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Marktforscher bewerten Android-Plattform von Google

14.11.2007 um 18:05 Uhr
Revolution oder Rohrkrepierer? Marktbeobachter sind sich nicht ganz einig, welche Rolle die Android-Plattform im Mobilfunkmarkt spielen wird.

Unter den Marktforschern ist das Echo auf Android geteilt. "Das Timing der Ankündigung ist hervorragend", so Ovum-Analyst Martin Garner. Apple habe mit seinem iPhone das richtige Klima für eine Aufbruchstimmung geschaffen. Android sei der Versuch, eine starke, offene Plattform zu schaffen, die eine kritische Masse an Entwicklern anziehe und schnell bessere Geräte, Anwendungen und Services bereitstelle als die Wettbewerber. Im Wesentlichen gehe es in dieser frühen Phase darum, Entwickler auf das Software Developer Kit (SDK) aufmerksam zu machen, damit sie auf dieser Basis mobile Anwendungen schrieben.

In der Tat spricht Google in seinem ersten Werbevideo für die Mobilfunk-Plattform explizit Entwickler an. Ovum wirft die Frage auf, ob für Googles Ziel, die Softwarefragmentierung aufzuhalten, eine benutzerfreundlichere Oberfläche anzubieten und Werbung auf mobilen Endgeräten zu verbreiten, dieser große Wurf nötig war. Vielleicht hätte es ja auch ein einfacher Browser getan, so die Analysten. Ob Android zu einem Erfolg werde, sei keineswegs gewiss.

"Die Telco-Landkarte ist übersät mit wackligen, sich überschneidenden und gescheiterten Initiativen. Die meisten Mitglieder der OHA haben Erfahrungen aus erster Hand damit", so Garner. "Wenn ich zynisch wäre würde ich sagen: Es kostet die Hersteller wenig, der OHA beizutreten und nette Dinge darüber zu sagen." Wenn sie es ernst meinten, sollten die OHA-Mitglieder für Glaubwürdigkeit sorgen. Dazu gehöre unter anderem

  • zu erklären, warum auf Handys mit Android-Software Google-Services mehr bringen sollen als auf derzeitigen Handys, auf denen man Google auch nutzen kann;

  • deutlich zu machen, welche Geschäftsmodelle die Mitglieder der OHA, also Netzbetreiber, Softwarehersteller, Anbieter von Chipsets und andere, verfolgen;

  • Details über die zu erwartenden Handy-Modelle und künftige Software herauszugeben und zu sagen, inwiefern diese den State of the art übertreffen (zumindest Google sollte seine Roadmap offenlegen);

  • zu erklären, warum die OHA besser und voraussichtlich erfolgreicher werden könne als LiMO, die Open Mobile Terminal Platform, die Open Mobile Alliance, die Gnome Mobile and Embedded Initiative oder andere relevante Allianzen;

  • darzulegen, wie diese sehr offene Plattform mit Sicherheitsfragen umgehen wird und

  • zu verraten, wie diese Initiative, an der einschließlich Google derzeit 34 Partner mitarbeiten, gemanagt werden soll, denn so etwas sei schon in einem einzigen Großkonzern schwierig genug.

Der Name Google steht für Erfolg

Avi Greengart, Analyst bei Current Analysis, sieht vor allem die Chance, die dem Android-Konzept innewohne: "Wir haben von IT-Managern viel gehört über Enterprise-Class-Lösungen in Bereichen wie E-Mail, die aber nie das Licht der Welt gesehen haben, weil es keine vernünftige einheitliche Plattform gab." Dass Google hinter der Initiative stecke, erhöhe die Chance auf einen Erfolg gegenüber allen früheren Initiativen. Ein robustes Linux-System in der Hand von Google und seinen Partnern könne die bisherigen Bemühungen, mehr Plattformen mit Open-Source-Software auszustatten, in den Schatten stellen. Entwickler, die sich mit dem Linux-Kernel beschäftigt haben, sollten sich klarmachen, dass dies eine interessante Option sei.

Die Ankündigung könne dafür sorgen, dass Unternehmen die Chance bekämen, mobile Geräte viel mehr als bisher zu individualisieren und an den eigenen Bedarf anzupassen. Die Folge sei, dass Applikationen und Tools in die Unternehmen gelangen könnten, an die bislang nicht zu denken gewesen sei. Außerdem, so Greengart, bekommen Firmen unter Umständen die Möglichkeit, Geräte komplett zu verändern, ehe sie an die Mitarbeiter ausgegeben werden. Das, was heute als Default-Einstellungen vorgegeben ist, spiele dann möglicherweise keine Rolle mehr.

Android setzt sich durch - aber ganz langsam…

Der gesamte Softwarestack (Betriebssystem, APIs, Middleware, Anwendungen) setzt auf Linux auf und wird kostenlos unter einer Open-Source-Lizenz der Apache Software Foundation verteilt – für Forrester Research ist das ein erster Hinweis darauf, dass sich die Plattform auf Low-end-Geräten stark ausbreiten wird. Das Lizenzmodell erlaube Entwicklern an Android mitzuarbeiten, verlange aber die Weitergabe der Anpassungen an die Community.

Mit diesem Ansatz, so Forrester, räumt Google auf mit dem Missstand, dass mobile Anwendungen eng an kontrollierte Herstellerspezifikationen gebunden sind und oft auf mehrere unterschiedliche Softwarestacks portiert werden müssen, um eine kritische Masse an Anwendern zu erreichen. Nicht selten seien die Kosten für die Portierung höher als die für Entwicklung. Dadurch werde Innovation und Fortschritt behindert. Die OHA-Mitglieder bekennen sich zu Standards, Open Source und Java – sie könnten diese Probleme im Handstreich beseitigen, wenn sie ihren Zielen treu blieben.

Derzeit könnten Mobilfunkanwender – wenn man von Telefonie und SMS absieht - meist nur im selben Netz problemlos interagieren. "Indem Verizon, T-Mobile und Orange ihr eigenes Anwenderuniversum definieren, schließen sie ihre Nutzer ein. Anders als im Web, wo jeder jede Person erreichen und jeden Service beziehen kann, unterwerfen sich die meisten mobilen Anwendungen unfreiwllig den Interessen der Carrier. Erst wenn diese Netzwerkgrenzen nahtlos überwunden werden, wird sich der Erfolg einstellen", heißt es bei Forrester.

Unternehmen möchten ihre Geschäftsmodelle nicht länger an den Interessen und Fähigkeiten einzelner Carrier ausrichten. Der Android-Stack biete die Chance, eine ganze Palette von Geschäftsideen unabhängig vom Netzbetreiber zu verwirklichen. Dieser Ansatz stehe in scharfem Kontrast zu den von Carriern kontrollierten Modellen in Japan, Europa und vor allen den USA.

Dabei entstehen nicht nur für Google Vorteile – der Konzern kann sein Werbemodell auf den Mobilfunk übertragen -, sondern auch für die anderen Partner im "Android-Ökosystem". Die Handy-Anbieter können ihre Softwarekosten reduzieren, indem sie nicht mehr teure Softwarelizenzen an Microsoft (Windows Mobile) oder Symbian zahlen und weniger Aufwand für Customizing und Optimierung haben. Möglicherweise geht die Zeit, in der Entwickler Hunderte Codeversionen vorhalten mussten, um möglichst viele Plattformen und Endgeräte zu bedienen, jetzt zu Ende.

Geht der Plan auf, werden es Handys und Endgeräte mit der Android-Plattform ermöglichen, dass nur noch eine Anwendung geschrieben werden muss, die auf zahlreichen Geräten in unterschiedlichen Netzen weltweit läuft. Schon heute behaupten Microsoft, Nokia und Apple, jeweils ein solches Ökosystem aufgebaut zu haben. Der Android-Stack verspricht laut Forrester aber, eine billige, universelle, für jedermann zugreifbare Software-Umgebung, die auch kleine Softwareanbieter und einzelne Entwickler adressieren können.

Für Netzbetreiber entsteht der Vorteil, dass sie den Wert ihres Netzes steigern können. Bis jetzt haben sie in dem Bestreben, die mobile Bevölkerung ans Netz zu bringen, nach Meinung der Analysten versagt. Nicht mal jeder zehnte Nutzer in Europa und den USA greift heute mobil aufs Netz zu. Ebenso wenige Handybesitzer laden neue Anwendungen auf ihre Geräte herunter. Genutzt wird, was die ursprüngliche Konfiguration hergibt, und nicht mehr. Entstehen jetzt aber viele neue, netzfähige Anwendungen, die eine große Menge an mobilen Surfern erreichen, so werden diese künftig bereit sein für mehr zu zahlen als nur für Telefonie und SMS. Außerdem werden Google und andere Content-Partner die Netzbetreiber – möglicherweise gegen Consumer-Profile oder Verhaltensdaten - mit einem Anteil des Werbeumsatzes entlohnen.



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