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Yahoo-Chef Yang will 100 Tage nachdenken

10.09.2007
Abgehängt von Google, bemüht sich Yahoo, unter der Führung des Mitgründers und neuen CEO Jerry Yang, wieder Fahrt aufzunehmen. An der Börse stellt man sich indes auf längere Zeiträume ein.

Im Juni hatte Yahoo den zuletzt erfolglosen CEO Terry Semel geschasst; wenig später wurde eine strategische Neuausrichtung beschlossen, damit die Company besser vom boomenden Online-Werbegeschäft profitieren konnte. Doch im Juli musste das Unternehmen seine Geschäftserwartungen zurücknehmen und enttäuschende Geschäftsergebnisse melden. Yang erklärte den Analysten, dass er die nächsten 100 Tage brauchen werde, um eine langfristig tragfähige Strategie zu entwickeln und notwendige Umbauarbeiten in der Organisation und der Belegschaft vorzunehmen.

An der Börse hat der Online-Pionier inzwischen einen schweren Stand. Yahoo habe sich im Geschäft mit suchabhängiger Werbung von Google überraschen und abhängen lassen, lautet der zentrale Vorwurf. Der Management-Fokus habe in den letzten Jahren nicht gestimmt, außerdem seien Trends wie Videoportale und Web 2.0 zwar erkannt, nicht aber monetarisiert worden. In den vergangenen zwölf Monaten fiel der Börsenkurs um 15 Prozent.

Yang hatte im Juli gesagt, es werde bei der Neuausrichtung keine heiligen Kühe geben, Yahoo müsse sich schnell bewegen. Laut "Wall Street Journal" soll in verschiedenen Szenarien auch darüber gesprochen worden sein, das Geschäft mit Keyword-abhängiger Werbung im Rahmen eines Outsourcing-Abkommens an Microsoft oder Google auszulagern. Könnte sich Yahoo dazu durchringen, kämen sofort einige 100 Millionen Dollar jährlich mehr in die Kasse, so das Wirtschaftsblatt. Angeblich generiert Google mit jeder Suchanfrage 35 Prozent mehr Umsatz als Yahoo. Zudem könnte der Online-Dienst mit einer solchen Auslagerung die operativen Kosten senken und am Personal sparen.

Jerry Yang ist nicht nur einer der Gründer von Yahoo, er soll auch der wichtigste Sanierer werden.
Jerry Yang ist nicht nur einer der Gründer von Yahoo, er soll auch der wichtigste Sanierer werden.

Allerdings gibt es Signale aus dem Yahoo-Management, die gegen diese Option sprechen. Yang soll gesagt haben, Yahoo selbst müsse das "Marketing-Betriebssystem" sein und Anzeigenkunden mit der ganzen Palette an Werbemöglichkeiten zur Verfügung stehen. Inzwischen soll sich die Diskussion bei Yahoo wieder abgekühlt haben - zum Ärger einiger Investoren.

"Nachdem wir uns im August mit dem Management getroffen haben, sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass bei Yahoo derzeit nicht die Veränderungen vorgenommen werden, die nötig wären, um in die Erfolgsspur zurück zu kehren", zitiert das WSJ Glen Kacher, Managing Director bei Integral Capital Partners. Kacher hatte den Outsourcing-Ansatz favorisiert und sich enttäuscht gezeigt von dem, was Yahoo-President Susan Decker und Finanzchef Blake Jorgensen anzubieten hatten.

Mit Spannung wird nun erwartet, was Yang und seine Management-Kollegen in der 100-tägigen Phase der Grundsatzüberlegungen beschließen werden. Erwartet wird, dass Yahoo einige Aktivitäten herunterfahren wird. Dazu könnte der Musik-Dienst gehören, der 250 bis 300 Mitarbeiter beschäftigt: Dieser gebührenpflichtige Dienst wird möglicherweise generalüberholt oder abgeschaltet. Vermutlich wird außerdem das Personal intern kräftig durchgeschüttelt, wobei allerdings nicht mit größeren Entlassungen zu rechnen ist. Vielmehr dürften den erfolgreichen Diensten wie der Homepage, Yahoo Mail oder der Finanz-Site weitere Ressourcen zugeteilt werden.

Erste Frau im Unternehmen und Hoffnungsträgerin: President Susan Decker.
Erste Frau im Unternehmen und Hoffnungsträgerin: President Susan Decker.
Foto: Yahoo

Yahoo Mail ist mit rund 250 Millionen Nutzern eines "der größten schlafenden Social Networks", ließ sich Decker kürzlich vernehmen. Nicht ausgeschlossen, dass die Company hier ansetzen wird, um die Nutzerschaft für weitere Aktivitäten zu gewinnen. Zudem hatte Yahoo bereits angekündigt, die verschiedenen Werbebereiche, die für Banner-Werbung und suchabhängige Anzeigen verantwortlich sind, zusammen zu legen. Um die Reichweite im Geschäft mit Display-Anzeigen zu erhöhen, hatte das Unternehmen am vergangenen Dienstag den 300 Millionen Dollar teuren Kauf von BlueLithium angekündigt.

Angesichts der anstehenden Restrukturierung und der Kundenbasis von 463 Millionen Nutzern geben einige Investoren bereits wieder grünes Licht. Es sei kaum vorstellbar, dass es dem Management auf Dauer nicht gelingen werde, mit diesem Pfund zu wuchern. Und sollte das nicht der Fall sein, wäre Yahoo irgendwann billig genug, um von einem Konkurrenten gekauft zu werden – aus Sicht der Aktionäre ebenfalls ein attraktives Szenario. (hv)