Anwender brauchen flexible Lernlösungen

Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting, Social Media im Berufsleben. Zusätzlich betreut das Karriereressort inhaltlich das Karrierezentrum auf der Cebit.
20 Prozent mehr ausstellende Unternehmen und zehn Prozent mehr Besucher meldete die Bildungsmesse Learntec im Vergleich zum Vorjahr. Die euphorischen Marktprognosen für Online-Lernen nimmt jedoch niemand mehr ernst. Was zählt, ist die Verbindung von klassischen Methoden mit E-Learning-Anteilen. Dabei kommt es darauf an, den Anwendern flexible Lernlösungen zu präsentieren.

Die beiden wissenschaftlichen Leiter und Gründer der Messe Uwe Beck und Winfried Sommer zogen nach zehn Jahren Learntec eine nüchtern positive Bilanz. Immerhin haben sie es geschafft, jedes Jahr mehr Austeller - diesmal 272 - und mehr Besucher - über 8000 - nach Karlsruhe zu locken. Die beiden Fachhochschulprofessoren starteten ganz klein mit ihrer Bildungstechnologie-Ausstellung, wie sie sie am liebsten nennen, und haben nun das größte Treffen dieser Art in Europa etabliert.

Immer wieder stand die Frage im Raum, wohin sich die Branche nach der unrealistischen Euphorie vom vergangenen Jahr entwickeln wird. In den letzten Monaten mussten einige große Anbieter Konkurs anmelden, was als Beleg genommen wurde, dass dieser junge Industriezweig genau wie viele Firmen der New Economy nicht gelernt hat, zu wirtschaften. Als Paradebeispiel diente Prokoda. Das Unternehmen startete vor rund 15 Jahren als einer der ersten Trainingsanbieter, der sich auch auf elektronische Bildungsmedien spezialisierte.

Vor zwei Jahren meinte man, nachdem es jahrelang langsam bergauf gegangen war, schnell wachsen zu müssen, und ließ sich vom schwedischen Anbieter M2S aufkaufen, um die Internationalisierung zu schaffen. Vor einigen Wochen meldete M2S Konkurs an. Die deutsche Niederlassung ging nun „für ein Apfel und ein Ei“ wie ein Insider erzählte, an den größten E-Learning-Anbieter Smart Force.

M2S hatte für Prokoda einen dreistelligen Millionenbetrag (Mark) gezahlt. Jürgen Theisen, Mitgründer und Mitglied der heutigen Smart-Force-Prokoda-Geschäftsführung, macht sich keine Illusionen: „Wir sind zu schnell gewachsen, wollten europaweit expandieren und haben die hohen Vorlaufkosten unterschätzt. “ Zudem habe die Integration der beiden Produktlinien von M2S und Prokoda viel Zeit und Geld gekostet. „Anbieter von Standardlösungen werden es in Zukunft sehr schwer haben“, ist Theisen überzeugt. Die Lokalisierungs- und Anpassungskosten eines Produktes seien viel zu hoch. Es werde nur noch ganz wenige große Anbieter geben, die dies leisten könnten.

Der Begriff der reinen Wissensvermittlung weicht auf

Die beiden Wissenschaftler Beck und Sommer sehen eine weitere Entwicklung, worauf sie nächstes Jahr auf der Learntec einen Schwerpunkt setzen wollen: „Lernen und Informieren wachsen zusammen.“ Der Begriff der reinen Wissensvermittlung werde aufgeweicht. Beck nennt dazu folgendes Beispiel: Künftig könnten sich Besucher eines Mobilfunkladens an den Rechnern über neue Produkte und deren Bedienung informieren. Für die junge Generation werde es immer selbstverständlicher, elektronisch Auskunft zu holen und zu lernen.

„E-Learning wird ein gesamtgesellschaftliches Phänomen“, prophezeien die Professoren, es werde viel stärker als bisher Einzug in Schule, Hochschule und Privatleben halten. Uwe Thomas, Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, beschrieb seine Vision: Jedem Schüler seinen Notebook mit dem Gerät des Lehrers vernetzt. Der Politiker sieht IT-Kompetenz zum Allgemeingut werden.

Der Umgang mit dem PC entwickle sich zur Selbstverständlichkeit. Überall, in der Schule, zu Hause, im Betrieb sowieso, werde die IT-Infrastruktur zur Verfügung stehen, also PC und Internet-Anschluss. IT-gestützte Bildung werde ein weltweiter Markt. Darauf müssten sich die Europäer einstellen. Denn amerikanische Hochschulen fingen an, ihre Inhalte über das Web anzubieten und auch virtuelle Abschlüsse zu ermöglichen.

Audi bildet via PC aus

Wie Visionen Realität werden, zeigt das Beispiel Audi. Personalvorstand Andreas Schleef verkündete eine IT-Bildungsoffensive. Innerhalb eines Jahres sollten alle 44 000 Beschäftigte in den deutschen Werken grundlegende IT- und Web-Kenntnisse erwerben. Heute, nach knapp über einem Jahr, nähert sich das Projekt dem Ende, und fast alle Beschäftigten haben die „IT-Card“ erworben, nämlich das Zertifikat, dass sie über Computer- und Internet-Basiskenntnisse verfügen.

Der Autobauer hat, wie Josef Szymanski vom Bildungswesen zugab, einen sehr großen Aufwand betrieben, allein um zum Beispiel in der Produktion Lerninseln zu installieren. Die ganze Ausbildung lief via PC. Zuerst wurden in Workshops die Gruppenleiter geschult, die dann ihr Wissen weitergaben. Gelernt wurde in der Arbeitszeit, die Gruppen mussten ihre Lernprozesse selbst organisieren. Zusätzlich forderten die Mitarbeiter CD-ROMs an, denn das Interesse war groß, zu Hause weiterzulernen. 13 000 Silberscheiben gingen an die Beschäftigten.

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