IaaS für Enterprises

Amazon AWS wirbt um Enterprise-Kunden

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Sicherheit, Flexibilität, Preise, Konzentration auf das Kerngeschäft- mit vertrauten Argumenten werben die Amazon Web Services (AWS) um Nutzer aus klassischen Industriezweigen. Die technische Datensicherheit wird von AWS betont. Der juristische Datenschutz nach deutschem Gesetz bleibt eine Schwachstelle.
Werner Vogels AWS: "Wörter wie Agilität bestimmen die Headlines in den Medien. Die Unternehmen müssen flexibler werden."
Werner Vogels AWS: "Wörter wie Agilität bestimmen die Headlines in den Medien. Die Unternehmen müssen flexibler werden."
Foto: AWS

Amazon Web Services (AWS), bislang stark vertreten, wenn Startups und Internet-Firmen ohne IT-Altlasten Infrastruktur-Leistungen benötigen, konzentrierte sich mehr und mehr darauf, Kunden aus den traditionellen Branchen zu gewinnen. Das wurde auf dem diesjährigen "AWS Summit 2014" in Berlin sehr deutlich. Zur Eröffnungsrede bat AWS-Chef Werner Vogels nacheinander Unternehmensvertreter vom Versicherungskonzern Talanx, Reinigungsspezialisten Kärcher sowie von der Software AG auf die Bühne. Sie präsentierten dort ihre IT-Lösungen auf Basis der Amazon-Cloud.

Talanx und Kärcher in der AWS-Cloud

Talanx, eine der größten europäischen Assekuranzen, wurde von den regulatorischen Anforderungen in die Amazon-Cloud gelenkt. Solvency II verlangt von Versicherungsunternehmen ein striktes Risiko-Management inklusive Dokumentation, die jeweils vier mal pro Jahr den Kontrollbehörden überreicht werden müssen - und zwar parallel zu den üblichen Quartalsberichten. Für das Reporting, vor allem aber für die Kalkulation der Risiko-Szenarien hat Talanx Computing und Speicherressourcen bei AWS angemietet. "Wir können nun 10.000 Szenearien gleichzeitig berechnen", berichtete Achim Heidebrecht, Head of Group IT der Talanx AG. Das sei für die Risikoabschätzung entscheidend, denn "je mehr Szenarien wir durchspielen können, desto besser." Dazu nutzt der Konzern bis zu 370 Instanzen mit bis zu 200 Terabyte Speicherkapazität. Die jährlichen Einsparung bezifferte Heiderecht auf acht Millionen Euro. Ziel ist es nun, weitere Applikationen in die AWS-Cloud zu verlagern.

Kärcher ist einer der Weltmarktführer bei Reinigungsgeräten. Die Kundschaft erwartet einwandfrei funktionierende Maschinen, weil die Putzkolonnen oft einen engen Zeittakt haben, in denen sie ihre Arbeiten abschließen müssen. Der Hersteller stellt ihnen über die AWS-Infrastruktur alle notwendigen Daten und Informationen zur Verfügung. Da der Prozess des Reinigen laut Alexander Grohmann, Manager After Sales & Services bei der Alfred Kärcher GmbH & Co. KG in vielen Regionen unterschiedlich verläuft, sind länderspezifischen Angaben erforderlich. Auch das war ein Grund dafür, den Service in die AWS-Cloud zu verlagern, immerhin, so der Manager, könne Amazon weltweite Verfügbarkeit gewährleisten. Wesentlich war aber auch die schnelle Verfügbarkeit neuer IT-Ressourcen. Kärcher hat seinen Maschinenpark nämlich um M2M-Connectivity (Machine to Machine) ergänzt. Die Geräte senden ihre Betriebsdaten regelmäßig in die Amazon-Cloud. Mit den Informationen möchte Kärcher die Einsatzzeiten der Maschinen optimieren.

Die Software AG ist IT-Anbieter der alter Schule im on-Premise-Geschäft, drängt aber mit Vehemenz in die Cloud. Ein erster Kunde tat sich überraschend in Australien auf, wo Vodafone die Geschäftsprozessmodellierung-Software "Aris" im on-Demand-Modell nutzt. Technische Basis des Angebots "Aris as a Services" ist die Amazon Infrastruktur.

Die Argumente der drei Vorzeigekunden ähnelten sich: Preis, Skalierbarkeit, Schnelligkeit, globale Verfügbarkeit und Flexibilität sind allen Anwendern wichtig, nur die Gewichtung der jeweiligen Merkmale fallen von Firma zu Firma anders aus. Die Beispiele zeigte aber auch, dass auf AWS-Basis typischerweise neue Geschäftsmodelle entworfen werden. Die drei Unternehmen haben allesamt neben ihren herkömmlichen IT-Installationen eine neue Infrastruktur in der Cloud erschlossen, um ihre Innovationen zügig einzuführen zu können.

Datensicherheit und Datenschutz

Werner Vogels AWS: Die Dienste müssen einfacher nutzbar werden.
Werner Vogels AWS: Die Dienste müssen einfacher nutzbar werden.
Foto: AWS

Amazon weiß indes ganz genau, dass der Erfolg im B2B-Geschäft mit der Sicherheit der Daten steht und fällt. AWS-Chef-Vordenker Werner Vogels betonte in seiner Eröffnungsrede mehrfach und ausführlich, wie wichtig es der Company ist, dass Kundendaten vor fremden Zugriffen geschützt sind. Dazu hat der Betreiber in den AWS-Diensten mehrere Security-Schranken etwa zur Verschlüsselung eingebaut. Die Betonung der Datensicherheit zielte eindeutig auf die Befindlichkeiten der deutschen Anwender, die durch die Snowden-Enthüllungen in ihrer Skepsis bestätigt wurde. "Wir waren nie Teil von PRISM", versuchte Vogels das deutsche Publikum zu beruhigen.

Doch die Datensicherheit ist nur der technische Teil, den deutsche Anwender beschäftigt, die rechtliche Ausprägung in den Datenschutzgesetzen kann Amazon nicht erfüllen, so lange der Betreiber keine Data-Center-Kapazitäten in Deutschland vorweisen kann. Zwar wird seit Wochen darüber spekuliert, dass Amazon an einem eigenen Rechenzentrum in Deutschland baut. Eine offizielle Ankündigung blieb auf dem Event allerdings aus (siehe Amazon AWS kommt nach Deutschland: Na und?).

Das Partnernetz muss wachsen

Nicht nur Fragen nach dem Datenschutz muss AWS beantworten können, wenn man das Marktsegment der Enterprise-Kunden erschließen möchte, sondern auch nach Beratung. Bislang setzt die AWS-Nutzung weitgehend Selbsthilfe voraus, selbst die Online-Hilfsangebote wie How-Tos und FAQs erfordern immer auch ein gehöriges Maß an IT-Wissen. AWS-Chef Vogels kündigte gegenüber der COMPUTERWOCHE zwar Nachbesserungen bei der Benutzerführung an, entscheidend darüber, ob Kunden aus den Fachbereichen und aus mittelständischen Unternehmen die Amazon-Cloud einsetzen werden, dürften Partner sein, die den AWS-Zugang umsetzen.

Sowohl die eigene Beratungsleistungen als auch die Zahl der externen Partner sollen zügig ausgebaut werden, versprachen die AWS-Verantwortlichen: "7Principles, Beck.et.al, CloudReach und Netapp sind aktuelle Partner", sagte Deutschlandgeschäftsführer Martin Geier gegenüber der Computerwoche. "Aber keine Frage: Das Netzwerk muss größer werden."

Der Bedarf an Beratung und Hilfeleistung ist da, berichtete etwa Siegfried Lautenbach, Geschäftsführer von Beck.et.al. Seit einigen Monaten ist der IT-Service-Povider AWS-Partner und konnte in dem Zeitraum schon einige Leads gewinnen. "Die Unternehmen probieren mit den Amazon-Services neue Modelle aus, sie können mit der Umgebung Wege beschreiten, die zuvor nicht möglich waren", schildert Lautenbach seine Erfahrung aus ersten Projekten.

Spagat zwischen Startup und Enterprise

Der AWS Summit in Berlin zeigte deutlich Amazons schwierigen Spagat zwischen der bekannte Klientel aus der Startup-Szene und der neuen Kundschaft aus dem klassischen Enterprise-Geschäft: Auf der Bühnen gaben Anzugträger aus Unternehmen wie Talanx, Kärcher, Springer, Burda und Philips den Ton an. Im Zuschauerraum und in den Sessions prägten junge Männer mit Kapuzen-Shirt und Jeans das Bild.

Möglicherweise ist es aber leichter, die unterschiedlichen Anforderungen der beiden Zielgruppen auf der IT-Infrastrukturseite unter einen Hut zu bringen, als für beide Kundengruppen einen gemeinsamen Event zu veranstalten. Der AWS Summit in Berlin versprüht den Charme eines von der wirtschaftlichen Entwicklung überraschten Startup-Büros: Überfüllte Workshops, überlastete WLANs, fehlenden Besprechungszonen und ratlose Empfangsdamen sind keine Empfehlungsschreiben für CIOs und IT-Manager. "Desaströs", lautete der Urteil eines Ausstellers - was die Organisation der Veranstaltung betrifft. Mit dem Geschäftlichen zeigt er sich zufrieden.