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Bull hofft auf Rettung durch Neufinanzierung

19.06.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der seit Jahren angeschlagene französische Computerpionier Bull will in der ersten Hälfte des kommenden Jahres eine Neufinanzierung in Angriff nehmen. Mögliche Resultate wären eine komplette Änderung der Besitzverhältnisse bis hin zum Verkauf des Konzerns. In einem Interview mit dem "Wallstreet Journal" gab der seit Dezember 2001 amtierende CEO Pierre Bonelli bereits einige Anhaltspunkte über die Optionen bei der geplanten Kapitalumschichtung. Demnach haben die derzeitigen Aktionäre France Télécom, Motorola, NEC, der französische Staat und Dai Nippon Printing die Wahl, sich an der Neufinanzierung zu beteiligen oder ihre Beteiligung deutlich sinken zu sehen.

Die französische Regierung hat bereits früher ihr Interesse an dem Verkauf ihres rund 16-prozentigen Anteils an Bull geäußert. Die beteiligten Technologiefirmen wiederum lehnen seit Jahren ab, weiteres Geld in den angeschlagenen Konzern zu investieren.

Nach Ansicht des Bull-Chefs steht derzeit noch nicht fest, wie viele Firmenanteile aufgrund der geplanten Kapitalumschichtung den Besitzer wechseln. Außerdem unklar ist, welche potenziellen Investoren oder Akquisitionspartner angesprochen werden. Bonelli würde aber bevorzugt ein anderes Industrieunternehmen als künftigen Besitzer sehen.

Bonellis Vorgänger Guy de Panafieu hatte in einer Reihe von allesamt gescheiterten Verhandlungen versucht, das Unternehmen insgesamt oder in Teilen zu veräußern. Obwohl einige Geschäftsbereiche verkauft wurden, gelang es Bull nicht, sich finanziell zu erholen. Der Konzern musste schließlich bei der französischen Regierung wegen eines Darlehens vorstellig werden - offiziell, um eine Pleite zu verhindern. Die EU-Kommission leitete jedoch ein förmliches Beihilfeprüfverfahren wegen der im März diesen Jahres gewährten "Rettungsbeihilfe" über 450 Millionen Euro ein (Computerwoche online berichtete). Der Grund: Nach geltendem EU-Recht darf ein Mitgliedsstaat einem angeschlagenen Unternehmen nur ein einziges Mal Restrukturierungshilfen zur Verfügung stellen. Paris hatte Bull aber bereits in den Jahren 1993/94 mit 1,3 Milliarden Euro unter die Arme

gegriffen. Ein Ergebnis der Untersuchung wird für den kommenden Herbst erwartet.

Um bis dahin die geplante Restrukturierung zu finanzieren, will Bull nun einige Vermögenswerte wie Immobilien verkaufen. Zusätzlich plant der Konzern, die Rentenkasse seiner US-Mitarbeiter aufzulösen und einen Teil der Überschüsse zur Sanierung zu verwenden. Das Geld der Rentenkasse soll stattdessen in Form einer Jahresrente ausgezahlt werden.

Trotz schwieriger Marktsituation geht der Vorstandsvorsitzende davon aus, dass Bull in der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres sein Planziel von 700 Millionen Euro erreicht. Der Verlust vor Steuern und Zinsen (Ebit) soll bei rund 120 Millionen Euro liegen. Im nächsten Jahr will der IT-Konzern dann einen Profit erzielen. (mb)