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Worldcom-Skandal: Die Hintergründe, die Folgen

27.06.2002
Möglicherweise fast im Alleingang hat Worldcom-CFO Sullivan 3,8 Milliarden Dollar falsch verbucht. Nun droht dem TK-Riesen der Bankrott, und auch Partner wie EDS kommen wohl nicht ungeschoren davon.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der gestern bekannt gewordene Bilanzskandal bei Worldcom, der eine Ergebnisrevision enormen Ausmaßes (sechs mal größer als bei Enron) nach sich ziehen wird, wurde nur aufgrund einer internen Stichprobenprüfung offenbar. Dem zweitgrößten TK-Unternehmen der USA droht nun möglicherweise der Bankrott, auch andere Unternehmen wie EDS werden in Mitleidenschaft gezogen.

Was war passiert?

CEO John Sidgmore: "Wir haben uns gestellt."
CEO John Sidgmore: "Wir haben uns gestellt."

Den Stein ins Rollen brachte vor einigen Wochen der neue Worldcom-Chef John Sidgmore, der nach dem Abgang seines umstrittenen Vorgängers Bernie Ebbers eine interne Revision angesetzt hatte. Cynthia Cooper, eine interne Buchprüferin des Unternehmens, erhielt dabei den Auftrag, stichprobenartig die Investionsaufwände zu prüfen. Dabei stieß sie rasch auf etwas Seltsames: Finanzchef Scott Sullivan hatte seit dem Jahr 2001 Quartal für Quartal einen der größten Kostenblöcke, Zahlungen an lokale Carrier für die Komplettierung von Gesprächen, reichlich unorthodox als Investitionsaufwand ("capital expenditure") statt als operative Kosten verbucht.

Frau Cooper wandte sich daraufhin an Max Bobbit, den Leiter des internen Buchprüfungsausschusses, und setzte damit eine Kettenreaktion in Gang, die am Dienstagabend im Rauswurf Sullivans gipfelte. Insgesamt 3,8 Milliarden Dollar hatte dieser falsch verbucht - unter anderem mit der Folge, dass eigentlich rote Zahlen für das gesamte Jahr 2001 und das erste Quartal 2002 in einen Gewinn umgemünzt wurden. Die Zahlenwerke für die vergangenen fünf Quartale müssen deswegen nun neu geschrieben werden.

Interne Untersuchungen

Worldcom untersucht gegenwärtig, ob und gegebenenfalls ab wann neben CFO (Chief Financial Officer) Scott Sullivan noch andere im Unternehmen von der kreativen Buchführung wussten. Der Konzern hat zu diesem Zweck unter anderem den früheren SEC-Enforcement-Chef William McLucas angeheuert. Einer der "Verdächtigen" ist nach Angaben des "Wall Street Journal" Bernard Ebbers, dessen Büro im Worldcom-Headquarter in Clinton, Missouri, unmittelbar an das Sullivans angrenzte. Beide Manager arbeiten bereits seit 1992 eng zusammen und fädelten gemeinsam die Akquisitionen ein, die Worldcom spätestens mit der Übernahme von MCI im jahre 1999 zu einem der ganz Großen im amerikanischen TK-Markt machten.

Sullivan hat aus seinen Fehlbuchungen übrigens persönlich wohl keinerlei Vorteile gehabt. Er besitzt rund 3,2 Millionen Worldcom-Aktien, hat aber laut Thomson Financial seit fast zwei Jahren kein einziges Papier mehr verkauft. Der CFO hat auch nie versucht, seine Methoden zu verschleiern. Ein Insider gibt an, diese seien aus internen Dokumenten so klar ersichtlich, dass "andere Leute sie hätten bemerken müssen, so lange sie nicht blind waren". Die damaligen Wirtschaftsprüfer von Arthur Andersen zumindest behaupten, sie seien nicht konsultiert oder auch nur informiert worden.

Zuspitzung der Lage

Nachdem Sullivan Quartale lang zwischen 540 und 797 Millionen Dollar Kosten kapitalisiert hatte, wurde ihm die Sache nach dem Ergebnis vom vergangenen April offenbar selbst zu heiß. Im Mai soll der Finanzchef informierten Kreisen zufolge erstmals eine entsprechende Abschreibung in erwogen haben. Am 23. Mai wurde dann der Verwaltungsrat über eine drohende Sonderbelastung informiert, die die umstrittenen "line costs" einschließen sollte. Über deren Umfang herrschte allerdings Unklarheit.

Anfang Juni folgte dann die Meldung von Cooper an Bobbitt über die verdächtigen Einträge in den Büchern (Bobbitt stand seinerzeit übrigens selbst unter erheblichem Druck, weil er einen umstrittenen 408-Millionen-Dollar-Kredit an Firmenchef Ebbers verlängert hatte). Der Buchprüfer setzte den neuen Wirtschaftsprüfer KPMG ins Bild, und dieser fing an zu recherchieren. Es kam zu mehreren Treffen mit Sullivan und dessen oberstem Controller David Myers. Beide sahen sich nicht in der Lage, ihre Vorgehensweise zu rechtfertigen. Am Dienstag wurde dann Sullivan gefeuert und Myers der Rücktritt nahe gelegt.

Worldcom-Chef Sidgmore versuchte am Mittwochmorgen, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen. "Wir wollen klarstellen, dass Worldcom selbst diese Sache gemeldet und das auch flugs getan hat", erklärte der Ebbers-Nachfolger. "Mit anderen Worten: Wir haben uns gestellt."

Und was kommt nun?

Die US-Börsenaufsicht hat umgehend eine zivile Betrugsklage gegen Worldcom eingereicht. Das Unternehmen habe sich "fälschlicherweise als profitables Business dargestellt", so die SEC. Weiterer Unbill droht von Seiten des US-Justizministeriums. Das DOJ hat ebenfalls eine Untersuchung eingeleitet, die strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Unter anderem prüft das Ministerium die Vorwürfe des Anlagebetrugs, Bankbetrugs und Postbetrugs.

Sogar US-Präsident George Bush, der auf dem G8-Gipfel in Kanada von der Hiobsbotschaft überrascht wurde, hat sich prompt zu Wort gemeldet. Er forderte eine umfassende Aufklärung des Bilanzskandals und bezeichnete die Unregelmäßigkeiten als "unerhört". Mittlerweile stellt sich die Frage, ob Worldcom, das schon zuvor massiv in der Krise steckte, den neuerlichen Eklat überhaupt überlebt. Seine Gläubigerbanken zumindest haben bislang keine kurzfristigen Schritte eingeleitet. Insider gehen aber davon aus, dass ein Antrag auf Gläubigerschutz denkbar wäre. Am gesamten gestrigen Handelstag wurde die Worldcom-Aktie jedenfalls vom Nasdaq-Handel ausgesetzt. Das Papier steht gegenwärtig bei 83 Cent und ist damit von seinem Allzeithoch von 64,50 Dollar aus dem Jahre 1999 weiter entfernt denn je.

Da verwundert es wenig, wenn auch der New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer wieder einmal die Empfehlungen der Analysten bezüglich der Worldcom-Aktie unter die Lupe nimmt. Noch vor einem Monat, als die Aktie längst einstellig notierte, erhielt das Papier von einer Handvoll Experten noch immer die höchsten Bewertungen. Und vor dreizehn Wochen waren es sogar noch zehn Analysten gewesen, die eine Top-Bewertung aussprachen. "Ich fühle mich lausig. Ich empfehle meinen Kunden ungern Firmen zum Kauf, die in eine finanzielle Krise geraten", bekennt kleinlaut etwa Jeffrey Halpern von Sanford Bernstein, der noch bis gestern die Worldcom-Aktie mit "outperform" empfahl.

Schlechte Nachrichten bedeutet der Worldcom-Skandal ganz sicher auch für den texanischen Dienstleister EDS, einer der größten Lieferanten und auch Kunden des TK-Konzerns. Beide Firmen hatten im Oktober 1999 umfassende Kooperationen vereinbart. In deren Rahmen erhält EDS jährlich rund 600 Millionen Dollar (oder knapp drei Prozent seines Umsatzes) für den Betrieb der Worldcom-Computernetze, zahlt allerdings auch in etwa die gleiche Summe an Worldcom, das im Gegenzug das Telefonnetz für EDS und dessen Kunden managt. Es gibt bislang unbestätigte Gerüchte, dass die SEC auch diesen Deal untersucht und sich vor allem dafür interessiert, wie hier Einnahmen und Kosten verbucht werden. (tc)