Mehr Ernüchterung als Euphorie

5 Jahre OpenStack - wir ziehen Bilanz

Harald Weiss ist Fachjournalist in New York und Mitglied bei New York Reporters.
Am 21. Oktober 2010 erschien das erste OpenStack-Release. Heute sind über 500 Firmen in der OpenStack-Foundation vertreten. Zum Jubiläum ziehen wir Bilanz.
5 Jahre OpenStack - die Bilanz ist nicht ganz ungetrübt.
5 Jahre OpenStack - die Bilanz ist nicht ganz ungetrübt.
Foto: Openstack.org

Über 500 Firmen sind in der OpenStack-Foundation vertreten. Doch diese breite Unternehmens-Unterstützung bedeutet nicht automatisch, dass es für OpenStack auch eine leistungsstarke Entwicklungsbasis gibt. Wie bei vielen IT-Vereinigungen, so gibt es auch bei der OpenStack-Foundation extrem divergierende Interessenslagen, die einer schnellen und marktgerechten Weiterentwicklung im Weg stehen.

Vor fünf Jahren haben Rackspace und die NASA das OpenStack-Projekt ins Leben gerufen. Ziel war es, ein Anbieter-unabhängiges Cloud-Betriebssystem zu entwickeln. Am 21. Oktober 2010 gab es dann das erste Release, an dem bereits 35 Firmen mitgewirkt hatten. Ein Jahr später wurde die OpenStack-Foundation gegründet in der heute 541 Unternehmen vertreten sind. Darunter die IT-Powerhäuser IBM, HP, Oracle, SAP, Fujitsu, Hitachi und Dell; die Opensource-Spezialanbieter Canonical, Redhat und Suse sowie die Netzwerk-Anbieter Cisco, Huawei, AT&T und Juniper. Die Distribution erfolgt über Canonical, HP, IBM, Redhat und Mirantis. Die bekanntesten Anwender sind BMW, CERN, PayPal, Sony, Yahoo, Wal-Mart, Intel und eBay.

Viel Geld und viele Partner

Intel engagiert sich kräftig in Sachen OpenStack.
Intel engagiert sich kräftig in Sachen OpenStack.
Foto: Intel

Intel investiert seit einiger Zeit erhebliche Mittel in die Weiterentwicklung der Plattform. So meldete das Unternehmen erst vor kurzem, dass man 100 Millionen in den reinrassigen OpenStack-Anbieter Mirantis pumpen will, um dessen Distribution kräftig auszuweiten. "Wir setzen selbst OpenStack bei unseren Cloud-Projekten ein und wir wollen diese Erfahrungen mit unseren Kunden und Partnern austauschen. Insofern haben wir ein elementares Interesse am Ausbau dieser Plattform", bekannte Diane Bryant, Senior Vice President und verantwortlich für Intels Rechenzentren, auf dem jüngsten OpenStack-Summit in San Jose. Mirantis seinerseits wartete jüngst mit einer neuen Kooperation mit Google auf, bei der man Googles Kubernetes in die OpenStack-Plattform integriert hat. "Wir bieten jetzt eine einfache Point-und-Click-Lösung für die komplexen Aufgaben des Container-Managements im Rahmen von OpenStack an; hierzu gehören insbesondere Automatisierung, Bereitstellungen und Sicherheitsvorkehrungen", sagt Mirantis‘ President Alex Freedland über die Partnerschaft der beiden ungleichen Unternehmen.

Bislang ein steiniger Weg

Doch nicht immer ging es mit dem Support und den zugehörigen Partnerschaften geradlinig aufwärts. Einige Mitglieder der ersten Stunde kehrten OpenStack frustriert den Rücken oder reduzierten ihr Engagement. Die NASA veröffentlichte vor zwei Jahren einen internen Untersuchungsbericht, in dem sie den langsamen Fortschritt bei der technischen Weiterentwicklung beklagte und ihre Zuarbeit aufkündigte. Sie nutzt zwar heute noch OpenStack für die interne Cloud, fokussiert sich aber bei allen neuen Projekten auf Public-Cloud-Anbieter, vor allem auf Amazons AWS. Der Virtualisierungs-Spezialist Citrix hat mit OpenStack einen Schlingerkurs hinter sich. 2012 verabschiedete man sich bei dem Club, um die eigene CloudStack-Plattform zu promoten. Doch schon zwei Jahre später wurde das CloudStack-Management gefeuert und Citrix engagiert sich seit dem wieder verstärkt bei OpenStack.

Problem 1: Skalierbarkeit und Performance

Eines der gegenwärtig größten Probleme von OpenStack ist die Skalierbarkeit. Allgemein geht man davon aus, dass sich OpenStack nur für Clouds mit maximal 30 Nodes eignet. "Der Flaschenhals ist das Netzwerk - hier haben proprietäre Lösungen die Nase vorn", gesteht Mirantis‘ Marketingchef Boris Renski ein. Doch an dem Problem wird gearbeitet. Hierzu haben Intel und Rackspace im vergangenen Juli das OpenStack-Initiative-Center gegründet, in dem eine Testumgebung geschaffen werden soll, die einen Cluster mit 1.000 Nodes betreibt.

Problem 2: Die Sicherheit

Die Performance-Probleme von OpenStack haben auch dazu geführt, dass man die Sicherheit nicht immer hoch genug angesiedelt hat. "OpenStack ist noch ein sehr junges Produkt, dessen Schwächen und Fehler bei weitem noch nicht alle entdeckt sind. Hier wird es noch ganz viele böse Überraschungen geben", sagt der Sicherheitsexperte Corey Nachreiner. Er sieht derzeit als einzig positives Zeichen, dass man innerhalb der OpenStack-Gemeinde das Problem erkannt hat und dass man offen über Verbesserungen diskutiert. "Es ist OpenSource, also lässt sich jedes Problem von jedem sofort nachverfolgen. Das ist wesentlich besser, als wenn alles hinter verschlossenen Türen abläuft", urteilt er über die Anstrengungen der Foundation, die Sicherheit zu verbessern.

Problem 3: Die Komplexität

Luke Kanies klagt über schwierige Installation.
Luke Kanies klagt über schwierige Installation.
Foto: Puppet Labs

"OpenStack war die kompliziertes Installation, die ich jemals machen musste", erinnert sich Luke Kanies, CEO des auf RZ-Automatisierung spezialisierten Systemhauses Puppet Labs. Die OpenStack-Anbieter bestreiten das auch gar nicht. "Die Komplexität liegt in der Natur des Lösungsansatzes: OpenStack betrifft das Netzwerk, den Storage und Computing-Ressourcen, die es in hunderten an verschiedenen Ausprägungen gibt - denken wir nur an die neuen Software Defined Networks, gestaffelten Storage und immer größer werdende Analytics-Cluster", gibt Mark Shuttleworth, CEO und Gründer von Canonical, dessen Hauptprodukt Ubuntu Linux ist, zu bedenken.

Problem 4: Nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter

Viele IT-Berater sehen OpenStack auch noch aus einem andern Grund recht kritisch. "Es ist völlig unerheblich, wie viele große IT-Unternehmen sich bei OpenStack engagieren, das Hauptproblem wird damit nicht kleiner: nämlich der Mangel an qualifizierten Infrastruktur-Spezialisten und -Programmierern", warnt Keith Townsend, ein auf Virtualisierung und Hybrid-Cloud spezialisierter IT-Consultant in Chicago. Auch der IDC-Analyst Andreas Olah ist ähnlich kritisch. "Viele IT-Chefs halten OpenStack für ein interessantes Konzept, doch sie scheuen dessen Nutzung bei den geschäftskritischen Anwendungen, da es an entsprechend qualifiziertem Personal und der notwenigen Systemperformance fehlt", schrieb er in einer Research-Note.

Problem 5: Nicht so offen, wie es angepriesen wird

Olah verweist auch noch auf einen anderen Punkt, auf den ihn seine Kunden immer wieder hinweisen. "OpenStack ist bei weitem nicht so offen, wie es immer dargestellt wird. Der Lock-in ist nur wesentlich subtiler, da alle Anbieter immer nur von der Offenheit reden, tatsächlich aber ist der wahlfreie Austausch von einzelnen OpenStack-Komponenten verschiedener Anbieter äußerst kompliziert", lautet sein Hinweis an die CIOs.