Großbritannien kehrt Europa den Rücken

Der Brexit und die Folgen für die IT-Branche

Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Der Brexit wird auch für die IT-Branche Folgen haben. Gerade für einen einheitlichen digitalen Binnenmarkt ist die Entscheidung der Briten ein schwerer Rückschlag. Aber auch rechtliche Fragen rund um Verträge, Datenschutz und das Copyright hinterlassen erst einmal viel Unsicherheit.

Die überraschende Entscheidung der Briten, der europäischen Union den Rücken zu kehren, hat auch die IT-Branche kalt erwischt. Viele Experten rechnen nun damit, dass sich das Votum für den Brexit auch auf die IT-Ausgaben und den Handel mit IT-Produkten negativ auswirken wird. Gleichzeitig versucht man jedoch, Ruhe zu bewahren und nicht in Panik zu verfallen, um negative Folgen möglichst gering zu halten.

Markt: Gemeinsamer digitaler Binnenmarkt muss das Ziel bleiben

"Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die Auswirkungen auf die deutsche und europäische Digitalwirtschaft möglichst gering bleiben", kommentierte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder den Volksentscheid auf der Insel. Insbesondere für Dienstleister und Start-ups werde es künftig allerdings schwer. Rohleder geht davon aus, dass sich Großbritannien von den Standards des digitalen Binnenmarkts entfernen wird. Für Unternehmen aus Deutschland bedeute dies, dass sie sich mit abweichenden Regeln in Großbritannien beschäftigen müssten. Gerade für Mittelständler und Start-ups sei das aber oft kaum möglich.

Der Bitkom-Funktionär mahnt auch nach dem EU-Austritt Großbritanniens einen möglichst einheitlichen Rechtsrahmen an. "Ein gemeinsamer digitaler Binnenmarkt, der Großbritannien mit einschließt, muss unser Ziel bleiben", so Rohleder. "International einheitliche Regeln sind die Grundvoraussetzung für eine funktionierende und leistungsfähige digitale Wirtschaft." Der deutsche IT-Verband befüchtet indes, dass sich der Brexit negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen IT-Industrie auswirken wird.

Durch das Ausscheiden des wichtigen Mitgliedslands Großbritannien aus der EU werde der Versuch der EU-Kommission deutlich erschwert, einen großen einheitlichen digitalen Binnenmarkt zu schaffen, um den Unternehmen einen Wettbewerb auf Augenhöhe mit Ländern wie den USA oder China zu ermöglichen, beklagte der Lobbyverband der IT-Industrie. Vor allem der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger hatte in den vergangenen Monaten vehement für einen digitalen Binnenmarkt getrommelt. Diese Bemühungen haben nun einen schmerzhaften Rückschlag erlitten. "Wir brauchen ein Zeichen der Geschlossenheit aller 27", sagte Oettinger dem Tagesspiegel. Doch daran habe es in letzter Zeit gewaltig gehapert. "Das Erscheinungsbild Europas wäre besser, wenn die Mitgliedsländer mehr an einem Strang zögen", mahnte der EU-Kommissar. "Meine dringende Aufforderung ist, dass die nationalen Regierungen ihre Fehlerquote bei europäischen Themen drastisch reduzieren."

"Die Entscheidung für den Brexit ist ein schwerer Rückschlag auf dem von der EU eingeschlagenen Weg hin zum einheitlichen digitalen Binnenmarkt", bekräftigte Oliver Süme, eco-Vorstand Politik & Recht. "Einem fragmentierten Markt fehlt jede Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich mit Ländern wie die USA."

IT-Geschäfte: Bürokratie könnte den Handel behindern

Im vergangenen Jahr wurden dem Bitkom zufolge ITK-Geräte und Unterhaltungselektronik im Wert von 2,9 Milliarden Euro von Deutschland nach Großbritannien geliefert. Das entspricht acht Prozent der gesamten ITK-Ausfuhren aus Deutschland. Damit ist das Land knapp hinter Frankreich das zweitwichtigste Ausfuhrland für die deutschen Unternehmen. Umgekehrt kamen aus Großbritannien 2015 ITK-Produkte im Wert von rund 1,2 Milliarden Euro nach Deutschland. "Großbritannien ist für Deutschland seit Jahren eines der wichtigsten Exportländer für IT- und Telekommunikationsprodukte und ein bedeutender Handelspartner. Sicher ist, dass durch den Brexit im Handel neue Bürokratie auf die Unternehmen zukommt", befürchtet Bitkom-Geschäftsführer Rohleder.

"Großbritannien ist für Deutschland seit Jahren eines der wichtigsten Exportländer für IT- und Telekommunikationsprodukte und ein bedeutender Handelspartner", sagt Bitkom-Geschäftsführer Bernahrd Rohleder. "Sicher ist, dass durch den Brexit im Handel neue Bürokratie auf die Unternehmen zukommt.
"Großbritannien ist für Deutschland seit Jahren eines der wichtigsten Exportländer für IT- und Telekommunikationsprodukte und ein bedeutender Handelspartner", sagt Bitkom-Geschäftsführer Bernahrd Rohleder. "Sicher ist, dass durch den Brexit im Handel neue Bürokratie auf die Unternehmen zukommt.
Foto: Bitkom

Das wird sich auf den Handel mit IT-Produkten auswirklen. Die Analysten von Gartner waren ursprünglich davon ausgegangen, dass der britische IT-Markt 2016 gegenüber dem Vorjahr um 1,7 Prozent auf ein Volumen von 179,6 Milliarden Dollar wachsen wird. Diese Prognose ist nach dem Votum passé. Die Analysten haben ihre Vorhersage um zwei bis fünf Prozentpunkte gesenkt und gehen damit von einem Minus aus. Gartner-Analyst John Lovelock spricht von einer deutlich spürbaren Verunsicherung, die auch in den kommenden Monaten anhalten werde. Das werde sich auch auf die Hightech-Ausgaben in ganz Europa auswirken. Schließlich mache Großbritannien rund ein Viertel des westeuropäischen Marktes aus.

Großbritannien als Absatzmarkt für ITK-Lösungen und Dienstleistungen - hier sieht die Experton Group etliche Probleme auf die Insel zurollen, und das auch außerhalb der IT-Branche. "Großbritannien war nicht nur in der IT der Brückenkopf für internationale Anbieter auf dem Weg nach Europa, sondern auch für die Industrie", konstatieren die Experten. Es bleibe abzuwarten, wie beispielsweise die asiatische Automobilbrache, die zum Teil das Gros der in Europa verkauften Fahrzeuge in Großbritannien fertigen ließ, auf den Austritt reagieren wird, und welche Auswirkungen dies auf die wirtschaftliche Entwicklung und damit auch auf den Wechselkurs des Pfunds haben wird. Der heftige Einbruch des Pfunds im Vergleich zum Euro nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses werde in dieser Deutlichkeit sicher nicht lange anhalten, aber der Wechselkurs dürfte in den nächsten Monaten, wenn nicht Jahren, sicher volatil sein, und sich je nach wirtschaftlicher Entwicklung auch weiter verschlechtern. "Keine gute Basis für Umsatzplanungen und Margen", lautet das Fazit.

ITK-Märkte im Vergleich
ITK-Märkte im Vergleich
Foto: Forrester

Hersteller: IT-Anbieter müssen sich neu aufstellen

Im Zuge der veränderten Marktordnung werden sich auch die IT-Anbieter neu sortieren müssen. "Für den Aufbau einer einheitlichen europäischen Digitalbranche könnte der Brexit einen merklichen Rückschritt bedeuten", meint Stefan Pechardscheck, Partner bei BearingPoint und verantwortlich für den Bereich IT Advisory in Central Continental Europe. "Dafür werden sich die IT-Anbieter aufstellen müssen. Insbesondere den britischen Anbietern können Herausforderungen bevorstehen", führt er weiter aus.

Stefan Pechardscheck, Partner bei BearingPoint, geht davon aus, dass sich die IT-Anbieter neu aufstellen müssen.
Stefan Pechardscheck, Partner bei BearingPoint, geht davon aus, dass sich die IT-Anbieter neu aufstellen müssen.
Foto: BearingPoint

Erste Zeichen dafür sind erkennbar. Vodafone spielt bereits die Konsequenzen eines Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union durch. Der britische Mobilfunkanbieter erwägt offenbar nach dem Brexit-Votum, seinen Hauptsitz aus London zu verlegen. Es sei wichtig, weiterhin von der Freizügigkeit von Bürgern, Kapital und Gütern zu profitieren, ließ das Unternehmen durchblicken. Noch sei es zwar zu früh, über den langfristigen Standort des Hauptsitzes zu entscheiden, aber es werde entschieden, "was auch immer zweckmäßig" sei, hieß es. Vodafone beschäftigt rund 13.000 Menschen in Großbritannien. Der Konzern kündigte an, seine Beziehungen zu Brüssel zu verstärken, und seine Gewinne künftig in Euro statt in Pfund auszuweisen.

Andere Anbieter halten sich noch zurück. Durch das Referendum ändere sich erst einmal nichts, hieß es von Seiten der British Telecom (BT). Das Geschäft gehe ganz normal weiter. Man liefere wie gehabt Dienstleistungen für Kunden in alle 180 Ländern, in denen BT aktiv sei. BT stehe außerdem bereit, um Kunden bei ihrer eigenen Planung infolge der britischen Entscheidung zu unterstützen. Allerdings bereitet man sich auch bei dem Telekommunikationsanbieter auf mögliche Konsequenzen vor.Langfristig würden die Auswirkungen des Brexit auf BT davon abhängen, wie die zukünftigen Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien ausgestaltet sind, und wie sich die britische Wirtschaft insgesamt entwickelt, so der Konzern. BT werde während der kommenden Verhandlungen eng mit der britischen Regierung und der EU zusammenarbeiten, damit die Interessen unserer Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre gewahrt blieben.

ITK-Export-Märkte im ersten Quartal 2016: Die Ausfuhren deutscher ITK-Produkte auf die Insel sind im Vergleich zum Vorjahresquartal bereits deutlich zurückgegangen.
ITK-Export-Märkte im ersten Quartal 2016: Die Ausfuhren deutscher ITK-Produkte auf die Insel sind im Vergleich zum Vorjahresquartal bereits deutlich zurückgegangen.
Foto: Bitkom

Bei anderen großen IT-Anbietern bemüht man sich demonstrativ um Gelassenheit. "Wir konzentrieren uns auf unsere Kunden, Partner und Mitarbeiter und setzen unser Geschäft wie gewohnt fort", will sich Patrick Edlund, Media Relations Hewlett Packard Enterprise EMEA/Germany, vom Brexit nicht verrückt machen lassen. "Als führendes Unternehmen der IT-Branche sind wir Veränderungen gewohnt und werden in dieser Sache eng mit allen Stakeholdern zusammenarbeiten - in den nächsten Monaten und wenn die Bedingungen des Austritts konkret werden."

"Wir sind in Politik und Wirtschaft alle gut beraten, nichts zu überstürzen und verträgliche Lösungen zu erarbeiten", sagte Thomas Mickeleit Director of Communications und Mitglied der Geschäftsleitung der Microsoft Deutschland GmbH. "Die Zeit sollten wir jetzt darauf verwenden und nicht in Hektik zu verfallen." "Notfall-Pläne" brauche es aus Sicht des weltgrößten Softwareherstellers jedenfalls nicht, da sich der Austrittsprozess über Jahre erstrecken werde. "Wir konzentrieren uns darauf, unseren Kunden überall ausgezeichnete Services zu erbringen. Der Brexit wird uns davon nicht abhalten."

Arbeit: Die Regeln werden komplizierter

Auch wenn die Anbieter Gelassenheit zur Schau tragen - die Arbeit der Konzerne wird durch den Brexit sicherlich nicht einfacher - im Gegenteil. Gerade was das Arbeiten an sich betrifft, dürften die Regeln deutlich komplizierter werden. Die Analysten von Forrester erwarten beispielsweise, dass Unsicherheiten bezüglich der künftigen Einwanderungsgesetze zur Abwanderung von Talenten führen werden. Neue Experten aus Übersee würden außerdem künftig Kontinentaleuropa vorziehen. Neue, komplexere Visumsregelungen dürften dazu beitragen, dass sich diese Situation noch verschärft. Handel, Finanzwirtschaft, Gesundheitswesen und Tourismus hätten darunter wohl besonders zu leiden, heißt es.

Rund 2,99 Millionen gemeldete EU-Ausländerinnen und -Ausländer lebten 2015 im Vereinigten Königreich, meldete kürzlich das Statistische Bundesamt (Destatis) unter Berufung auf Eurostat-Zahlen, darunter auch 133.000 Deutsche. Ihr Aufenthalt im Vereinigten Königreich ist durch das Recht auf Freizügigkeit geregelt. Es ermöglicht Unionsbürgern in einem anderen EU-Land zu wohnen und dort zu arbeiten. Ihr künftiger Aufenthaltsstatus nach einem Brexit ist unsicher.

In dieser frühen Phase sei es noch sehr schwierig, die genauen Auswirkungen eines brexit abzusehen, sagt Luuk Houtepen, Head of Business Development in der Region DACH bei Sthree.
In dieser frühen Phase sei es noch sehr schwierig, die genauen Auswirkungen eines brexit abzusehen, sagt Luuk Houtepen, Head of Business Development in der Region DACH bei Sthree.
Foto: Sthree

Die Verantwortlichen von Sthree, einem global agierenden Personaldienstleister mit Hauptsitz in London, befürchten: "Unsicherheit, persönlich wie auch beruflich, ist immer ein erschwerender Faktor für ein Geschäftsmodell." Das größte Risiko sei, dass es schwieriger werden wird in Europa zu arbeiten - aufgrund womöglich erhöhter bürokratischer Hindernisse. Es könne daher gut sein, vermuten die Experten, dass Stellen aus dem Vereinigten Königreich aufs Festland verlegt würden.

Standort: Deutschland könnte vom Brexit profitieren

Im Zuge eines Austritts Großbrtanniens aus der EU dürften auch die Standortkarten in Europa neu gemischt werden. Genauso wie die Finanzbranche über Abwanderung nachdenkt und Städte wie Paris und Frankfurt bereits um die hochbezahlten Börsen-Broker buhlen, werden sich auch viele IT-Anbieter nach neuen Quartieren umschauen.

Bis heute war Großbritannien quasi als Brückenkopf in die EU gesetzt, wenn es bei außereuropäischen IT-Anbietern um eine Internationalisierungsstrategie ging, konstatierte die Experton Group. Dies dürfte sich mit dem Votum pro Brexit geändert haben. Damit rückt aus Sicht der Analysten Deutschland als größter verbleibender IT-Markt in der EU in der Beliebtheitsskala nach vorne, was sicher auch den Service derartiger Anbieter in Deutschland verbessere und zudem den einen oder anderen Arbeitsplatz schaffe. Auch Berlin werde seine Platzierung im Ranking der beliebtesten Metropolen für innovative Startups verbessern können, da London auf absehbare Zeit an Bedeutung eingebüßt haben dürfte.

Verbraucher: Lukrativere Produkte und Fragezeichen beim Datenschutz

Für europäische Kunden werden, durch die sich bereits abzeichnenden Währungsschwankungen, Waren und Produkte in Großbritannien lukrativer, glauben viele Experten. Hersteller seien daher gut beraten, ihre Preise anzupassen. Es sind aber auch Nachteile für Privatverbraucher zu erwarten - in Großbritannien wie in den anderen EU-Ländern. "Die EU hat ihren Schutzschirm auch über britische Verbraucher ausgebreitet", stellt der Bitkom fest. Die Wahrscheinlichkeit sei groß, dass dieser Schutzschirm zumindest teilweise eingeklappt wird. Vertreter des IT-Verbands befürchten darüber hinaus negative Folgen für den Daten- und Verbraucherschutz. Strenge Regeln seien in der Vergangenheit stets von der EU ausgegangen und mussten oft gegen den Widerstand der Vertreter Großbritanniens durchgesetzt werden.

"Von der gerade mühsam verabschiedeten EU-Datenschutzgrundverordnung über Verbraucherschutzrechte und Umweltschutzrichtlinien sind eine Vielzahl von Regelungen durch den Brexit betroffen", stellt Bitkom-Geschäftsführer Rohleder fest. "Diese werden mit Vollzug des Austritts ihre Gültigkeit verlieren oder in Frage gestellt. Unternehmen, die ihre Zentralen in Großbritannien haben oder dort über Niederlassungen verfügen, werden davon betroffen sein - etwa wenn der freie Austausch zum Beispiel von Kundendaten eingeschränkt ist oder sie sich an unterschiedliche Verbraucherschutzrechte anpassen müssen."

Die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) tritt ab dem 25. Mai 2018 europaweit in Kraft. Solange Großbritannien noch EU-Mitglied ist, wird diese Regelung unmittelbar greifen.Großbritannien wird sich also mit allen anderen EU-Mitgliedstaaten ein weitgehend einheitliches Datenschutzrecht teilen. Zählt Großbritannien noch zur EU, zählt es damit weiterhin auch zum "datenschutzrechtlichen Binnenraum. Nach einem Austritt wird Großbritannien aus Datenschutzsicht zum Drittland. Es ist dabei nicht automatisch gewährleistet, dass ein entsprechendes Datenschutzniveau (Angemessenheitsentscheidung) bestätigt wird. Laut den Regeln des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) zu den Vorschriften über den Datentransfer in Drittstaaten gilt: Wer personenbezogene Daten in ein Drittland über­mitteln will, muss sicherstellen, dass auch in diesem Zielstaat ein angemessenes Datenschutzniveau gewährleistet ist. Das betrifft auch die Weitergabe von Daten innerhalb eines Konzerns. Dies stellt eine datenschutzrechtlich relevante Datenübermittlung dar - das BDSG kennt kein Konzernprivileg. Ein angemessenes Datenschutzniveau setzt eine nationale Gesetzgebung in dem Drittstaat voraus, die die wesentlichen Datenschutzgrundsätze in einer Weise festlegt, wie sie auch für das Datenschutzrecht der EU und der EU-Mitgliedsstaaten gelten.

CIOs: Neue Regeln könnten Alternativen erforderlich machen

Die veränderte Rechtslage dürfte sich auch auf den IT-Betrieb der Anwenderunternehmen auswirken: Einige IT-Anwender nutzen Rechenzentren in UK, sei es als Backup oder primäres Rechenzentrum, sei es als Housing, Hosting Service oder in Form von Cloud Services. Die Compliance eines EU-europäischen Rechenzentrums werde bald passé sein, stellt die Experton Group klar. Hier gelte es, die nun kommenden Verhandlungen zu beobachten und schon im Vorfeld nach Alternativen zu suchen um bei klarer Faktenlage rasch entscheidungsfähig zu sein, raten die Experten.

Auch Forrester erwartet in Sachen Datenschutz Unsicherheiten. Verlässt Großbritannien die EU, könne das Land entweder einen Status als "Trusted Entity" wie Norwegen oder Kanada bekommen oder es müsse neue Datenschutzgesetze verabschieden, die den Anforderungen der EU Datenschutzregularien (EU GDPR) erfüllen. Passiert das nicht, werden EU-Unternehmen ihre Daten aus britischen Data Centers abziehen müssen.

Doch die Rechtslage hat noch etliche weitere Facetten. "Nun wird es spannend zu beobachten, ob und inwieweit sich Großbritannien an europaweit abgestimmten Bemühungen um das Thema Connected Cars und Autonomes Fahren beteiligen wird", sagt zum Beispiel Jan Geert Meents, Partner bei DLA Piper.Der Brexit stelle grenzüberschreitende Technologie-Deals vor neue Herausforderungen. Vertragliche Aspekte, die bislang aufgrund europaweiter Standards als gegeben ange­nommen werden durften, sind zukünftig unter Umständen Gegenstand intensiver Verhandlungen.

"Der nun beschlossene Brexit bringt erhebliche Vertragsrisiken mit sich, denn mit dem EU-Austritt Großbritanniens ist ein erhebliches Maß an Rechtsunsicherheit verbunden", ergänzt Nils Krause, Co-Head der deutschen Corporate/M&A-Praxis bei DLA Piper. Es sei nicht ausgeschlossen, dass sich das englische Recht radikal verändern wird, da nach dem Brexit der europäische Rechtsrahmen wegbrechen wird. "Deutsche Unternehmen sollten nun in ihren Verträgen mit UK-Bezug auf deutsches Recht bestehen", rät Benjamin Parameswaran, Co-Managing Partner von DLA Piper in Deutschland und Partner im Bereich M&A.

"Großbritannien ist nun mit einem Mal frei, das eigene Recht vollständig losgelöst von EU-Standards zu entwickeln", beschreibt Thilo von Bodungen, Partner und Co-Head der deutschen IPT-Praxis bei DLA Piper, eine Konsequenz des Brexit. In Einzelfällen könnte der Brexit die hohen Vorrausetzungen der sogenannten Störung der Geschäftsgrundlage erfüllen, wonach Verträge anzupassen, eventuell sogar kündbar sind, wenn sich wesentliche Vertragsumstände ändern. "Hier wird es sicher zu Meinungsverschiedenheiten kommen, ob ein solcher Fall konkret gegeben ist", glaubt der Experte. "Zudem werden die wirtschaftlichen Auswirkungen, zum Beispiel dann fällige Zölle, zu einer Vielzahl von Anpassungen und Neuverhandlungen von Verträgen führen."

Fazit: Die Unsicherheit ist das größte Problem, aber - Don't panic!

Noch ist völlig unklar, wie in Zukunft die Zusammenarbeit der EU mit Großbritannien aussehen werde, konstatieren die Analysten der Experton Group. Für sie stellt sich die Frage, ob es weiterhin einen freien Austausch von Waren und Dienstleistungen geben wird, ob Datenschutzabkommen geschlossen beziehungsweise Gesetze gegenseitig anerkannt werden. Andererseits könne es sich die EU aber nicht leisten, ausgetretenen Ländern den gleichen Marktzugang zu gewähren wie Mitgliedern, da sonst bald weitere Länder austreten werden - das wäre das Ende der EU.

CIOs sollten indes nicht in Panik verfallen, versuchen die Analysten von Gartner zu beruhigen. Bis sich die Effekte des Brexit real in ihrem Bereich auswirkten, würde es noch einige Zeit dauern. Es gelte vielmehr, Projektteams einzusetzen, die die Folgen eruieren und einen Plan für notwendige Veränderungen ausarbeiten sollten. Um erst gar keine Unsicherheit aufkommen zu lassen, sollten die Unternehmen die Situation und die daraus abgeleiteten Maßnahmen offen kommunizieren.

Noch vor gut zwei Jahren beschwor David Cameron zur Eröffnung der CeBIT die Notwendigkeit enger zusammenzuarbeiten, um Innovationen länderübergreifend fördern und vorantreiben zu können. Seiner Einschätzung nach böte sich in den Bereichen Ausbau der Breitbandnetze, Schaffung eines gemeinsamen digitalen Binnenmarktes sowie dem Internet der Dinge viel Potenzial. Der britische Premierminister rief zu mehr Kooperation auf. Heute muss Cameron, der nach der Brexit-Entscheidung bereits seinen Rücktritt angekündigt hat, seinen EU-Kollegen erklären, dass sich die Briten aus dem Binnenmarkt ausklinken.
Noch vor gut zwei Jahren beschwor David Cameron zur Eröffnung der CeBIT die Notwendigkeit enger zusammenzuarbeiten, um Innovationen länderübergreifend fördern und vorantreiben zu können. Seiner Einschätzung nach böte sich in den Bereichen Ausbau der Breitbandnetze, Schaffung eines gemeinsamen digitalen Binnenmarktes sowie dem Internet der Dinge viel Potenzial. Der britische Premierminister rief zu mehr Kooperation auf. Heute muss Cameron, der nach der Brexit-Entscheidung bereits seinen Rücktritt angekündigt hat, seinen EU-Kollegen erklären, dass sich die Briten aus dem Binnenmarkt ausklinken.
Foto: CeBIT

Für Eco-Vorstand Süme überwiegen die negativen Aspekte. Es könne nun zwei Jahre oder länger dauern, bis sich Großbritannien und die EU über die Details des Austritts geeinigt haben. Süme befürchtet einen regelrechten Verhandlungsmarathon. "Das bringt eine enorme Rechtsunsicherheit auch für Unternehmen aus der Internetwirtschaft mit sich - und damit voraussichtlich auch Umsatzrückgänge."

"Wie es derzeit aussieht, ist der genaue Einfluss des Brexit nach wie vor unklar", heißt es beim Personaldisntleister Sthree und weiter ganz pragmatisch: "Wir werden auf Veränderungen reagieren werden, wenn sie auf uns zukommen." Man dürfe nicht vergessen, dass 400 der 650 Mitglieder des britischen Parlaments in der EU bleiben wollen. Der Prozess des Exits könnte sich in die Länge ziehen.

Auch die Experton Group geht davon aus, dass sich die Austrittsverhandlungen über Jahre hinziehen werden. Nichtsdestotrotz bleibe festzuhalten: Noch ist nichts passiert, Großbritannien hat noch keinen Antrag auf ein Ausscheiden aus der EU gestellt und es bleibt für alle IT-Markt-Teilnehmer genügend Zeit, sich strategisch zu positionieren. Panik sei daher ganz sicher nicht angebracht. Wichtig sei es jetzt, die Entwicklungen zu beobachten und Alternativen zu evaluieren, um zu einem späteren Zeitpunkt, wenn alle Fakten bekannt sind, schnell und konsequent entscheiden und handeln zu können. Anwender sollten sich also frühzeitig Gedanken über ein "was-wäre-wenn" zu machen, um genügend Zeit für strategische Maßnahmen zu haben und eben nicht im Panik-Modus agieren zu müssen. Also: Abwarten und Tee trinken - aber wachsam.