der Herausforderer Novell: "Keine Gemeinde trifft mehr eine Nachfolgeentscheidung für neue Software, ohne über Linux nachzudenken", betonte Europachef Richard Seibt.

Für die deutschen Amtsstuben kann der Wettbewerb nur Vorteile bringen. "Unsere kommunalen Verwaltungen entscheiden selber, welchen Anbieter sie nutzen wollen", erklärte der bayerische Wirtschaftsstaatssekretär Otto Wiesheu (CSU) und ging mit gutem Beispiel voran. Nachdem er Novell für seine Entscheidung lobte, die Linux-Zentren in Nürnberg zu eröffnen, verkündete er eine Zusammenarbeit mit Microsoft bei der Förderung von Existenzgründern in der Softwareentwicklung. (dpa/tc)