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Angst essen Microsoft auf

09.11.2005
Chief Software Architect Bill Gates und CTO Ray Ozzie fordern von ihrer Firma einen radikalen Wandel in der Art und Weise, wie sie Software und Dienste entwickelt.

Dem "Wall Street Journal" liegt ein internes Microsoft-Memo vom 30. Oktober vor, das Gates an hochrangige Manager und Entwickler von Microsoft geschickt hat. Darin schreibt Gates, Microsoft müsse neue Techniken besser adressieren, mit denen künftig im Netz Geld zu verdienen sei. "Der nächste Gezeitenwechsel rollt auf uns zu", warnt der Firmengründer.

Zugrunde liegt dem Gates'schen Appell ein Memo des neuen Chief Technology Officer Ray Ozzie. Der wiederum beschreibt einige Chancen, die Microsoft verpasst hat, und zieht seinen Hut vor Firmen wie Google, Salesforce.com oder Skype Technologies, die Internet-Dienste vorangebracht haben.

Das Memo wirft ein neues Licht auf Microsofts Reorganisation in drei Geschäftsbereiche, von denen jeder neue Online-Dienste zum bestehenden Produktportfolio des Unternehmens hinzufügen soll. Es zeigt außerdem, dass Ozzie beim Vorantreiben solcher gebühren- oder werbfinanzierten Dienste eine tragende Rolle zukommt - in der vergangenen Woche hatte der Notes- und Groove-Erfinder ja bereits mit "Windows Live" und "Office Live" gemeinsam mit Gates einen ersten Schritt in diese Richtung vorgestellt (siehe "'Live': Microsoft will mehr vom Online-Werbekuchen" und "'Live' ist Microsofts Kundenbindungsprogramm").

Ozzie fordert jede der drei neuen Sparten auf, einen Plan für die Entwicklung ihrer eigenen Dienste vorzulegen. Bis Mitte Dezember sollen außerdem in jeder Division neue Top-Manager ernannt werden. "Es ist klar, dass wenn wir das nicht hinbekommen, unser Geschäft so wie wir es kennen auf dem Spiel steht", schreibt der CTO. "Wir müssen rasch und entschieden antworten."

Die Mails von Gates und Ozzie wertet das "Journal" als bislang klarsten Beweis dafür, wie ernst Microsoft die Bedrohung durch eine neue Generation sich rasch ändernder Internet-Dienste nimmt. Gates zieht einen Vergleich zu zwei früheren Krisenzeiten seiner Firma - das erste Aufkommen des Web, das er 1995 selbst als "die Internet-Flutwelle" bezeichnet hatte, und einen Paradigmenwechsel in Richtung Internet-fokussierter Softwareentwicklung, die im Mittelpunkt eines weiteren Memos aus dem Jahr 2000 stand.

In der aktuellen Wettbewerbssituation hat das Netz mittlerweile Services hervorgebracht, die an die Stelle lizenzierter Software treten können und sich häufig über Werbung finanzieren. Darauf hat Microsoft bereits mit MSN und den neuen Live-Ankündigungen zu reagieren begonnen.

Trotzdem erlöst Microsoft noch immer das meiste Geld mit Software, die auf den Rechnern von Nutzern installiert ist und deren Entwicklung immer schmerzlicher lange dauert. Als Unternehmen, das technische Standards setzt, an denen sich andere Programmierer orientieren, verliert Microsoft aus Sicht von Ozzie mehr und mehr an Bedeutung, weil Developer einfachere Techniken vorziehen, mit denen sie schnell Web-Services bauen und die Nutzer dann ausprobieren können.

Ozzie fordert, dass sich Microsofts Betriebssystem- und MSN-Abteilungen zusammentun müssen, um ein neues "Software-Kochbuch" für die Erstellung von Services zu definieren - eine "Internet-Diensteplattform der nächsten Generation", die Innovation sowohl innerhalb wie außerhalb des Unternehmens befördern soll.

Das Memo beweist, welche Machtfülle Microsoft Ozzie - dereinst zu Lotus-Development-Zeiten noch ein arger Konkurrent - nach nur acht Monaten im Unternehmen einräumt, die technische Vision des Konzerns neu zu gestalten. Von seiner Leistung in den kommenden Jahren wird es abhängen, ob er in Zukunft vielleicht noch eine tragendere Rolle bei Microsoft einnimmt.

Gates will seine Aufgabe als Chief Software Architect sicher nicht so bald dreingeben, auch wenn er sich in den kommenden zehn Jahren zunehmend auf seine philanthropischen Aktivitäten fokussieren wird. Leute, die mit seiner Denke vertraut sind, wissen aber auch, dass sich der Microsoft-Gründer bemüht, einen neuen technischen Vordenker heranzuziehen und weitere Manager, die über den Tellerrand schauen und ihn teilweise entlasten könnten.

Bei der jüngsten, von CEO Steve Ballmer angestrengten Restrukturierung wurde an die Spitze jedes der drei neuen Bereiche sein Manager aus dem Vertriebs- und Marketing-Bereich des Unternehmens gestellt. Experten haben bereits auf die Notwendigkeit verwiesen, diesen auch hochrangige technische Gegenstücke zur Seite zu stellen.

Diese Aufgabe scheint sich zu einem Gutteil nun Ray Ozzie anzuziehen. Sein Memo sei überraschend in seiner Offenheit, schreibt das "WSJ"; trotz höflicher Formulierung nehme der neue CTO kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Probleme von Microsoft gehe. Unter anderem spricht er von "Spannungen" zwischen einzelnen Bereich der Firma, die ihre Internet-Aktivitäten ausgebremst hätten.

"Diese Teams müssen zusammenarbeiten und von ihren gegenseitigen Stärken profitieren", schreibt Ozzie. Microsoft habe zwar bei Internet-Diensten "gute Fortschritte" gemacht, doch gebe es "eine Reihe sehr starker und zielgerichteter Wettbewerber, deren Fokus laserscharf auf Internet-Dienste und Service-fähige Software gerichtet" sei.

"Wir hätten mit all unseren Web-Liegenschaften führend sein können, wenn wir das Potenzial von AJAX und unsere Pionierarbeit bei OWA (Outlook Web Access) ausgenutzt hätten", so Ozzie. Obwohl Microsoft sehr wohl um die Bedeutung von Internet-Suche gewusst habe, "hat Google durch seien Fokussierung eine unglaublich starke Position erreicht", heißt es weiter.

Googles breite Investitionen in das Netz - auch wenn man noch nicht absehen könne, welche davon einmal Früchte tragen würden - "könnten sich letztlich zu einer substanziellen Bedrohung für unsere Angebote entwickeln". Yahoo hingegen sei doch eher eine Medienfirma und nutze (abgesehen von seiner Werbeplattform) seine Plattformfähigkeiten hauptsächlich als internes Asset.

"Das Gleiche gilt für Apple, das bei der Integration von Hardware, Software und Services eine durchgängige Erfahrung mit .Mac, iPod und iTunes einen beneidenswerten Job gemacht hat, aber weniger daran interessiert zu sein scheint, Entwicklern beim Bau substanzieller Produkte und Geschäfte zu helfen", so der CTO weiter.

Und obwohl Kommunikationssoftware von Microsoft Telefongespräche über das Internet, bekannt unter der Abkürzung VoIP, durchaus beherrsche, "war es doch Skype und nicht wir, das VoIP richtig populär gemacht und eine neue Kategorie geschaffen hat", schreibt Ozzie.

Auch mobiles Messaging habe Microsoft seit langem verstanden, aber "erst jetzt überholen wir den BlackBerry." Und die Office-Suite schließlich verwende zwar wichtige Web-Techniken, aber sie sei "noch nicht die Quelle zentraler Web-Datenformate" so wie Adobe Systems' PDF für den Umgang mit elektronischen Dokumenten.

Welche Services und Software Microsoft letztlich schaffen wird, definiert der CTO nicht spezifisch. Er betont lediglich, dass sie "nahtlos" sein werden - entworfen für eine Umgebung, in der Nutzer zwischen PCs, Notebooks, Taschencomputern, Mobiltelefonen und Spielekonsolen wechseln. "Ein solches 'Seamless'-Betriebssystem würde zum Beispiel Anwendungen automatisch und jeweils passend auf all ihre Geräte verteilen", skizziert Ozzie.

Die kommende "Service-Welle" werde "sehr durchschlagend" sein, betont Gates in seiner einleitenden Botschaft. "Wir haben Wettbewerber, die sich an diesen Ansätzen festbeißen und uns herausfordern werden - dennoch ist unsere Chance zu führen sehr klar." (tc)