Programmiersprachen in der Praxis

7 Vorurteile gegen Cobol

20.03.2013 | von Andreas Schaffry (Autor) 
Andreas Schaffry
Dr. Andreas Schaffry ist freiberuflicher IT-Fachjournalist und seit 2006 für die CIO.de-Redaktion tätig. Die inhaltlichen Schwerpunkte seiner Berichterstattung liegen in den Bereichen ERP, Business Intelligence, CRM und SCM mit Schwerpunkt auf SAP und in der Darstellung aktueller IT-Trends wie SaaS, Cloud Computing oder Enterprise Mobility. Er schreibt insbesondere über die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen IT und Business und die damit verbundenen Transformationsprozesse in Unternehmen.
Die Programmiersprache sei angeblich veraltet, nur für Mainframes gedacht und nicht in moderne IT integrierbar. Die Praxis widerlegt viele Vorbehalte.
Mehr als die Hälfte der Unternehmen, die noch Cobol-Applikationen einsetzen, entwickeln auch neue Anwendungen auf Cobol-Basis.
Mehr als die Hälfte der Unternehmen, die noch Cobol-Applikationen einsetzen, entwickeln auch neue Anwendungen auf Cobol-Basis.
Foto: Computerworld

Viele Organisationen verarbeiten betriebswirtschaftliche Daten mit Cobol-programmierten Business-Anwendungen. Eine aktuelle Umfrage unserer Schwesterpublikation Computerworld unter mehr als 350 IT-Managern fand heraus, dass in 54 Prozent der Fälle mehr als die Hälfte der intern entwickelten Geschäftsanwendungen Cobol-Applikationen sind.

Insbesondere in Banken, Versicherungen, in der Touristik oder in den Finanzverwaltungen basieren viele IT-Systeme auf dieser Programmiersprache. Dennoch gilt Cobol heute bei vielen Experten im Vergleich zu Java, C++ oder C# als veraltet. Micro Focus, ein Anbieter für Modernisierung, Testing und Management von Business-Applikationen mit Sitz in München, will die sieben gängigsten Cobol-Vorurteile widerlegen. Das gelingt nur zum Teil.

Mainframes sterben aus, Cobol auch

Vorurteil 1: Cobol ist eine Großrechnersprache und der Mainframe stirbt aus. Das ist falsch, denn Cobol-Applikationen können heute auf allen gängigen IT-Plattformen, ob Windows, Unix oder Linux, betrieben werden. Da die Programmiersprache weitgehend plattformunabhängig sei, könne ein und dasselbe Cobol-Programm am Großrechner und gleichzeitig unter Linux laufen kann.

Vorurteil 2: Cobol braucht heute niemand mehr. Der weltweite Bestand an Cobol-Applikationen in Unternehmen und Verwaltungen wird aktuell auf einen Umfang von über 220 Milliarden Code-Zeilen geschätzt. Da diese hohe Anzahl von Cobol-Programmen weiterhin gepflegt und erweitert werden muss, ist ein Cobol-Ende nicht in Sicht.

Vorurteil 3: Entwicklungsumgebungen für Cobol sind nicht mehr zeitgemäß. Die Entwicklungsumgebungen, mit denen heute Cobol-Anwendungen erstellt werden, unterscheiden sich nicht von denen für andere Programmiersprachen. Die Entwicklung erfolgt in der Regel auf verteilten Systemen mit modernen integrierten Entwicklungsumgebungen wie Visual Studio oder Eclipse. Diese stellen zeitgemäße Methoden und Techniken wie Intellisense zur automatischen Vervollständigung bei der Bearbeitung von Quellcode bereit.

Vorurteil 4: Cobol kann nicht in aktuelle Technologien integriert werden. Falsch: Mit modernen Cobol-Compilern lässt sich entweder nativer Code für Windows, Unix und Linux generieren oder es werden Managed-Code-Formate erzeugt. Dazu zählen die Common Intermediate Language (CIL) für .NET unter Windows oder Java Byte Code für die JEE-Welt. Auf diese Weise werden Cobol-Programme ist nahtlos in moderne Technologien integriert und unterscheiden sich zur Laufzeit praktisch nicht mehr von einem Java- oder C#-Programm.

Vorurteil 5: Cobol kann die Vorteile der Objektorientierung nicht nutzen. Auch diese Ansicht ist falsch. Seit der Verabschiedung des aktuellen Standards im Jahr 2002 unterstützt Cobol eine objektorientierte Programmierung. Diese wird häufig für die Anbindung an andere Sprachen wie Java oder C# genutzt. Der aktuelle Cobol-Standard unterstützt zudem internationale Zeichensätze einschließlich Unicode.

Vorurteil 6: Es ist schwierig an Cobol-Entwickler zu kommen. Diese Feststellung lässt sich nicht vom Tisch wischen. Laut Computerworld-Studie klagen 22 Prozent der befragten Cobol-Anwenderfirmen darüber, dass keine Cobol-Spezialisten auf dem Markt sind. Micro Focus argumentiert, dass Softwareentwickler, die bereits eine andere Programmiersprache beherrschen, sich schnell in Cobol einarbeiten könnten. Einfach scheint es aber nicht zu sein, junge Entwickler für Cobol zu begeistern. So fand die oben zitierte Studie heraus, dass 22 Prozent der Cobol-Entwickler über 55 Jahre alt sind, mehr als die Hälfte ist 45 oder älter.

Vorurteil 7: In der Praxis ist es einfacher und kostengünstiger Anwendungssoftware in Java oder C neu zu schreiben, als weiterhin bestehende Cobol-Anwendungen zu pflegen. Das Gegenteil sei der Fall: Vorhandene Cobol-basierte Business-Logik lässt sich einfach kapseln, auf andere Systeme verlagern und dort im Verbund mit Java- oder C#-Programmen betreiben. Die Geschäftslogik kann Anwendern dann per Web Services auf einer modernen webbasierten Oberfläche oder mobilen Applikationen bereitgestellt werden.

Cobol-Renaissance nicht in Sicht

Foto: rolffimages, Fotolia.com

Immerhin 40 Prozent der Studienteilnehmer wollen diesen Weg beschreiten, um ihre Cobol-Installationen zu modernisieren. Weitere 37 Prozent gaben an, einige Anwendungen auch in Zukunft auf Basis dieser Programmiersprache entwickeln zu wollen. Allerdings kann von einer Cobol-Renaissance kaum die Rede sein. Oft bleibt den IT-Organisationen gar keine andere Wahl als Cobol weiter zu nutzen, denn: Die Migration großer Cobol-basierter IT-Systeme ist extrem kostenintensiv und hochriskant. Schätzungen des US-Marktforschers Gartner zufolge ist die Anzahl der weltweiten Cobol-Installationen in den letzten fünf Jahren sogar um fünf Prozent gesunken.

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag der CW-Schwesterpublikation CIO.de. (mhr)

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