Business Process Outsourcing

BPO: Anwender vertrauen Spezialisten

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Anwender vertrauen ihre Geschäftsprozesse vornehmlich spezialisierten Unternehmen an - zum Leidwesen der IT-Dienstleister.

Geschichte wiederholt sich. Deutsche Anwender haben lange Zeit gezögert, ihre IT an externe Betreiber auszulagern. Während Unternehmen in den USA und Großbritannien frühzeitig das IT-Outsourcing erprobten, haben hiesige Organisationen diese Aktivitäten aus der Distanz betrachtet. Mittlerweile ist das Geschäft reif, und Meldungen über fehlgeleitete Projekte sind rar. Deutsche IT-Lenker haben ihre Prozesse zur Provider-Steuerung im Griff, folglich gibt es kaum noch Berührungsängste dem IT- und Applikations-Outsourcing gegenüber. Dagegen ist das BPO, also die Auslagerung von Geschäftsprozessen, eine relativ neue Disziplin. Der Erfahrungsschatz ist noch nicht so groß wie in der Auslagerung von IT-Systemen.

Foto: Joachim Wendler

Beim BPO zeigt sich nun ein vergleichbares Muster wie im IT-Outsourcing (siehe Grafik). Im aktuellen BPO-Geschäft bedeutet dies: Die US-amerikanischen und britischen Anwender preschen vor. Die Kontinentaleuropäer warten ab. "Internationale Anwender betreiben oftmals Trial-and-Error-Projekte", erklärte Katharina Grimme vom BPO-Marktforschungshaus Nelsonhall. "Die deutschen Kunden fordern von ihrem Anbieter Prozesswissen und einen hohen Grad an Spezialisierung."

Deutschland hat eine lange BPO-Tradition

Das heißt keineswegs, dass es hierzulande keine BPO-Abkommen gibt, der Markt ist nur nicht so groß wie in den USA und Großbritannien. Vorreiter sind die Banken - auch hier zeigt sich eine Parallele zur IT-Outsourcing-Historie. Sie haben häufig bereits den Zahlungsverkehr und das Transaktions-Processing ausgelagert. Zum Zuge kommen Spezialisten wie Atos Worldline, Postbank, First Data und Xchanging. Besonders aktiv ist zudem die boomende Maschinenbauindustrie, berichtet Marcus Eul, Partner im Management-Beratungshaus A.T. Kearney: "Die Branche ist führend in der Auslagerung von Human-Resource- sowie Finance-and-Accounting-Diensten. Das erstreckt sich sowohl auf mittelständische als auch auf größere Unternehmen." Zurückhaltend, so seine Erfahrung, zeigen sich hingegen Unternehmen der Energiewirtschaft. Sie bevorzugen interne Shared-Service-Zentren.

Darüber, dass internationale Projekte als Taktgeber im BPO-Geschäft gelten, wird häufig vergessen, dass Deutschland eine lange Tradition zumindest in einem Teilsegment hat. Seit 1966 betreibt die Datev die Buchführung und Gehaltsabrechnung für Steuerberatungskanzleien. Heute tut sie dies branchenübergreifend vornehmlich für kleine und mittelständische Unternehmen. Große deutsche Konzerne übergeben ihre Geschäftsprozesse gerne internen Shared Service Centern oder eigenen Tochtergesellschaften. BASF IT Services betreibt BPO-Dienste für den Mutterkonzern, Bayer Business Services tut dasselbe für den Pharmariesen. Auch die BPO-Sparte von Hewlett-Packard (HP) ist auf vergleichbare Art und Weise entstanden. Kern dieses Servicesegments ist das Team der ehemaligen Thyssenkrupp Triaton, das schon zuvor die Gehälter des Industriekonglomerats unter seine Fittiche hatte.

Flaue BPO-Geschäfte der IT-Dienstleister

Die bisherigen Abkommen zeigen, dass die Anwenderunternehmen ihre Geschäftsprozesse vor allem spezialisierten Partnern anvertrauen. Damit einher geht ein enttäuschender Verlauf der BPO-Geschäfte der IT-Dienstleister, die sich vor Jahren in diesem Marktsegment noch gute Entwicklungschancen ausgerechnet haben. "BPO hat hier nicht die Dynamik wie in Spanien und Großbritannien. Das liegt zum einen daran, dass die Regulierung hier komplexer ist. Zum anderen sind die Anwender zurückhaltender", räumte etwa Jens-Uwe Holz, Geschäftsführer EDS Deutschland, im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE ein (siehe www.computerwoche.de/1860393). Die dürftigen Ergebnisse für die hiesige IT-Servicebranche im BPO-Segment bestätigt auch Ovum-Analystin Grimme: "Die Hoffnungen der große IT-Dienstleister in die BPO-Geschäftsentwicklung haben sich nicht erfüllt - und das liegt nicht am enttäuschenden Wachstum des BPO-Marktes. Der wächst nämlich zweistellig"

Insbesondere Anbieter, die sich auf das IT- Infrastrukturgeschäft konzentrieren, haben es schwer, im Markt für BPO-Dienste Fuß zu fassen. "Es reicht nicht, dass man Probleme in den Geschäftsprozessen erkennt, man muss sie auch lösen können. Den IT-Dienstleistern traut man vielfach offenbar nicht die operative Kompetenz in den Geschäftsabläufen zu", beschreibt Martin Haas, Consulting Director bei der IDC Central Europe GmbH in Frankfurt am Main, die Schwierigkeiten der IT-Anbieter. Eine Umfrage des Marktforschungshauses Gartner stützt seine Aussage. Die Erhebung aus dem Jahr 2005 ergab beispielsweise, dass neun von zehn Unternehmen den Betrieb ihrer Geschäftsprozesse nicht dem aktuellen Partner im IT-Infrastruktur-Outsourcing anvertrauen würden. Immerhin knapp die Hälfte kann es sich aber sehr wohl vorstellen, ein bestehendes Auslagerungsabkommen über das Applikations-Management um BPO-Dienste zu erweitern.

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